Zwei grüne Module in einer Grafik stehen für Antikörper. Sie sind verbunden mit einem anders geformten lila Modul. Im Hintergrund sind rote Elemente zu erkennen, die für abgetötete Krebszellen stehen.
Die neuartigen Antikörper, genannt AbLec, kombinieren zwei Wirkprinzipien und verstärken dadurch die Immunaktivität gegen Tumorzellen. Die rote Fluoreszenz im Hintergrund zeigt die abgetöteten Krebszellen über einen Zeitraum von 5 Stunden an. © MIT

Forschungserfolg gegen Krebs - mit Kieler Beteiligung

Internationale Forschungskooperation mit Beteiligung aus Schleswig-Holstein entwickelt neuartige Antikörpermoleküle mit zwei unterschiedlichen Bindungsstellen, die eine spezifische Bremswirkung von Krebszellen auf das Immunsystem aufheben.

Trotz der Erfolge moderner Immuntherapien spricht bislang nur ein Teil von Krebspatientinnen und -patienten dauerhaft auf vorhandene Behandlungen an. Denn Krebszellen haben Strategien entwickelt, um der Abwehr durch das Immunsystem zu entgehen. Diese Fähigkeit von Krebszellen wird als Immunescape oder Immunflucht bezeichnet. Ein internationales Forschungsteam unter Leitung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Stanford University und des Massachusetts Institute of Technology (MIT) hat laut einer Pressemitteilung einen neuartigen immuntherapeutischen Ansatz vorgestellt, der den Immunescape von Tumoren gezielt durchbrechen soll. An der Studie waren auch Forschende der Klinischen Forschungsgruppe CATCH ALL der Medizinischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) und des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH), Campus Kiel, beteiligt.

Bispezifisches Antikörpermolekül „trickst“ Tarnmechanismus von Krebszellen aus

Krebszellen nutzen Glykane, um Angriffe des Immunsystems abzuwehren.  Glykane binden an Rezeptoren (Lektine) auf Immunzellen und senden ein Signal, das deren Aktivität unterdrückt. Auf diese Weise bleiben die Krebszellen von den Zellen des Immunsystems verschont. Die neu entwickelten „AbLec“ (Antikörper-Lektin-Chimäre) durchbrechen laut Mitteilung der Kieler Universität diesen Mechanismus, indem sie zwei Wirkprinzipien vereinen. Sie kombinieren einen herkömmlichen Antikörper, der sie spezifisch zu Tumorzellen leitet, mit einer Lektin-Domäne, die an Tumorzellglykane bindet. Dieser blockiert die immunhemmenden Glykane direkt an der Kontaktstelle zwischen Tumor- und Immunzelle.

„Viele Tumoren nutzen Zuckerstrukturen als eine Art Tarnmechanismus gegenüber dem Immunsystem. AbLec unterbricht diese hemmenden Signale und aktiviert gleichzeitig Immunzellen – ein doppelter Angriff auf den Immunescape von Krebszellen“, wurde CATCH ALL Projektleiter Prof. Thomas Valerius von der Klinik für Innere Medizin II, Sektion für Stammzell- und Immuntherapie, des UKSH in Kiel in der Mitteilung zitiert. 

Überzeugende präklinische Ergebnisse

In präklinischen In-vitro- und In-vivo-Modellen stellte AbLec die Immunaktivität wieder her. Die neuartige Therapie zeigte teilweise eine höhere Wirksamkeit als bestehende Therapieansätze und erwies sich zudem als vielversprechend in Kombination mit etablierten Checkpoint-Hemmern. Das sind neuartige Medikamente in der Krebstherapie, die ebenfalls in die Immunantwort gegen Tumore eingreifen. Aufgrund ihres modularen Aufbaus lässt sich die AbLec-Technologie flexibel an unterschiedliche Tumorarten und Immunzell-Interaktionen anpassen.

Die Studie wurde von Forschenden des MIT und der Stanford University unter der Leitung von Dr. Jessica Stark und Prof. Carolyn Bertozzi, einer Pionierin der Glykobiologie und Nobelpreisträgerin für Chemie, durchgeführt. Von der Klinischen Forschungsgruppe CATCH ALL war neben Valerius auchDr. Marta Lustig, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Sektion für Stammzell- und Immuntherapie des UKSH, an der Studie beteiligt.

Perspektive für die klinische Anwendung

Ziel der weiteren Forschung ist es unter anderem, die Rekrutierung von bestimmten Abwehrzellen, den myeloischen Effektorzellen, bei verschiedenen Krebserkrankungen zu verbessern. Außerdem sollen AbLec-Moleküle weiter optimiert werden. Die Zusammenarbeit mit den Partnern am MIT und in Stanford soll dabei ausgebaut werden.

Eine Ausgründung aus dem akademischen Umfeld – das Unternehmen Valora Therapeutics – plant, diesen innovativen Ansatz innerhalb der nächsten zwei bis drei Jahre in klinische Studien zu überführen. Damit könnte sich eine neue therapeutische Option für Patientinnen und Patienten eröffnen, die auf bestehende Immuntherapien nicht oder nur unzureichend ansprechen.

Die Forschungsgruppe CATCH ALL und die Klinik für Innere Medizin II, Campus Kiel, kooperieren eng mit dem Universitären Cancer Center Schleswig-Holstein (UCCSH), einem Zusammenschluss aller onkologisch tätigen Einrichtungen des UKSH und der Universitäten in Kiel und Lübeck. (PM/RED)

Weitere Meldungen
platzhalter_aerzteblatt
12.02.2026

Die Versorgungsregionen werden für die Zuteilung der Leistungsgruppen eine Rolle spielen. Das…

platzhalter_aerzteblatt
12.02.2026

Maßnahmen zur künstlichen Befruchtung werden bei gesetzlich Versicherten höchstens drei Mal von der…

platzhalter_aerzteblatt
11.02.2026

Für alle Röntgeneinrichtungen, die für dosisintensive Durchleuchtungsuntersuchungen am Menschen…

Eine Frau und ein Mann flankieren einen weiß-blauen, menschenähnlichen Roboter auf einem Flur des UKSH, Campus Kiel.
Prof. Franziska Uhling und Felix Prell mit HuGo ©UKSH
11.02.2026

Der humanoide Roboter HuGo könnte künftig Pflegekräfte und Servicemitarbeitende in Kliniken von…

Eine Frau sitzt an einem Computer. Sie ist schräg von hinten zu sehen, zu sehen ist ebenfalls der Inhalt des Bildschirms.
©Segeberger Kliniken
10.02.2026

Die Segeberger Kliniken führen ein neues digitales Patientenportal ein. Ziel sei es, den…

Ein kleiner weißer Roboter steht im Vordergrund auf einem leeren Platz in einem Klassenzimmer. Um den Platz herum sind die Stühle mit Schulkindern gefüllt, einige von ihnen melden sich.
Mithilfe eines teddybärgroßen Telepräsenzroboters können krebskranke Kinder auch während längerer Krankenhausaufenthalte oder Therapien am Unterricht teilnehmen. Sie sehen und hören ihre Klasse, können sich melden und dazugehören. © No Isolation
09.02.2026

Ein Telepräsenzroboter ermöglicht an Krebs erkrankten Kindern die Teilnahme am Schulunterricht - ein…