Die neue Weiterbildungsordnung (WBO) ist mit ihrer Kompetenzbasierung noch stärker bildungsorientiert, indem sie sich nach medizindidaktischen Kriterien richtet – sie ist eine Bildungsordnung und keine Berufsausübungs- oder gar Stellenbeschaffungsordnung.

Die neue WBO prägt mit ihren Inhalten die ärztlichen Kenntnisse, Erfahrungen und Fertigkeiten in einer Facharztkompetenz und damit auch die ärztliche Haltung und Rolle. Neben den spezifischen Inhalten, die für jedes einzelne der 34 Gebiete im Abschnitt B definiert sind, gibt es wie bisher allgemeine Inhalte der Weiterbildung für Abschnitt B unter Berücksichtigung gebietsspezifischer Ausprägungen. Diese Inhalte müssen von jedem Gebiet erworben werden, angefangen von der Allgemeinmedizin bis zur Urologie – vollkommen unabhängig davon, ob es sich um ein Gebiet der unmittelbaren Patientenversorgung handelt oder nicht.  
 
 Die allgemeinen Inhalte beschreiben die Grundlagen ärztlichen Handelns und umfassen patientenbezogene, behandlungsbezogene sowie technisch-diagnostische Inhalte, letztere natürlich nur im Zusammenhang mit gebietsspezifischen Fragestellungen. Einen besonderen Stellenwert haben die grundlegenden kognitiven und Methodenkompetenzen sowie Handlungskompetenzen, definieren sie doch das Fundament der ärztlichen Profession wie die ethischen, wissenschaftlichen und rechtlichen Grundlagen ärztlichen Handelns. Darunter fallen die ärztlichen ethischen Grundprinzipien wie das Genfer Gelöbnis und die Deklaration von Helsinki, die Grenzen der medizinischen Möglichkeiten genauso wie die Grundlagen der evidenzbasierten Medizin und Wissenschaftlichkeit sowie die Bundesärzteordnung und kammerspezifische Satzungen. Die Vertiefung und Stärkung berufsspezifischer Haltungen werden durch die ärztliche Rolle als Experte, Helfer, Heiler und Kümmerer, als Kommunikator, Manager, Lernender und Lehrender sowie Mitwirkender beschrieben.
 
Dazu gehören auch die Prinzipien und Formen der Begutachtung sowie der Aufbau von Gutachten, Grundlagen der Transplantationsmedizin und Organisation der Organspende, Hygienemaßnahmen mit ihren rechtlichen Vorgaben, Präventionsdurchführung und Prinzipien der Infektiologie bis zur ärztlichen Leichenschau, die als Handlungskompetenz somit von jedem Facharzt erlernt werden. Die besondere Bedeutung der Qualität ärztlichen Handelns wird durch die Handlungskompetenz zum Qualitätsmanagement dargestellt. Sie umfasst  die Anwendung von Methoden des Qualitätsmanagements, die Teilnahme an Qualitätssicherungsmaßnahmen intern wie Morbiditäts- und Mortalitätskonfe renzen und extern, den Umgang mit Leit- und Richtlinien sowie die Durchführung von Patientensicherheitsmaßnahmen im Rahmen des Fehler- und Risikobeschreiben managements. Auch werden die ökonomischen und strukturellen Aspekte des Gesundheitswesens mit dem Aufbau des Gesundheitswesens, das Versorgungs- und Abrechnungssystem und die Selbstverwaltungsorgane vermittelt. Darunter fällt auch das Spannungsfeld zwischen Ethik und Ökonomie.  
 
