Wie viele Schulen und Bildungsorganisationen stand auch die Akademie in Zeiten der Corona-Pandemie vor der Herausforderung, die Unterrichtsinhalte trotz der eingeschränkten Möglichkeiten nachhaltig an die Auszubildenden zu vermitteln. Herausgekommen ist ein Konzept, mit dem sich die Akademie nun für den Bildungspreis 2020 des Arbeitgeberverbands bewirbt.

Im Normalbetrieb sollen die Auszubildenden praxisnah spezielle Kompetenzen erwerben und unter geschützten Bedingungen Fehler machen dürfen. Kleine Gruppen mit maximal 12 Teilnehmer*innen ermöglichen umfassende handlungsorientierte Übungsphasen sowie eine intensive Betreuung durch die Ausbilder*innen.
Didaktisch werden in den jeweiligen Ausbildungsabschnitten Eigenständigkeit, Eigeninitiative und die Selbsterarbeitung der Lösungswege gefördert. Die Auszubildenden sollen die Anforderungen aus dem Ausbildungsrahmenplan eigenständig erkennen um ggf. Defizite identifizieren. Eigenständiges Handeln und Kommunizieren, Konfliktbewältigung und Dienstleistungsorientierung sind Gegenstand zahlreicher Fallbeispiele. Diese werden von den Auszubildenden im Rollenwechsel zwischen Patient*in und MFA im jeweiligen Fachbereich, z. B. den Fächern EKG, Verbände und Lungenfunktionstest trainiert und dann im gemeinsam reflektiert. Ein weiteres Qualitätsmerkmal sind die ausführlichen Unterweisungen und das Arbeiten mit IT-Anwendungen. Diese Anwendungen werden in der Berufsschule nicht gelehrt. Die Unterweisungen erfolgen mit Medien, die regelmäßig dem neuesten Stand der Technik angepasst werden. Aktuell ist die Planung der Umstellung auf das digitale Arbeiten mit Tablet und telemedizinischen Techniken wie Videosprechstunde und Telerucksack abgeschlossen und befindet sich in der Umsetzung für den Unterricht.

Nun standen wir vor der Herausforderung, die Unterrichtsinhalte trotz Corona-Pandemie zu vermitteln. Die Bedingungen unter denen kurzfristig eine Lösung hierfür gefunden werden musste, waren schwierig:

  • Präsenzunterrichte waren aufgrund der Corona-Pandemie zeitweise nicht und dann nur eingeschränkt möglich.
  • Die Auszubildenden haben strikt getaktete Ausbildungspläne. Sie befinden sich während ihrer Ausbildung in der Berufsschule, im Betrieb und in der überbetrieblichen Ausbildung der Akademie. Das Nachholen von massenhaft ausgefallenen Unterrichten der Berufsschule und der überbetrieblichen Ausbildung ist innerhalb der Ausbildungspläne nur schwer oder gar nicht möglich.
  • Das Gesundheitssystem stand und steht immer noch unter enormen Druck. Zu den Extremzeiten der Pandemie waren die Allgemeinarztpraxen und die Krankenhäuser einer besonderen Belastung ausgesetzt. Auf der anderen Seite fehlten vielen Arztpraxen und Kliniken Einnahmen, da beispielsweise viele Untersuchungen und Operationen aufgrund der Pandemie nicht stattfinden konnten. Einige Betriebe haben deshalb Kurzarbeit anordnen müssen. Es ist anzunehmen, dass die Auszubildenden, da sie nicht in Kurzarbeit geschickt werden können, unter zusätzlichem Arbeitsdruck in den Betrieben standen.

Für das kurzfristig zu erstellende Konzept galten also folgende Bedingungen:

  • Die Inhalte der ausgefallen Präsenzunterrichte mussten möglichst kurzfristig nachträglich vermittelt werden.
  • Das Nachholen über nachträgliche Präsenzunterrichte war aufgrund des engen Ausbildungsplans nicht möglich.
  • Die Auszubildenden standen aus verschiedenen Gründen unter erhöhtem Druck und mussten gleichzeitig noch die Inhalte der ausgefallen Unterrichte von Berufsschule und überbetrieblicher Ausbildung nachholen.
  • Das Unterrichtskonzept musste auch nach der kompletten Schließung unter den Einschränkungen bestimmter Schutzmaßnahmen für den Präsenzunterricht funktionieren.
Screenshot eines Lehrvideos

Wie haben wir darauf reagiert?

Wir haben auf diese Herausforderungen mit dem kurzfristigen Aufbau eine Open-Source eLearning-Plattform reagiert. Obwohl der Zeitraum bis zur Freischaltung der eLearning-Plaffform nur zwei Wochen betrug, konnte das eLearning-Team in Zusammenarbeit mit den Ausbildern in einem iterativen Vorgehen didaktisch gute Inhalte aufbauen. Wir haben bei der Umsetzung der Unterrichtsinhalte in die digitale Umgebung nicht bloß Texte oder Dokumente zum Selbststudium zur Verfügung gestellt. Wir haben kurzfristig multimediale Inhalte erstellt und zudem Übungen entwickelt, die den Ansatz der Gamification verfolgten. Die Auszubildenden sollten die Möglichkeit bekommen sich auf zum Teil spielerische Art und Weise Wissen anzueignen.

