Für mich war es alles andere als geplant. Am 24. Dezember 2019 erhielt ich einen Anruf. Ob ich bereit wäre, mit der Sea-Watch 3 auf Mission zu fahren? Ja, warum nicht? Spontan war die Sea-Watch 3 nach sechsmonatiger Festsetzung durch italienische Behörden freigegeben worden, spontan also auch dieser Missionsbeginn. 

Vier Tage später stand ich im Hafen von Licata auf Sizilien und fragte mich, wie ich die Absperrung überwinden könnte, um zum Schiff zu gelangen. Naja, drüber klettern ... So unkonventionell wie die Mission startete, ging sie weiter. Für vier Wochen wurde dieses Schiff mein Zuhause. Und ich stellte fest, dass ich unglaublich gerne auf See und hochseetauglich bin, die Seekrankheit blieb mir fern. 

Die eigentliche Mission war aber nicht die Prüfung meines Vestibularsystems, meiner Toleranz gegenüber Platzmangel oder mangelnder Privatsphäre. Die eigentliche Mission war die zivile Seenotrettung im Mittelmeer vor der libyschen Küste. 

Am frühen Morgen des 30. Dezember liefen wir aus gen Süden. Nahe der Search-and-Rescue-Zone (SAR-Zone) erhielten wir schon die erste Seenot-Meldung. Ein libyscher Fischer habe ein Flüchtlingsboot gesehen. Wir waren acht Stunden von der gemeldeten Position entfernt. Gegen Mitternacht des 31. Dezember, bei Wind und Wellengang, erreichten wir die gemeldete Stelle. Die Wünsche zum neuen Jahr fielen kurz aus, unsere Aufmerksamkeit richtete sich per Fernglas auf das Wasser. Dunkelheit und das schlechte Wetter um uns herum schienen alle Sicht zu verschlucken – wir fanden niemanden. 

Während Europa Silvester feierte, kam für diese Menschen jede Hilfe zu spät. Eine Woche später, am 7. Januar 2020, wurde von den ersten Leichen berichtet, die an die libysche Küste zurück gespült wurden. Das „Frohe neue Jahr“ bekam für uns einen bitteren und traurigen Beigeschmack.

Die nächsten Tage wurden noch stürmischer. In einer Nacht wurde ich davon wach, wie mein Körper mit Wucht gegen die hölzerne Begrenzung meines Bettes knallte. Fünf Meter hohe Wellen und Windstärke sieben rüttelten das Schiff durch. Unkontrollierbares Schaukeln und Scopolaminpflaster für alle waren die Folgen. Delfine, die täglich stundenlang in unserer Bugwelle spielten, schienen unbändigen Spaß an diesem Wetter zu haben. Sie sollen Glück bringen, sagen die Nautiker. 

Am 9. Januar wurde es auf einmal still. Das Mittelmeer ändert sich sehr schnell, von tobend zu spiegelglatt, von dichtem Nebel zu einem unglaublichen Sternenhimmel. Uns war klar, dass an diesem Tag Menschen versuchen würden, mit nicht-seetauglichen Schlauchbooten Europa zu erreichen. Um 6 Uhr morgens kam der erste Alarm. Zwei Boote wurden gemeldet. Alle waren wach, alle in ihrer Einsatzkleidung, kurze Besprechung auf der Brücke. Die Retter-Crew ging in die Schnellboote. Wir an Bord bereiteten alles vor. Die Boote waren in Sicht, schienen nah. Dann die Ernüchterung: Am Horizont tauchte ein europäisches Militärflugzeug auf, kurze Zeit später die sogenannte libysche Küstenwache. Vor unseren Augen fingen sie die Flüchtlingsboote ab und nahmen alle Flüchtlinge an Bord. Für sie ging es zurück in eine ungewisse Zukunft in libyschen Flüchtlingslagern. Wir standen machtlos an der Reling. Das Flugzeug, das die Boote an die libysche Küstenwache gemeldet hatte, kreiste weiter über uns, und die Libyer waren mit ihren Booten schneller als wir und nicht limitiert durch eine 24-Meilen-Zone, in die wir aus Sicherheitsgründen nicht fahren. 

Doch auch ein libysches Schiff hat seine Kapazitätsgrenzen. Nachdem wir über Ferngläser beobachten konnten, wie die Menschen sich auf allen Decks stehend zusammendrängten, verließ es unser Sichtfeld und auch das Flugzeug verschwand. Dafür kam ein anderes, das von uns aber freudig begrüßt wurde. Die Moonbird, ein kleines Propellerflugzeug von Sea-Watch, flog über uns hinweg auf die libysche Küste zu, sodass wir zumindest im Luftraum die 24-Meilen-Grenze überwinden konnten. Das Flugzeug meldete prompt ein Boot. 
Nun war Eile geboten, denn dieses wollten wir nicht verlieren. In einer glatt laufenden Rettungsaktion nahmen wir 60 Menschen aus einem völlig überfüllten Schlauchboot, dessen Außenborder längst aufgegeben hatte, an Bord. Im Schlauchboot war auch ein vier Monate altes Mädchen. Sie wurde mir als erstes aus unserem Schnellboot gereicht. Als ich sie das erste Mal im Arm hatte, konnte ich ihr Gesicht nicht finden, so tief eingesunken war sie in unsere Baby-Schwimmweste und zwei übereinander gezogene Ski-Anzüge, die ihr viel zu groß waren. Ich schob alles zur Seite und als ich sie endlich sah, strahlte sie mich an, und ich sagte nur: „Welcome on board, my dear!“ 

Meine Aufgabe war die Ersteinschätzung aller Gäste, die an Bord kamen. Alle waren gesundheitlich stabil, keiner zeigte akute gefährdende Probleme. Neben der jungen Mutter kamen fünf weitere Frauen an Bord, darunter eine, die im siebten Monat schwanger war. Bei der Aufnahme wird nach persönlichen Daten gefragt sowie Decken, Verpflegung und wenn nötig Kleidung ausgeteilt. Die Menschen waren seit mehr als 14 Stunden auf dem Mittelmeer unterwegs. Viele waren so erschöpft, dass sie sofort einschliefen. 

