Der überall zu beobachtende Mangel an Schutzkleidung wurde an den Containern des provisorischen Diagnostikzentrums der KV Schleswig-Holstein in Kiel noch von einem anderen Engpass übertroffen: Probenmaterial wurde im Laufe des April zusehends knapper. Weil die herkömmlichen Röhrchen immer weniger wurden, funktionierten Dr. Matthias Seusing und seine Kollegen Blutentnahmeröhrchen um. Sie arbeiten zudem mit handelsüblichen Wattestäbchen, von denen sie nach Abstrich den Stiel abbrechen müssen, damit sie in die kurzen Röhrchen passen.

Vielleicht liegt es an der Erfahrung, dass Seusing sich über so etwas nicht beschwert, sondern es nur als „unhandlich“ bezeichnet – und einfach weitermacht. Seusing hat eine Menge Berufserfahrung. Die Nachfolgerin in seiner Hausarztpraxis im Kieler Stadtteil Elmschenhagen hat sich längst eingearbeitet und die ehrenamtlichen Aufgaben nehmen überschaubare Zeit in Anspruch; er kann sich in Ruhe aussuchen, welche Prioritäten er für seinen Alltag setzt. Diese Priorität heißt seit einigen Wochen: Dienst am Corona-Container. Seusing koordiniert die Arbeit im Kieler Diagnostikzentrum der KV, macht selbst Abstriche, organisiert die Dienstpläne. Seit Wochen ist er freiwillig im Dienst, über einen längeren Zeitraum waren es täglich fünf Stunden. Seusing ist einer der zahlreichen Ärzte im Ruhestand, die bundesweit bei der Bekämpfung des Virus helfen und ohne die die bisherigen Erfolge wohl nicht so schnell eingetreten wären. 

Einsatzort ist ein staubiger Sandweg direkt neben dem Olof-Palme-Damm in Kiel. Es ist laut, warm, windig und staubig. Vor zwei Containern mit provisorischer Einrichtung halten Autos, in denen Menschen mit dem Verdacht auf eine Infizierung mit dem neuartigen Coronavirus ungeduldig auf einen Abstrich warten. Seusing hat an diesem Tag keinen Dienst an den Autos, sondern kümmert sich um organisatorische Dinge. Als Notdienstbeauftragter der KV für Kiel, als Gründungsmitglied des Kieler Praxisnetzes und langjährig engagierter Arzt in der Standespolitik verfügt er über zahlreiche Kontakte. Genau die brauchte es, um schnell Kollegen zu finden, die an den Containern Dienst machen. Er hat einen Pool mit rund zehn Kollegen aufgebaut, mehrheitlich sind diese wie er nicht mehr mitten im Berufsleben. „Wir machen hier von zwölf bis 17 Uhr Dienst. Für vollzeitbeschäftigte Kollegen in Krankenhaushäusern oder Praxen ist es zu diesen Zeiten kaum möglich, hier zu helfen“, sagt Seusing. Also greift er mehrheitlich auf Kollegen zurück, deren 60. Geburtstag schon zurückliegt. Nachteil für die Patienten? „Keine“, sagt Seusing. Gefahr für die Kollegen, die wegen ihres Alters stärker gefährdet sind als junge Ärzte? Das Risiko stuft er wegen Schutzkleidung und Abstand als gering ein, sagt aber auch: „Natürlich sollte diese Arbeit nur von Kollegen gemacht werden, die sich keine Sorgen um ihre Gesundheit machen. Transplantierte oder Kollegen, die eine Tumorbehandlung hinter sich haben, melden sich für so etwas nicht.“

Seusing zählt nicht zu denen, die Probleme an die große Glocke hängen. Nur auf Nachfrage erfährt man, dass längst nicht alles rund läuft. Kommunikations- und Abstimmungsprobleme erschweren die Arbeit.

Standort: Die Adresse auf einem Grundstück in der Nähe des Kieler Lubinus-Clinicums führte dazu, dass in der Mund zu Mund-Propaganda über den Standort der Container nur „bei Lubinus“ genannt wurde. Fatale Folge: Die Patienten mit Verdacht auf eine Infizierung versuchten, direkt in das Klinikgebäude zu kommen. Inzwischen wird nur noch die genaue Adresse genannt. Die aber liegt an einem Wanderweg. Trotz Absperrung müssen die Ärzte während ihrer Arbeit immer wieder mit Hundehaltern diskutieren, weshalb die mit ihren Vierbeinern derzeit auf ihren herkömmlichen Weg verzichten müssen.

Kommunikation: Für einen verlässlichen Überblick über das Infektionsgeschehen und für den Schutz des Einzelnen sind die richtigen Daten unerlässlich. Nicht immer werden die Daten der Patienten richtig genannt oder eingetragen. Das erfordert dann eine zeitaufwendige Recherche oder Nacharbeit. Seusing musste einen Patienten, der ja selbst den Verdacht auf eine Infizierung hatte und bis zum Ergebnis zu Hause bleiben sollte, vier Mal anrufen, bevor er ihn erreichte. Dann erhielt er die Auskunft, der Betroffene sei einkaufen gewesen. 

Wie lange die Situation noch anhält, kann selbst ein erfahrener Hausarzt wie Seusing nicht vorhersagen. Zu Euphorie neigt er nicht und die im April einsetzenden Lockerungen bedeuten für ihn keineswegs, dass die Situation unter Kontrolle bleiben wird: „Derzeit ist die Entwicklung erfreulich. Aber es ist sinnvoll, mehr zu testen. Vielleicht machen wir das hier das ganze Jahr.“
Text/Foto: Dirk Schnack