Ärztekammer – eine Erfolgsgeschichte?

Ärztekammer – eine Erfolgsgeschichte

Die Ärztekammer Schleswig-Holstein feierte in diesem Jahr ihr 75-jähriges Bestehen pandemiebedingt zwei Jahre verspätet. Obwohl sich für die Ärztinnen und Ärzte in den vergangenen 77 Jahren im Vergleich zu den Gründungsjahren organisatorisch wie versorgerisch viel verändert hat, kommt einer Kammer nach wie vor eine wichtige Rolle zu.

Die Umstände, unter denen die Ärztekammer Schleswig-Holstein 1945 wieder eingesetzt wurde, konnten ernster nicht sein. Seitdem hat sich viel verändert. Während der Jubiläumsveranstaltung anlässlich des 77-jährigen Kammerbestehens zeigte Präsident Prof. Henrik Herrmann Meilensteine der vergangenen Jahrzehnte. Zugleich markierte er aktuelle und künftige Herausforderungen einer Ärztekammer.
„Die ärztliche Selbstverwaltung wird gemessen werden an dieser Agilität, Verantwortung und an ihrem Gestaltungswillen – oder sie wird nicht mehr sein!“, so Herrmann. Für Kristina Herbst, Präsidentin des Schleswig-Holsteinischen Landtags, Dr. Günther Matheis, Vizepräsident der Bundesärztekammer und Präsident der Landesärztekammer Rheinland-Pfalz, sowie Bundesverfassungsrichter Peter Müller stand fest: Auch in Gegenwart und Zukunft braucht es die ärztliche Selbstverwaltung, die sich für die Belange der Ärztinnen und Ärzte in Schleswig-Holstein einsetzt.
Rückblick: viele hunderttausend Menschen aus den vom Krieg zerstörten Städten kamen auf dem Land- und Seeweg nach Schleswig-Holstein. Die Bevölkerung stieg im Jahr 1945 sprunghaft von etwa 1,6 Millionen auf über drei Millionen Einwohner. Schleswig-Holstein war vom Krieg zerstört, die gesundheitliche Versorgung weitgehend zusammengebrochen. Wo sie noch existierte, war sie überlastet.
„Der Fluchtbewegung war die medizinisch-ärztliche Versorgung nicht gewachsen. Erste Epidemien wie Cholera brachen aus“, beschrieb Herrmann die Herausforderungen, vor denen die hiesige Ärzteschaft in den ersten Tagen Nachkriegsdeutschlands stand. Unter den Geflüchteten waren auch Ärzte, allerdings nicht registriert. Die medizinische Versorgung war nicht koordiniert. Die primären Aufgaben der am
25. Juni 1945 wiedereingerichteten Landesärztekammer Schleswig-Holstein lagen auf der Hand: Oberste Ziele waren der Aufbau einer medizinischen Infrastruktur und die Bereitstellung und Organisation der dafür notwendigen Ärzte – ein Kraftakt, der unter schwierigsten Umständen gelang. Nicht zuletzt in enger Zusammenarbeit mit der britischen Militärregierung und den ersten zivilen Strukturen im Land.
Im weiteren Verlauf wurden schlechte ärztliche Arbeitsbedingungen, Mangel und Überbelegungen in Krankenhäusern von der Ärztekammer angesprochen. In den Folgejahren stabilisierte sich die Versorgungssituation. 1954 trat das „Gesetz über die Berufsvertretungen der Ärzte, Zahnärzte und Dentisten“ in Kraft und schaffte damit eine gesetzliche Legitimation der Ärztekammer Schleswig-Holstein.
Die nächsten Jahrzehnte waren durch vielfältige Neuerungen und wegweisende Entscheidungen geprägt. Im April 1964 wurde die ärztliche Versorgungseinrichtung errichtet. In den 1970er-Jahren wurde die Akademie für medizinische Fortbildung gegründet und die überbetriebliche Ausbildung der Medizinischen Fachangestellten etabliert, die es in dieser Form bis heute nur in Schleswig-Holstein und Hessen gibt.
Einen weiteren Meilenstein markierte Herrmann im Jahr 1982, als mit Dr. Ingeborg Retzlaff die erste Präsidentin einer Ärztekammer in Deutschland gewählt wurde. Damit übernahm Schleswig-Holstein eine Vorreiterrolle bei der weiblichen Besetzung von präsidialen Ämtern im Kammerwesen.
Mit dem Kammerwahlsystem seit Mitte der 90er-Jahre ist auf den Wahllisten der Anteil der Ärztinnen und Ärzte je Wahlkreis paritätisch abzubilden. Aktuell beträgt der Anteil der Ärztinnen in der Kammerversammlung fast 50 %. Im Vorstand beträgt der Frauenanteil bei drei Ärztinnen und vier Ärzten rund 43 %. Drei der sechs Kammerausschüsse werden von Ärztinnen geleitet.

