Schifffahrt, See und Meer haben schon immer das Interesse von Dr. Norbert Jaeger geweckt. Erfahrungen mit der medizinischen Versorgung auf See sammelte der Allgemeinchirurg während seiner Zeit als leitender Notarzt in Kiel und auf dem Rettungshubschrauber Christoph 42, etwa bei gemeinsamen Übungen mit der Marine zur Bewältigung von Schiffshaverien. Gegen Ende seiner beruflichen Karriere machte sich Jaeger auf die Suche nach neuen Herausforderungen. „Maritime Medizin hat mich immer interessiert“, so Jaeger, weshalb eine Tätigkeit als Schiffsarzt nahelag. Vor vier Jahren absolvierte er zusammen mit seiner Frau Antje, die ebenfalls Ärztin ist, einen Schiffsarztkurs auf einem Kreuzfahrtschiff. Für 5.000 Passagiere sind zwei Ärzte verantwortlich. Arbeitsbedingungen, Klientel und die Erfahrungen anderer Ärzte ließen sie erkennen, dass unter solchen Bedingungen eine Arbeit als Schiffsarzt für sie nicht infrage kam. 

Der Traum, auf hoher See medizinisch tätig zu werden, war damit auf Eis gelegt, bis Jaeger von der Expedition des Forschungsschiffs „Walther Herwig III“ hörte. Mit maximal 200 Menschen an Bord ist das Patienten-Arzt-Verhältnis dort ganz anders. Jaeger fragte umgehend nach, ob das Forschungsschiff auch Schiffsärzte benötige. Händeringend. Nur wenige Wochen später, im Herbst 2017, nahm Jaeger an der Grönlandfahrt des Fischereiforschungsschiffes teil.

Um die sechswöchige Tour mitmachen zu können, reduzierte er seine Stelle, arbeitete aber volle Stunden. Auf der Suche nach weiteren Forschungsschiffen stieß er auf die „FS Polarstern“ des Alfred-Wegener-Instituts in Bremerhaven. Noch während seiner Grönlandtour kam die Anfrage, ob Jaeger die Arktis-Expedition im Herbst 2018 als Schiffsarzt begleiten könne − er willigte ein. Die dreimonatige Expedition verläuft von Bremerhaven über Ostgrönland und Spitzbergen bis in die sibirische Arktis und wieder zurück. An der nördlichsten Stelle kommt die Polarstern bis 600 Kilometer an den Nordpol heran. Nach der Hälfte der Strecke wird die Crew gewechselt. 

Jaeger ging in Spitzbergen an Bord. Für sieben Wochen war er für die medizinische Versorgung der 44 Besatzungsmitglieder und 49 Wissenschaftler verantwortlich. Unterstützt wurde er von einem Krankenpfleger, der ihm allerdings nur zu einem Achtel zugeteilt wurde − der restliche Stellenanteil war im Service angesiedelt. „Wir hatten mehrere Patienten mit schweren Erkrankungen, die eine intensive pflegerische Überwachung rund um die Uhr erforderten, sodass der Krankenpfleger die Nachtschichten übernehmen musste. Die Chefstewardess war nicht gerade glücklich, wenn der Krankenpfleger am nächsten Tag den Dienst im Service nicht antreten konnte und sich stattdessen ausschlafen und auf die nächste Nacht vorbereiten musste“, so Jaeger. Man arrangierte sich schnell, schließlich hatte die Gesundheit der Crew und der Forscher Vorrang.

