Zum Verbrechen beigetragen: Ärzte im Nationalsozialismus
Die Ausstellung basiert auf einem mehrjährigen Forschungsprojekt im Auftrag der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und wurde vom Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin kuratiert. Dr. Bettina Schultz, Vorstandsvorsitzende der KVSH, erinnerte anlässlich der Ausstellungseröffnung an das ärztliche Gelöbnis der „Deklaration von Genf“ des Weltärztebundes und die damit verbundene „tiefe moralische Verantwortung", die mit dem ärztlichen Berufsstand einhergehe.
„Diese Ausstellung macht deutlich, dass wir dieser moralischen Verantwortung im Dritten Reich nicht gerecht geworden sind“, wurde Schultz in einer Pressemitteilung zur Ausstellungseröffnung zitiert. Die Ausstellung zeige, weshalb Erinnerungsarbeit zum Nationalsozialismus auch 80 Jahre nach dem Ende des Nazi-Regimes wichtig sei und bleibe. „Sie ist Mahnmal, Warnung und Erinnerung und zeigt uns: Nur weil das Regime gefallen ist, sind die Gedanken nicht verschwunden“, so Schultz. Zu den Aufgaben der Kassenärztlichen Vereinigungen, der Ärztekammern und Berufsverbände gehöre auch „zu verdeutlichen, was auf dem Spiel steht, wenn in einem Berufsstand, der dem Menschen verpflichtet ist, die Menschlichkeit verloren geht."
Einzigartige Dokumente lagen im Tresor
Einen Blick hinter die Kulissen zur Entstehung der Ausstellung gab der Kurator Sjoma Liederwald bei der Eröffnung. „Begonnen haben wir mit dem Umzug der KBV im Jahr 2014 von Köln nach Berlin.“ Damals habe man bei der Auflösung der Büros in Köln bei einer inzwischen verstorbenen „grauen Eminenz“ der damaligen KBV in einem Tresor – „zu dem niemand den Code kannte“ – eine Vielzahl historischer Dokumente, Protokolle, Listen und Notizen aus der NS-Zeit gefunden. Drei Jahre habe man benötigt, um alle Aktenordner zu sichten, zu sortieren und durchzugehen. Am Ende sei daraus das Forschungsprojekt der KBV entstanden. „Das Ergebnis zeigen wir hier“, so Liederwald, „und wollen damit vor allem in den Dialog gehen.“
Wissenschaftler und Medizinhistoriker Prof. Philipp Osten, Leiter des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, richtete den Blick auf die Ausgrenzung jüdischer Medizinerinnen und Mediziner. Er spannte den Bogen zurück in das 19. Jahrhundert und die Bedeutung auch dänischer Ärzte für die Entwicklung der Medizin in Schleswig-Holstein.
Beitrag jüdischer Ärzte für Fortschritt der Medizin
Osten verdeutlichte, dass insbesondere jüdische Ärzte trotz struktureller Benachteiligungen bereits im 19. Jahrhundert, als das Gebiet nördlich Hamburgs noch zu Dänemark gehörte, zentrale Impulse für die moderne Kinder- und Jugendmedizin setzten. Sie übersetzten internationale Fachliteratur, entwickelten neue Hygienekonzepte und prägten kommunale Gesundheitsstrukturen – in einer Phase, in der Deutschland mit der höchsten Säuglingssterblichkeit Europas zu kämpfen hatte. „Ihre wissenschaftliche Arbeit war für den medizinischen Fortschritt unverzichtbar – und zugleich eng verknüpft mit gesellschaftlicher Verantwortung“, betonte Osten laut Pressemitteilung. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 habe sich dies abrupt geändert- zahlreiche jüdische Mediziner seien aus ihren Ämtern gedrängt, entrechtet, zur Emigration gezwungen oder später deportiert und ermordet worden.
Auf der Flucht vor den Nazis ertrunken
Lediglich drei Mediziner in Schleswig-Holstein klassifizierten die amtlichen Dokumente der Nationalsozialisten in den Jahren zwischen 1933 bis 1937 noch als „Jude“. Dem Kinder- und Säuglingsarzt Dr. Otto Spiegel aus Kiel gelang 1937 noch die Flucht in die USA über die Niederlande und Südamerika. Dr. Carl Martin Steilberger, ebenfalls aus Kiel, emigrierte nach Dänemark, musste auch das Land in Richtung Schweden verlassen, als dort 1943 der Nazi-Terror einsetzte. Er und seine Frau ertranken auf der Flucht, nachdem sein in der Nacht unbeleuchtetes Boot gerammt worden war und sank. „Es sind diese dokumentierten Biografien, die die Dimension der Verfolgung verdeutlichen. Dass einige erst sehr spät emigrierten, hatte dabei oft sehr persönliche, naheliegende Gründe – wie beispielsweise die Pflege der Eltern", hieß es in der Mitteilung. (PM/RED)