„Alle reden von Frauen in Gremien und in Leitungspositionen, wir machen es!“, sagte Herrmann. Allgemein sind Leitungspositionen im Gesundheitswesen in Schleswig-Holstein zu etwa 27 % weiblich besetzt. Im bundesweiten Vergleich liegt Schleswig-Holstein damit an erster Stelle.
Die oberste Stelle im Land besetzt die neugewählte Präsidentin des Schleswig-Holsteinischen Landtags, Kristina Herbst (CDU), die ihr erstes Grußwort in dieser Funktion auf der Jubiläumsfeier der Ärztekammer hielt. Fragen der medizinischen Verwaltung und die Welt der Medizin seien ihr vor allem durch ihre Zeit als Projektleiterin der Sanierung des Schleswig-Holsteinischen Universitätsklinikums (UKSH) nicht fremd. „Mit einem Satz: Ich fühle mich in Ihrem Kreise sehr wohl“, sagte Herbst zu den Gästen der Veranstaltung.
„Sie können heute nicht nur ein Jubiläum feiern, sondern auch eine große Erfolgsgeschichte“, erklärte die Präsidentin. Diesen Erfolg bemaß sie an drei wesentliche Punkten, für die die Ärztekammer bis heute stehe: die Selbstverwaltung, den solidarischen Gedanken und die Betonung der unternehmerischen Freiheit als Grundlage der ärztlichen Tätigkeit. Als starke Interessenvertretung der Ärzteschaft sei die Kammer Garant für eine medizinische Versorgung auf höchstem fachlichem Niveau. „Und für das Land sind Sie seit Jahrzehnten ein kompetenter Ansprechpartner und Kooperationspartner,“ so Herbst.
Die 44-Jährige ging auch auf künftige Herausforderungen in der Gesundheitsversorgung ein. Insbesondere im ländlichen Raum brauche man in Schleswig-Holstein Medizinerinnen und Mediziner, die die ärztliche Versorgung sicherstellten. Fest stehe auch, dass Schleswig-Holstein als Flächenland die Chancen der Digitalisierung nicht verpassen dürfe, unterstrich Herbst. „Weder im Bereich der medizinischen Versorgung noch auf jedem anderen gesellschaftlich relevanten Feld.“
Im Kammerbereich sieht Dr. Günther Matheis, Vizepräsident der Bundesärztekammer, die Schwesternkörperschaft gut aufgestellt. „Für ein funktionierendes Gesundheitswesen braucht es die Selbstverwaltung“, sagte der Gast aus Rheinland-Pfalz.
Eines von mehreren Beispielen, die Matheis herausgriff, waren die Leistungen der Kammer in der Digitalisierung. 2005 startete die hausinterne IT-Abteilung der ÄKSH ihre Arbeit an dem sogenannten KammerClient. Die Software-Lösung dient als Schnittstelle zwischen den Ärztekammern als Kartenherausgebern und den Kartenproduzenten sowie dem Verzeichnisdienst in der Telematikinfrastruktur der gematik. Damit schuf die Kammer in Bad Segeberg eine digitale Infrastruktur, die heute alle Landesärztekammern im Bundesgebiet nutzen. Mehr als 200.000 Anträge für die Erteilung eines elektronischen Heilberufeausweises konnten die Landesärztekammern über dieses System bislang verarbeiten.
„Wir werden als Institution Ärztekammer, als ärztliche Selbstverwaltung, daran gemessen, wie wir die notwendigen Veränderungsprozesse im Gesundheitswesen begleiten, die entweder ohne uns, mit uns oder durch uns gestaltet werden“, sagte Kammerpräsident Herrmann passend zu diesem Beispiel. Die Ärztekammer Schleswig-Holstein habe deshalb früh begonnen, sich digital aufzustellen.

In der Verwaltung sowie mit digitalen Bildungsangeboten könnten auf diese Weise räumliche Distanzen überwunden werden. Ärzte und Angehörige der medizinischen Assistenzberufe könnten mit digitaler Unterstützung ihre knappen zeitlichen Ressourcen selbst einteilen und seien damit teilweise nicht mehr an feste Kurszeiten gebunden.
Mit Blick auf die vergangenen zwei Jahre sprach die Landtagspräsidentin auch über eine hohe Belastung in dieser Zeit. Die Pandemie habe den Ärztinnen und Ärzten ebenso wie den Medizinischen Fachangestellten sehr viel abverlangt. Herbst richtete sich während ihrer Rede auch an die Ärztinnen und Ärzte im Land: „Dass unser Land vergleichsweise gut durch diese Krisenzeit gekommen ist, das verdanken wir maßgeblich motivierten und zu außergewöhnlichen Leistungen bereiten Menschen wie Ihnen.“

Text: Stephan Göhrmann
Foto: Jörg Wohlfromm