Was kann eine Ärztekammer gegen Mitglieder unternehmen, die die Pandemie verharmlosen, die die Maßnahmen zur Eindämmung infrage stellen und die öffentlich dazu aufrufen, keine Masken zu tragen? Solche Fragen wurden in den vergangenen Wochen mehrfach an die Kammer herangetragen. Dass einzelne Ärzte zum Teil aktiv dazu beitragen, die Bevölkerung nicht nur zu verunsichern, sondern sie mit Falschaussagen gesundheitlich zu gefährden, treibt viele ihrer Kollegen um. Neben berufsrechtlichen Maßnahmen, die in jedem Einzelfall geprüft werden müssen, kann eine Ärztekammer versuchen, auf die öffentliche und die innerärztliche Meinung Einfluss zu nehmen. Das ist in der Vergangenheit mehrfach geschehen – über Interviews, Pressemitteilungen, Artikel im Ärzteblatt. Reicht das aus? Und: Warum gibt es keinen auch nach außen sichtbaren Schulterschluss der wichtigsten Akteure aus Standespolitik und Wissenschaft, um ein deutliches Zeichen gegen die zunehmend lauter werdenden Verschwörungstheoretiker zu setzen?

Diese Fragen haben die Ärztekammer Schleswig-Holstein bewogen, die Spitzen aus Standespolitik und Wissenschaft im Land an einen Tisch zu holen. Kammerpräsident Prof. Henrik Herrmann, die KV-Vorstandsvorsitzende Dr. Monika Schliffke und Hausarztchef Dr. Thomas Maurer als hochrangige Vertreter der Körperschaften und Verbände trafen sich mit dem Virologen Prof. Helmut Fickenscher (Christian-Albrechts-Universität Kiel) und dem Infektiologen Prof. Jan Rupp (Universität Lübeck), um unter Moderation des ärztlichen Kammergeschäftsführers Dr. Carsten Leffmann und des Schleswig-Holsteinischen Ärzteblatts über die Frage des Umgangs mit den Ärzten zu sprechen, die den anderen den Kampf gegen die Pandemie erschweren.

Allein das Zustandekommen dieses Treffens mitten in der Pandemie zeigt, wie wichtig die Akteure diese Thematik nehmen, und alle fünf Teilnehmer machten deutlich, dass sie kein Verständnis für Mediziner haben, die ihre berufliche Stellung ausnutzen, um die Pandemie zu verharmlosen und die damit verbundenen Risiken zu leugnen.

Prof. Henrik Herrmann stellte in diesem Zusammenhang klar: „Ärzte als Bürger dürfen selbstverständlich ihre Meinung äußern, auch wenn diese vom anerkannten Stand der Wissenschaft abweicht. Das gehört zum normalen demokratischen Diskurs.“ Der Kammerpräsident betonte aber auch die unabdingbare Trennung zwischen einer persönlichen Meinungsäußerung und einer Äußerung, die vom Patienten als Empfehlung aus der ärztlich-professionellen Ebene empfunden wird. Wenn eine solche Äußerung Menschen in Gefahr bringt, etwa weil die Risiken einer Pandemie unterschätzt werden, dann wird es für den Kammerpräsidenten untragbar. „Das rüttelt für mich an den Grundfesten unserer Profession. Dann sehe ich eine Ärztekammer in der Pflicht, dagegen Stellung zu beziehen“, sagte Herrmann.

Infektiologe Rupp untermauerte diese Position durch einen treffenden Vergleich: „Als Lungenfacharzt kann ich rauchen, aber ich kann nicht dem Patienten sagen: Du sollst rauchen.“ Nach Rupps Einschätzung werden die Folgen von Verharmlosungen durch die Tatsache, dass die Bevölkerung jeden Mediziner als Experten akzeptiert, noch erschwert. Er nimmt zunehmend wahr, dass sich zu dem hochkomplexen wissenschaftlichen Thema auch Mediziner zu Wort melden, deren Expertise auf anderen Gebieten liegt. „Alle fühlen sich berufen mitzureden. Ärztliche Professionalität hat aber auch etwas damit zu tun, dass ich weiß, wo meine Grenzen sind“, sagte Rupp.

Auch KV-Chefin Dr. Monika Schliffke hat kein Verständnis für Verschwörer und Corona-Leugner, zugleich sieht sie diese Gruppe in der Berichterstattung überrepräsentiert und warnt vor einer Fokussierung auf diese Minderheit. Schliffke ist überzeugt, dass die große Mehrheit der Ärzte nach wissenschaftlich belastbaren Ergebnissen sucht und sich in ihren Empfehlungen auch danach richtet. Das allerdings wird ihnen in einer Pandemie mit einem neuen Erreger schwer gemacht: „Wir wissen noch immer zu wenig. Das führt auch unter Ärzten zu Fragen, die nicht zu beantworten sind.“ Der Wunsch nach Leitlinien und evidenzbasierter Medizin muss für sie im Umkehrschluss dazu führen, diese nicht – wie von den Corona-Leugnern – durch persönliche Weltanschauungen zu ersetzen. Sie stellte auch fest: „Ich kann als Arzt auch zugeben, dass ich bestimmte Dinge noch nicht weiß, weil sie noch offen sind.“