Bei der Bearbeitung erhielten die Auszubildenden vom eLearning-Team einen inhaltlichen und technische Support, den sie über verschiedene Kanäle ansprechen konnten.

Über allem stand dabei immer das Ziel den Auszubildenden trotz des Ausfalls des Präsenzunterrichts die Lehrinhalte didaktisch sinnvoll zu vermitteln. Denn der Anspruch im Präsenzunterricht ist, dass alle Auszubildenden die Möglichkeit bekommen, verschiedene Tätigkeiten tatsächlich in geschützter Umgebung auszuprobieren und Fehler machen zu können. Den Aufbau dieser Kompetenzen konnten wir über das eLearning nicht in gleicher Qualität vermitteln. Trotzdem haben wir versucht unter dem Zeitdruck des Ausbildungsplans leicht verständliche und ansehnliche Inhalte zur Verfügung zu stellen.

In einem zweiten Schritt haben wir unter Berücksichtigung der Einschränkungen der Schutzmaßnahmen den Präsenzunterricht angepasst, damit dieser wieder stattfinden kann. Uns war klar, dass unsere Präsenzunterrichte, gerade die praktischen Übungen, unter Einhaltung der Abstandsregeln nicht wie gewohnt stattfinden können. Kurzfristig haben wir im gesamten Team eine Lösung entwickelt. Die Gruppen wurden aufgeteilt und der Präsenzunterricht von üblichen fünf Tagen auf zwei reduziert. Dies ermöglicht aufgrund der kleineren Gruppengröße sogar eine intensivere Betreuung bei gleichzeitiger Einhaltung der Abstandsregeln. Die theoretischen Inhalte haben wir zum Selbststudium und zur eigenständigen Wiederholung in zahlreichen Lerneinheiten mit spielerischen Übungen auf unserer eLearning-Plattform eingestellt. Wir haben somit aus der Not eine Tugend gemacht, in dem wir die Vorteile des praktischen Präsenzunterrichts gestärkt haben und mit den multimedialen Möglichkeiten der eLearning-Plattform die Vermittlung der theoretischen Inhalte verbessert und individualisiert.

Was haben wir gelernt?

Wir haben direkt mit der Freischaltung der eLearning-Plattform alle Fehler und Probleme mit der Plattform, die uns Nutzer mitgeteilt haben dokumentiert und im Team besprochen. So konnten wir in einem kontinuierlichen Verbesserungsprozess für spätere Nutzer die Qualität der Inhalte steigern, die Anwendungsfreundlichkeit verbessern und Fehler der Plattform beheben. Alle Lerninhalte auf der Plattform werden zudem mit festgelegten Fragen evaluiert.
Zudem konnte gerade das frischgebackene eLearning-Team sehr wertvolle Erfahrungen durch den inhaltlichen und technischen Support sammeln. Wir haben gelernt verständnisvoll auf die Anfragen zu reagieren und nicht nur technische Schwierigkeiten der Auszubildenden zu lösen, sondern auch mit Empathie auf deren individuelle Situation in Zeiten der Corona-Pandemie zu reagieren. So zeigte es sich zum Beispiel, dass nicht alle Ausbilder die Notwendigkeit des eLearnings erkannt haben und ihren Auszubildenden fälschlicherweise auch keine Arbeitszeit für die Bearbeitung zur Verfügung stellten. Es ging also nicht nur darum die Lerninhalte zur Verfügung zu stellen, sondern auch mit Verständnis für die Situationen der Ausbildungsbetriebe und die Auszubildenden die Lernsituationen in der Zeiten der Corona-Pandemie zu organisieren. So reagierten wir mit spontanen, individuellen Anpassungen der begrenzten Bearbeitungs- und Testzeiträume für die Inhalte der Plattform. Zudem stellten wir den Ausbildungsbetrieben zusätzliche Informationen zum eLearning zur Verfügung.
Wir haben also gelernt, dass eLearning, speziell in der Corona-Krise, kein Allheilmittel ist. Wichtig bleibt weiterhin nur eine ganzheitliche Betrachtung der Situation der Auszubildenden, der Ausbildungsbetriebe, der Berufsschulen und unserer eigenen Ansprüche. Es bestärkt uns jedoch in dem Vorhaben unser Bildungsangebot auszubauen und den Ansatz des Blended Learnings weiterzuverfolgen.

Wie können wir anderen damit helfen?

Wir haben auch in der stressigen Situation des spontanen Aufbaus der eLearning-Plattform darauf geachtet unsere Inhalte auf Basis eines offenen Standards für eLearning-Plattformen zu erstellen. Es handelt sich dabei um sogenannte SCORM-Lernmodule. Unsere Inhalte können auf allen Lernplattformen genutzt werden, die diesen offenen Standard unterstützen. Zudem haben wir unsere Learnings sowie den Prozess dokumentiert und sind dabei dieses Wissen in eigene eLearning-Inhalte einzupflegen. So können intern und extern andere Personen von unserem Erfahrungswissen profitieren. Eine Übertragbarkeit auf andere Bundesländer ist aufgrund der einheitlichen bundesgesetzlich geregelten dualen Ausbildung möglich und wir befinden uns im ständigen Austausch mit anderen Landesärztekammern. Zudem berichten wir auf unsere Homepage und unseren Social-Media-Kanälen über unseren Prozess und halten gerade unsere jetzigen Teilnehmer auf dem Laufenden.