Interprofessionelle Zusammenarbeit zwischen Wunsch und Wirklichkeit
Bei komplexen Versorgungsbedarfen stößt ein monodisziplinärer Ansatz schnell an seine Grenzen. Die Bewältigung solcher Herausforderungen erfordert die Einbindung verschiedener Berufsgruppen und deren spezifische Perspektiven für eine optimale Versorgung. In der Praxis besteht jedoch erhebliches Potenzial für mehr interprofessionelle Kooperation.
Unsicherheit über die Verantwortung
Mal ehrlich: Die Unsicherheiten sind erheblich. In der Medizin herrschen Hierarchien und Verantwortungsbereiche, die rechtlich relevant sind. Wer hat welche Befugnisse, wer trägt die Verantwortung und wer kann wem Anweisungen geben?
Betrachtet man beispielsweise die erheblichen Unterschiede bei den Behandlungsvorgaben für Notfallsanitäter in den einzelnen Bundesländern fällt auf, dass mehrheitlich unklar ist, wer Indikationsverantwortung trägt.
Wertvolle Arbeit der Physician Assistants
Oder der relativ neue Beruf des Physician Assistant (PA): Abgesehen von der jungen PA, die sich im vergangenen Sommer in einem Interview als operierende Assistenzärztin durch die Hintertür darstellte – was ihrem Berufsstand schadete –, habe ich viele engagierte PA‘s kennengelernt, deren Arbeit wertvoll ist. Dennoch tun sie sich häufig schwer, ihren Platz zwischen ärztlichem und pflegendem Personal mit entsprechender Anerkennung und ohne Anfeindungen zu finden und vielen Mitarbeitenden aller Professionen ist nicht klar, was genau in den Aufgabenbereich von PA’s fällt und wie die Weisungsbefugnisse geregelt sind.
„Separieren, wann immer es geht“
Ein weiterer kritischer Punkt ist die Ausbildung. Interprofessionelles Lernen wird zunehmend gefordert und gelebt. Meine Erfahrung ist aktuell: Studierende der Medizin und die anderer Gesundheitsberufe separieren sich, wann immer es geht, in „ihre“ Gruppen. Lehrende werden weder auf den interprofessionellen Unterricht vorbereitet noch wissen sie in der Regel im Vorfeld, welche Berufsgruppe in welcher Stärke im Hörsaal vertreten ist. Das erschwert eine hochwertige Lehre enorm.
Kernproblem: Zeitmangel
Interprofessionalität wird oftmals auf bloße Koordination reduziert. Informationen werden ausgetauscht und Aufgaben verteilt, während echte gemeinsame Entscheidungsprozesse selten etabliert sind. Zeitmangel, Personalknappheit und ökonomischer Druck reduzieren die Kommunikation auf das Nötigste. Interprofessionelle Abstimmungen werden dann als Zusatzaufwand wahrgenommen und eben nicht als integraler Bestandteil guter Versorgung.
Nicht immer ist die Bereitschaft vorhanden
Dennoch wäre es zu einfach, die Verantwortung allein „im System“ zu verorten. Innerhalb der Professionen fehlt es mitunter an Bereitschaft zur echten Rollenöffnung. Interprofessionelle Zusammenarbeit bedeutet nicht nur, andere einzubeziehen, sondern auch, eigene Zuständigkeiten zu hinterfragen und Macht zu teilen.
Interprofessionalität als Kernkompetenz
Aus meiner Sicht braucht es einen Perspektivwechsel hin zu einem Verständnis von Interprofessionalität als notwendiger Kernkompetenz. Dazu gehören vor allem klare Kommunikationsstrukturen und eine Kultur, in der unterschiedliche fachliche Perspektiven nicht als Bedrohung, sondern als Ressource begriffen werden.