Bei den patientenbezogenen Inhalten wird ein großer Bogen gespannt. Darunter fallen die situationsgerechte ärztliche Gesprächsführung unter Berücksichtigung interkultureller Aspekte und der Patientenautonomie, die Aufklärung und Befunddokumentation, die Durchführung einer strukturierten Patientenübergabe und die Beratung über prävenive und rehabilitative Maßnahmen mit Verordnung von Heil- und Hilfsmitteln. Dazu zählen auch die Beurteilung von Gesundheitsrisiken und daraus abgeleitete Maßnahmen wie z. B. Ernährungs- und Bewegungsberatung, die Empfehlung von Vorsorgeuntersuchungen und die zielgerichtete Anwendung von Heil- und Hilfsmitteln unter Berücksichtigung von Risiken und Kontraindikationen. Daneben sind auch psychosomatische Grundlagen, psychosoziale, umweltbedingte und interkulturelle Einflüsse auf die Gesundheit sowie Genderaspekte und Besonderheiten der Erkrankungen und Einschränkungen im Alter zu vermitteln. Weitere Themen sind Situationen bei der Betreuung von Schwerstkranken und Sterbenden sowie Therapieentscheidungen am Lebensende, etwa Beratungen zu palliativen Maßnahmen mit einer situationsgerechten, empathischen Kommunikation und die Berücksichtigung des Patientenwillens. Ein weiterer Punkt ist die Telemedizin mit ihren rechtlichen Grundlagen samt Datenschutz und ihren Möglichkeiten, aber auch Grenzen.  
 
Bei den behandlungsbezogenen Inhalten geht es um medizinische Notfallsituationen mit lebensrettenden Sofortmaßnahmen, die erkannt, durchgeführt und regelmäßig praktisch geübt werden müssen. Weitere Punkte sind Pharmakotherapie samt Arzneimittelsicherheit und -missbrauch, Schmerzprävention und allgemeine Schmerztherapie sowie Beratung, Aufklärung und Durchführung von Schutzimpfungen unter Kenntnis der Risiken und Kontraindikationen. Damit ist eindeutig definiert, dass jeder Facharzt alle Schutzimpfungen, die keine besonderen Auflagen haben wie z. B. die Gelbfieberimpfung, durchführen darf.  
 
Die technisch-diagnostischen Inhalte umfassen die Methodenkompetenz bei labortechnisch gestützten Nachweisverfahren einschließlich der Präanalytik und als Handlungskompetenz die Point-of-Care-Diagnostik. Die Indikationsstellung und Befundinterpretation des krankheitsbezogenen Basislabors beinhaltet deren Anordnung, das Einordnen des Laborbefundes in das Krankheitsbild samt Differenzialdiagnostik und Kenntnisse einer notwendigen weiterführenden Labordiagnostik unter Berücksichtigung von Wirtschaftlichkeit und Ressourcen. Bei den bildgebenden Befunden steht die Interpretation und interdisziplinäre Indikationsstellung zu einer weiterführenden Diagnostik im Vordergrund.Diese Kompetenzen sind alle immer jeweils im Zusammenhang mit gebietsspezifischen Fragestellungen zu sehen und können damit von Gebiet zu Gebiet selbstverständlich variieren.
 
Diese Kompetenzen sind im Rahmen der jeweiligen Weiterbildung zu vermitteln und im e-Logbuch mit dem kontinuierlichen Fortschritt digital zu dokumentieren. Sie stehen in der Weiterbildungsordnung gesondert und werden deswegen nicht in den einzelnen Gebieten erwähnt, liegen aber natürlich im gebietsspezifischen e-Logbuch vor. Da es nicht immer einfach ist, diese Kompetenzen zu vermitteln und zu erwerben, bietet die Ärztekammer Schleswig-Holstein einen zweitägigen Kurs für Weiterzubildende an, der einen großen Teil dieser allgemeinen Kompetenzen näherbringt. Die allgemeinen Inhalte liegen uns sehr am Herzen, denn sie sind etwas Besonderes.
 
Am 28.08.2020 startet der erste zweitägige Kurs in der Akademie in Bad Segeberg für Ärzte in Weiterbildung. Er soll einen großen Teil der allgemeinen Kompetenzen näherbringen und wird unentgeltlich angeboten.