HNO-Ärzte schränken ambulante Operationen bei Kindern weiter ein
Der HNO-Berufsverband BVNHO hatte kürzlich berichtet, dass ein Drittel der befragten Operateure entsprechende Eingriffe bereits vollständig aufgegeben und weitere 21 Prozent ihr Angebot reduziert hätten. Hauptgrund sei die unzureichende Vergütung. Nach Einschätzung der Befragten lassen sich Kinder-HNO-Operationen unter den derzeitigen Vergütungsbedingungen wirtschaftlich kaum noch abbilden.
Wohnortnahe Versorgung ist gefährdet
„Wir wollen zu Recht mehr Leistungen ambulant erbringen. Zugleich dürfen aber die Strukturen, die diese Ambulantisierung leisten sollen, nicht wirtschaftlich geschwächt werden“, wurde dazu Dr. Sebastian Gassner, Vorsitzender des Hartmannbundes Schleswig-Holstein und niedergelassener Anästhesist, in einer Mitteilung seines Verbandes zitiert. „Gerade für Schleswig-Holstein brauchen wir eine verlässliche wohnortnahe Versorgung. Wenn ambulante Kapazitäten wegfallen, bedeutet das für Kinder und ihre Familien längere Wartezeiten und weitere Wege“, warnte Gassner.
Budgetierung ambulanter Operationen als Risiko
Besonders kritisch sieht der Hartmannbund die drohende Budgetierung ambulanter Operationen. Die politische Zielsetzung, mehr Eingriffe aus dem stationären in den ambulanten Bereich zu verlagern, dürfe nicht durch gegenläufige Vergütungsanreize konterkariert werden. „Wenn ambulant mögliche Eingriffe wirtschaftlich nicht auskömmlich erbracht werden können, werden sie entweder gar nicht mehr angeboten oder als Kurzliegerfälle in den stationären Bereich verschoben. Das kann nicht das Ziel der Ambulantisierung sein“, betonte Dr. Marco Hensel, Vorsitzender des Arbeitskreises I „Ambulante Versorgung“ des Hartmannbundes.
Einbeziehung in die Hybrid-DRG als Lösung?
Eine stärkere Einbeziehung geeigneter Kinder-HNO-ärztlicher Eingriffe in die Hybrid-DRG könne aus Sicht des Hartmannbundes einen sinnvollen Weg darstellen. Eine sektorenunabhängige Vergütung schaffe für die Vertragsärzteschaft verlässlichere wirtschaftliche Rahmenbedingungen und könne zugleich dazu beitragen, ambulante Behandlungskapazitäten für Kinder wohnortnah zu erhalten. Davon profitierten sowohl die Leistungserbringer als auch die Patientinnen und Patienten. (PM/RED)
Die Ergebnisse der Befragung
Der BVHNO hatte seine Mitglieder vom 20. bis 28. August 2026 online befragt. Von 3.729 eingeladenen berufstätigen Mitgliedern nahmen 729 teil, das entspricht einer Rücklaufquote von 19,6 Prozent. Die wichtigsten Ergebnisse:
- Der Bedarf an OP-Kapazitäten für eine Tonsillotomie oder Adenotomie mit Einlage von Paukenröhrchen bzw. die Kombination der Eingriffe ist hoch: 59 Prozent der Befragten sehen pro Quartal weiterhin 11 bis 50 Kinder mit gesicherter Operationsindikation, 31 Prozent nennen 11 bis 25 Kinder und 28 Prozent 26 bis 50.
- Gleichzeitig warten Kinder heute meist ein halbes Jahr oder länger auf einen OP-Termin: 71 Prozent der Kinder müssen nach Angaben der Befragten vier Monate oder länger warten. Termine innerhalb von vier Wochen gibt es praktisch nicht mehr. Als Folgen für die Kinder nennen die Befragten vor allem eine verzögerte Sprachentwicklung (88 Prozent) und anhaltende Hörminderung (82 Prozent).
- Von den 708 Befragten, die Angaben zu ihrer persönlichen OP-Tätigkeit machten, haben 33 Prozent HNO-Kinderoperationen vollständig aufgegeben und weitere 21 Prozent den Umfang reduziert. Rund 25 Prozent operieren weiterhin regelmäßig.
- Folgen für die Versorgung: 55 Prozent überweisen Kinder ohne zeitnahen Termin an ein Krankenhaus, weitere 30 Prozent an einen anderen ambulanten Operateur. 73 Prozent der Befragten berichten, dass Eltern selbst nach einer Operationsmöglichkeit suchen müssen und 62 Prozent führen die konservative Behandlung fort.
- Als wichtigsten Grund für die Einschränkung oder Aufgabe ihrer operativen Tätigkeit nennen 59 Prozent der 387 Antwortenden die unzureichende Vergütung der Eingriffe. 18 Prozent berichten, dass ein OP-Zentrum oder Krankenhaus die OP-Möglichkeit eingeschränkt oder beendet hat. Von den 264 Befragten, die die Wirtschaftlichkeit nach EBM bewerteten, halten 91 Prozent HNO-Kinderoperationen unter den derzeitigen Rahmenbedingungen für eher nicht oder nicht wirtschaftlich erbringbar.
- 46 Prozent der Befragten geben an, ihre operative Tätigkeit bei einer besseren Vergütung sicher wieder aufzunehmen oder auszuweiten. Weitere 30 Prozent halten es für wahrscheinlich, dass sie ihre OP-Tätigkeit unter diesen Bedingungen wieder intensivieren würden.
Damit signalisieren insgesamt rund drei Viertel der Befragten eine grundsätzliche Bereitschaft, zusätzliche operative Kapazitäten bereitzustellen, wenn sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verbessern. „Wenn drei von vier Praxen bereit wären, mehr zu operieren, sobald sich die Rahmenbedingungen verbessern, dann liegt der Schlüssel für kürzere Wartezeiten bei der Politik, nicht bei fehlendem Engagement der Ärzteschaft", wurde Prof. Jan Löhler, Präsident des BVHNO, in einer Mitteilung des Berufsverbandes zitiert. In Zahlen ergäbe sich daraus erhebliches Potenzial: Die von den Befragten genannten zusätzlichen Kapazitäten summieren sich auf rund 30.000 Eingriffe pro Jahr. Zum Vergleich: Die aktuell operierenden Befragten erbringen zusammen 43.859 Eingriffe pro Jahr. (PM/RED)