Es sollte nicht das einzige Boot bleiben. Nachdem wir zwei weiteren Booten helfen konnten, hatten wir 119 Menschen innerhalb von 24 Stunden an Bord genommen. Als mitten in der Nacht vor Malta ein weiteres Boot mit mehr als 60 Menschen an Bord in Seenot geriet, waren noch einmal Ausdauer und Geduld gefragt. Wir verhandelten lange mit den Malteser Behörden, wer für dieses Boot verantwortlich sei. Wir bereiteten uns darauf vor, auch diese Menschen an Bord zu nehmen, auch wenn es eng geworden wäre. Aber nach vier Stunden kam ein Boot der Malteser Küstenwache und rettete die Menschen. Dieser Akt war unglaublich kräftezehrend für alle, vor allem für die Teams in den Schnellbooten, da alle schon über 30 Stunden wach und im Einsatz waren. Und es war lebensgefährlich für die Flüchtlinge, weil sie seit 48 Stunden in einem maroden Schlauchboot auf dem Meer waren: nass, kalt und ohne Nahrung. 

Die folgenden Tage waren geprägt von Verhandlungen für einen sicheren Hafen. Als medizinisches Team konnten wir in dieser Situation nur mit unseren Medical Reports, die die Notwendigkeit eines baldigen sicheren Hafens unterstreichen, unterstützen. Die Tage verschwommen ineinander. Vorher hatten wir ein Schichtsystem von jeweils zwei Mal vier Stunden pro Tag. Meine Schicht war von 12-16 Uhr und von 00-04 Uhr. Nun arbeiteten wir fast täglich durch, denn 119 Menschen an Bord, die zuvor Monate oder Jahre unzureichend ernährt und medizinisch unterversorgt waren, brauchten viel Unterstützung – und manchmal auch nur einen Zuhörer. 

Es war schön zu sehen, wie die Leute an Bord langsam auftauten, warm wurden, von innen und außen, manche fingen an zu erzählen. Ihre Fluchtgeschichten waren fürchterlich, jede einzelne eine Katastrophe. Frauen mussten auf der Flucht mit ihrem Körper bezahlen. Nicht wenige wurden dabei schwanger. Dies hat Konsequenzen für eine ganze nachfolgende Generation. Die traumatisierten Mütter können keine normale Mutter-Kind-Bindung aufbauen. Es tat weh, das zu sehen. 

Die Männer zeigten Verletzungen durch Misshandlungen: Gebrochene Handgelenke, die schief zusammengewachsen waren, Wunden am ganzen Körper und manch einer mit leerem Blick. Alle waren in schlechtem körperlichen Zustand, manche hatten Krätze, faulige Zähne und waren zu dünn. In den libyschen Lagern gibt es einen Laib Brot am Tag. 
Die Menschen kamen aus ganz unterschiedlichen Regionen der Welt. Menschen aus dem ersten Boot waren meist aus Westafrika, das zweite Boot hatte eine nordafrikanische Großfamilie an Bord, die vor dem Bürgerkrieg in ihrem Land floh, und das dritte Boot Menschen aus Nordafrika und Südostasien. 

Am 16. Januar bekamen wir einen „Port of safety“ in Taranto, Italien. Die Freude und Erleichterung war uns aus vielen Gründen allen anzusehen, aber auch aus einem sehr pragmatischen: Zwischenzeitlich war unsere Süßwasser-Aufbereitungsanlage defekt und der Tank dafür natürlich endlich. In Taranto kam das Gesundheitsministerium an Bord, in weißen Overalls mit FFP-Maske. Jeder Flüchtling wurde begutachtet und dann an Land genommen. Die italienischen Behörden untersuchten uns gründlich, eine total müde Crew musste jeden einzelnen Müllsack vorzeigen, alle technischen Einheiten des Schiffes sowie einmal Feueralarm und einmal Abandon-Ship-Alarm vorführen. In der Küche suchten sie dann vergeblich nach dem Fleisch- und Fischlager. 

„Sorry, we are a vegan ship!“ Erstaunte Gesichter und dann ungläubiges Kopfschütteln, wir grinsten. Aber die Probe bestanden wir, sie konnten nichts finden, womit sie uns festlegen konnten, und wir durften wieder auslaufen. Ziel war die Werft in Burriana, Spanien. Von dort aus ging es zurück nach Deutschland.

Das Mittelmeer ist die gefährlichste Fluchtroute der Welt. Seit 2000 sind hier nach meinen Recherchen 36.000 Menschen ertrunken bei dem Versuch, nach Europa zu gelangen. Damit erhält diese Route die traurige Auszeichnung als gefährlichste Route der Welt. Jede Woche sterben dort 25 Menschen. 

Deswegen habe ich mich dafür entschieden, Teil der Sea-Watch-Crew zu werden. Ich habe mich nie wirklich für Politik interessiert und würde mich auch nicht als politisch aktiv bezeichnen. Aber ein Massensterben, weil die Flüchtlingsfrage nicht geklärt wird, kann ich persönlich nicht hinnehmen. 

Deshalb bin ich froh, dass ich Teil dieser unglaublichen Crew sein durfte und meinen Teil dazu beitragen konnte, Menschen zu retten. 
Text: Dr. Patricia Neugebauer / Foto: Sea-Watch e.V.