Klare Worte fand auch Hausarzt Maurer zu dieser Frage: „Meine persönliche Meinung hat in der Arzt-Patientenkommunikation nichts zu suchen. Das haben wir so gelernt.“ Dies gilt für Maurer generell, und ganz besonders beim Thema Corona. Drei von vier Patienten in der Sprechstunde der Hausärzte haben nach seiner Einschätzung Fragen zum Thema Corona. „Wir haben also große Einflussmöglichkeiten. Die nutzen wir medizinisch und zum Umgang mit der Situation.“

„Zerebrale Entgleisungen“ beobachtet Virologe Fickenscher in manch kontroverser und über die Medien geführter Corona-Diskussion, die er sich mit den oft neuen Erkenntnissen erklärt, die früheren Empfehlungen zum Teil auch noch widersprechen. Das enorme Interesse der Öffentlichkeit führt nach Wahrnehmung des Virologen manchmal zu Äußerungen, die nicht immer dem aktuellen Erkenntnisstand entsprechen. Er riet aber auch zu einem entspannten Umgang mit solchen Äußerungen.

Wie schwer es ist, bei den vielfältigen Erwartungen und Perspektiven zum Thema Covid-19 alles richtig zu machen, zeigte die Diskussion zum Thema Transformation von Wissenschaft in die Praxis. Ein Prozess, der in der Regel Jahre in Anspruch nimmt, soll unter Pandemiebedingungen unter Druck zügig erfolgen – ein Anspruch, der nach Ansicht von Schliffke nicht erfüllbar ist.
 Hinzu kommt aus Sicht Rupps: Die Äußerungen von Wissenschaftlern sind in der Regel nicht für jedermann verständlich. Die Folge: Medien und Laien picken sich Äußerungen heraus, die ohne den Kontext nicht haltbar sind. Die Wissenschaft sollte sich deshalb mit Äußerungen im öffentlichen Raum nach seiner Ansicht zurückhalten und nur mit gesicherten Erkenntnissen an die Öffentlichkeit gehen – das würde nach seiner Meinung das Vertrauen steigern.

Allerdings, gab Schliffke zu bedenken, wird dieser nachvollziehbare Wunsch nach konsentierten Informationen aus der Wissenschaft von der Politik erschwert. „Das setzt Ärzte und Wissenschaft unter Druck“, sagte Schliffke. Andererseits: Es gab in den vergangenen Monaten immer wieder Fragen zum Thema Corona, die erst durch den Druck der Politik schneller beantwortet werden konnten. „Es war gut, dass wir durch die Politik getrieben wurden. Das hat manchmal auch geholfen“, wandte Fickenscher unter Verweis auf das Beispiel Maskenpflicht ein. Diese Pflicht sei damals an der Wissenschaft vorbei eingeführt worden, weil die Erkenntnisse dazu noch nicht ausgereift waren. Heute ist der Nutzen von Masken zumindest außerhalb von Verschwörungstheorien weitgehend unstrittig. „Ohne die Politik hätte sich die Wissenschaft vielleicht bis heute nicht zu einer Empfehlung für Masken durchgerungen“, gab Fickenscher zu bedenken.

Dennoch: Der Wunsch nach gemeinsamen Informationen aus mehreren wissenschaftlichen Disziplinen wird nach Angaben Herrmanns genauso an die Ärztekammer herangetragen wie die Forderung von Gegnern, die von der Körperschaft eine Positionierung gegen Masken und andere Maßnahmen erwarten. „Dann sind wir auf die Wissenschaft und deren Veröffentlichungen angewiesen.“ Diese Nachfragen sind zwar nicht zahlreich, aber lautstark, so Herrmann.

Der Wunsch nach verlässlichen und zugleich leicht verständlichen Antworten ist zwar nachvollziehbar. Wer aber sollte diese liefern? Einig waren sich die Teilnehmer, dass sich nicht jede Organisation oder Körperschaft dieser Aufgabe stellen sollte – schon, um eventuell sich widersprechende und damit Vertrauen abbauende Informationen zu vermeiden. Als verlässliche Quelle empfahl Fickenscher den Faktencheck durch das Recherche-Portal correctiv (www.correctiv.org). Die Bedeutung gesicherter Informationen wurde zwar von allen Diskussionsteilnehmern unterstrichen. Nach Ansicht Maurers würden weitere, neue Portale oder Publikationen zu diesem Thema aber nicht diejenigen überzeugen, die eine andere Weltanschauung zu Corona vertreten. „Wir würden eventuell denen helfen, die wir nicht mehr überzeugen müssen. Die anderen aber erreichen wir damit nicht“, sagte Maurer. Er rät, sich nicht ausschließlich mit medizinisch-wissenschaftlichen Fragen zu beschäftigen, sondern auch mit den Folgen der Beschränkungen im sozialen Leben. „Das vermissen die Menschen. Wir können nur gewinnen, wenn wir nur Maßnahmen durchsetzen, die nicht die Existenz kosten.“