Auch der Schiffsarzt der Polarstern hat zusätzliche Aufgaben, auf die sich Jaeger nur bedingt vorbereiten konnte. Zwar hatte er sich im Vorfeld mit Kollegen ausgetauscht und bei seinem Zahnarzt hospitiert. Die Übergabe vor Ort fiel jedoch unverhofft kurz aus. Unter Zeitdruck, seinen Rückflug erreichen zu müssen, zeigte sein Vorgänger Jaeger innerhalb von zwei Stunden seinen neuen 
Arbeitsplatz. Der Krankenpfleger war ebenfalls das erste Mal an Bord der Polarstern. „Normalerweise ist einer der beiden Mitglieder des Medical Teams kein „Neueinsteiger“ und bringt Erfahrungen aus vorherigen Expeditionen mit, um den Kollegen einzuarbeiten“, erklärt Jeager. Eine tiefergehende Beschreibung seiner Aufgaben und der Gerätschaften musste Jaeger im Bordmanual für den Schiffsarzt nachlesen.

Nach seiner Einschätzung ist die Polarstern im Hospitalbereich hervorragend ausgerüstet. Er umfasst einen OP-Raum mit Narkoseeinheit, Röntgengerät und Dentaleinheit, einen Untersuchungsraum mit Sonografiegerät und ein Labor sowie zwei Krankenzimmer mit Intensivüberwachungsmöglichkeit. Die Bordapotheke ist umfangreich ausgestattet, weil der Schiffsarzt für verschiedene Erkrankungen an Bord ausgerüstet sein muss und weil es vorkommen kann, dass die Polarstern Patienten übernehmen muss. In der Arktis befinden sich viele Forschungsstationen und Schiffe. Jedes Schiff ist Bestandteil eines Netzwerkes und gibt per Funk seine Position durch. Bei Notfällen kann der Hubschrauber der Polarstern diese anfliegen und verletzte oder erkrankte Personen übernehmen.

Während seiner Zeit auf der Polarstern hat Jaeger das nicht erlebt. Stattdessen musste ein Patient ausgeflogen werden, bei dem er einen Darmverschluss diagnostiziert hatte. Aufgrund einer Erkrankung mit mehrfachen abdominellen Voroperationen wäre eine Not-OP riskant gewesen. Durch intensivmedizinische Maßnahmen gelang es, den Patienten zu stabilisieren. Nach Beratung mit dem Kapitän wurde die Repatriierung geplant. Da die nächste Klinik auf Spitzbergen lag, musste die Polarstern umkehren. Erst nach dreitägiger Fahrt war sie in Reichweite der norwegischen Rettungshubschrauber. 120 Seemeilen vor Spitzbergen flog der Hubschrauber die Polarstern an, stellte über ein Transportseil eine Verbindung zum Schiff her und barg den Patienten.

Forscher und Crew sind keinesfalls immer fitte junge Menschen. Sie sind unterschiedlich alt und bringen teils ausgeprägte Vorerkrankungen mit. Die Krankenakte kann zumindest bei den Forschern eingesehen werden. Allerdings hatte Jaeger Grund, dieser nicht immer zu trauen: „Hier wird oft etwas ausgelassen.“ So erfuhr er erst an Bord von dem Krebsleiden eines Forschers. „Er beteuerte, dass er gut auf Medikamente eingestellt sei. Was aber, wenn er seekrank wird und die Medikamente nicht mehr bei sich halten kann? Viele machen sich darüber keine Gedanken. Man habe ja schließlich einen Arzt an Bord. Der kann jedes medizinische Problem lösen“, erklärt der Kieler die an den Schiffsarzt gestellten Herausforderungen. „Als Arzt ist man in seiner Entscheidung oft alleine“, gibt Jaeger dabei zu bedenken. Es besteht allerdings eine Verbindung über Satellitentelefon zum Referenzkrankenhaus Bremerhaven Reinkenheide. Hie­r­über kann sich der Schiffsarzt mit Kollegen beraten. „Wenn die Polarstern anruft, sind die Kollegen sehr nett und helfen gerne. Die wissen ja, da sitzt einer irgendwo am Ende der Welt und braucht fachliche Unterstützung“, so Jaeger. „Wenn dann alles geschafft ist, kann man sich wieder der grandiosen Einzigartigkeit der arktischen Welt erfreuen.“ 
Text: Stephan Göhrmann / Foto/Quelle: Dr. Jäger