Zurück zu den Ärzten, die die vorliegenden wissenschaftlichen Ergebnisse nicht anerkennen und konträre Schlussfolgerungen ziehen. Dieser Gruppe sollte man nach Ansicht Schliffkes innerärztlich Gewicht beimessen und sich mit ihr auseinandersetzen, sie aber in der öffentlichen Diskussion nicht in den Fokus rücken. In der Kommunikation mit der Bevölkerung sollte man sich aus ihrer Sicht auf Kernbotschaften wie die AHA-plus Lüften-Regel konzentrieren: „Wenn wir das im Bewusstsein verankern, haben wir alles erreicht. Wenn jeder die Grundregeln befolgt, kommen wir gut durch die Pandemie.“

Zum innerärztlichen Umgang empfiehlt sie, den Gegnern die ganze Bandbreite an berufsrechtlichen Mitteln aufzuzeigen und sie anzuwenden. Nach ihrer Ansicht ist für eine Zusammenarbeit mit Verschwörungstheoretikern in ärztlichen Gremien keine Grundlage vorhanden. Ähnlich die Positionierung von Maurer: Er sprach sich dafür aus, den Ärzten, die ihre Patienten vor Corona schützen wollen, den Rücken zu stärken. „Wir müssen mit denen reden, die wir erreichen können. Aber die anderen, die Leugner, können wir auflaufen lassen, indem wir sie ignorieren. Die Auseinandersetzung mit diesen Menschen bringt nichts. Wir müssen akzeptieren, dass es einen gewissen kleinen Prozentsatz an Menschen gibt, die wir nicht erreichen.“

Rupp hält es für einen vielversprechenden Weg, wenn man die in Schleswig-Holstein durch Konsens erreichten Erfolge stärker in den Vordergrund rückt und weniger über die Denkmodelle von Verschwörungstheoretikern spricht.

Herrmann verspricht sich viel von einer weiteren innerärztlichen Auseinandersetzung. Er hält es für unerlässlich, in diesem Rahmen über diejenigen zu sprechen, die sich mit ihrem Verhalten am Rande oder außerhalb der ärztlichen Wertegemeinschaft bewegen. „Das sind wir der schweigenden Mehrheit schuldig. Hinter den Verschwörungstheorien stecken Denkmodelle, die nicht nur bei Corona gefährlich sind. Da geht es auch um Impfgegner und andere. Wenn die Wissenschaft alternativlos verlassen wird, wird es gefährlich – schließlich grenzt uns die Wissenschaft von anderen Gesundheitsberufen ab“, gab der Kammerpräsident zu bedenken.

Wie geht es weiter? Die Ärztekammer wird das Thema innerärztlich vorantreiben, zunächst mit einer Diskussion in der Kammerversammlung am 25. November. Herrmann erwartet dort eine vorurteilsfreie Auseinandersetzung, die auch die Frage wissenschaftlicher Evidenz umfasst. „Zum ärztlichen Denken und Handeln zählt ja auch, dass man unbewiesenen Behauptungen nicht folgt – das gilt für beide Richtungen“, betonte Herrmann. Damit unterbreitet er auch ein Gesprächsangebot an Ärzte, die manche Maßnahme zur Eindämmung der Pandemie für überzogen halten und die Folgen anders einschätzen, die aber deshalb ihre Patienten nicht in Gefahr bringen. „Wir trennen sehr genau zwischen den Ärzten, die komplett anderen weltanschaulichen Denkmodellen anhängen, und solchen Kollegen, die eine andere Meinung als wir vertreten. Mit den ersten kann man nicht, mit denen zweiten muss man diskutieren.“

Für die Diskussion in der Kammerversammlung hat die Runde mit den Standespolitikern und Wissenschaftlern aus Sicht Herrmanns wichtige Impulse geliefert. Als Beispiel nannte er: „Wir Ärzte müssen offen damit umgehen, dass wir nicht jede Frage beantworten können und dass es nicht immer eine hundertprozentige Wahrheit gibt. Das ist nicht erst seit Covid-19 so. Wir hatten in der Medizin schon immer Therapieoptionen, die später überholt waren.“

Zur Möglichkeit, Corona-Leugner unter Ärzten zu sanktionieren, sagte Herrmann: „Als Ärztekammer gehen wir jeder Beschwerde im Rahmen unserer berufsrechtlichen Möglichkeiten ohne Vorverurteilung nach.“ Als Beispiel nennt er den Fall, dass sich ein Arzt weigert, bei der Patientenbehandlung aus Überzeugung eine Maske zu tragen. Erschwert ist die Verfolgung solcher Fälle, wenn dies der Kammer nur anonym mitgeteilt wird. „Dann können wir nur Kontakt aufnehmen und berichten, was uns mitgeteilt wurde.“

Text: Dirk Schnack/Foto: Jörg Wohlfromm