Mann mit kurzen Haaren und Brille trägt ein grün-weiß kariertes Hemd und eine blaue Krawatte. Er lächelt in die Kamera.
Prof. Tobias Hochscherf © Andreas Diekötter

„Eklatante Vorteile gegenüber der gedruckten Ausgabe"

Viele Mitglieder haben noch die gedruckte Ausgabe vor Augen, wenn sie an das Schleswig-Holsteinische Ärzteblatt denken – kein Wunder nach fast 80 Jahren regelmäßiger Belieferung mit Printausgaben. Inzwischen setzt die Ärztekammer als Herausgeberin auf eine rein digitale Ausgabe.

Prof. Tobias Hochscherf

Dieser Schritt ist weder ungewöhnlich noch kommt er vollkommen unerwartet – zahlreiche Verlage aus anderen Branchen haben ihn vorgemacht. Eine aktuelle Studie im Auftrag von Statista hat klar gezeigt, dass in Deutschland digitale Zeitungen und Magazine seit 2023 von mehr Menschen gelesen werden als ihre gedruckten Pendants. Seitdem steigt die Zahl derjenigen, die digitale Angebote den Printmedien vorziehen, kontinuierlich. 

Bemerkenswerter Schritt
Trotz dieses klaren Trends hin zu den digitalen Medien ist der Schritt der Ärztekammer Schleswig-Holstein dennoch bemerkenswert. Denn bislang hat sich keine andere Landesärztekammer in Deutschland dazu entschließen können, ihr gedrucktes Ärzteblatt einzustellen. Auch das Deutsche Ärzteblatt kommt weiterhin regelmäßig in Print zu den Ärztinnen und Ärzten ins Haus. Die Ärztekammer Schleswig-Holstein ist also in ihrer Nische durchaus Vorreiter.

Weitere Stimmen zur Digitalisierung
Wie beurteilt der Digitalminister des Landes Schleswig-Holstein, Dirk Schrödter, den Schritt der Ärztekammer mit der Digitalisierung des Ärzteblattes? In einem Gastbeitrag erläutert der Minister, welche Chancen aus seiner Sicht mit der Transformation verbunden sind.
Der frühere Hauptgeschäftsführer der Ärztekammer Schleswig-Holstein, Dr. Karl-Werner Ratschko, berichtet in einem weiteren Beitrag, welche Fragen zur Umstellung auf rein digital bei ihm aufkommen.
Dr. Victoria Witt, Vorstandsmitglied der Ärztekammer Schleswig-Holstein, beschreibt ihr Leseverhalten. Als regelmäßige Leserin der digitalen Ausgabe nutzt sie alle Vorteile der Umstellung.
Was sagen die Leser? Einige von ihnen haben sich zur Digitalisierung geäußert. 

Die wichtigsten Gründe für eine digitale Ausgabe
Das Webmagazin, begleitet von Podcasts und einem E-Paper, ist jetzt seit einem Jahr online verfügbar. Daher lohnt es sich, ein kurzes Zwischenfazit zu ziehen. Die Resonanz mit rund 4.000 monatlichen Zugriffen während der Übergangsphase – in der auch die Printausgabe noch verfügbar ist – kann man durchaus als zufriedenstellend bewerten. Interessant wird aber vor allem die weitere Entwicklung ohne eine Printoption. Es gibt viele Argumente, die dann für steigende Zugriffszahlen sprechen. Die Wichtigsten aus meiner Sicht:

  • Aktualität: Der zeitraubende Umweg über das Druckhaus entfällt. Das digitale Ärzteblatt stellt Informationen werktäglich zur Verfügung. Leser sind damit deutlich schneller informiert.
  • Das veränderte Nutzungsverhalten von Medienkonsumenten: Die Menschen wollen heute selbst entscheiden, wo, wann und in welchem Format sie Informationen erhalten und lesen können. Hier hat ein digitales Ärzteblatt klare Vorteile gegenüber einem Printmedium. Die gedruckte Ausgabe werden Menschen nicht immer dabei haben, das Smartphone dagegen schon.
  • Die Verknüpfung von Informationen: Die gedruckte Ausgabe kann nur Hinweise auf weitergehende Informationen an anderer Stelle außerhalb der gedruckten Ausgabe geben. Digital sind dagegen direkte Verlinkungen möglich, die Nutzerinnen und Nutzer direkt zu diesen weiterführenden Informationen führen. Insbesondere bei komplexeren Themen und Studien ist dies ein klarer Vorteil. 
  • Interaktion: Bei einer Printausgabe ist dies nur durch einen Medienwechsel und der damit einhergehenden zeitlichen Verzögerung möglich – etwa über Leserbriefe oder Anrufe bei den Autoren oder in der Redaktion. Digitale Medien machen diesen umständlichen Weg überflüssig. Leser können Artikel über das Internet teilen und direkt kommentieren. Dies entspricht durchaus unserem Zeitgeist: Das Obrigkeitsdenken erodiert, Menschen möchten auf Augenhöhe kommunizieren. Digitale Medien ermöglichen dies in einem viel weitergehenden Ausmaß als gedruckte Ausgaben.
  • Reichweite: Herausgeber digitaler Medien erreichen mehr Menschen, weil die Artikel geteilt werden und sie weltweit rund um die Uhr abrufbar sind. Sie werden nicht nur einem festen Abonnentenkreis zugeschickt. Auch Menschen außerhalb dieser Gruppe werden digitale Informationen zugänglich. Hinzu kommt: Wer bislang wissen sollte, wie viele Menschen mit einer Ausgabe tatsächlich erreicht wurden, musste aufwändige und teure Analysen vornehmen. Die Reichweite digitaler Medien lässt sich einfach und sofort messen.
  • Informationsfülle: Eine gedruckte Ausgabe ist von einer Seitenzahl und den Anschlägen, die auf eine Seite passen, begrenzt. Diese Limitierung entfällt im digitalen Angebot. Einzig die Frage, ob weitere Informationen Relevanz für die Leser haben, entscheidet über die Veröffentlichung.
  • Kosten: Menschen lesen, weil sie Informationen wollen und nicht, weil sie Papier wollen. Papier kaufen, bedrucken und versenden ist teuer. Auch Server und Software kosten Geld – unter dem Strich aber weniger als gedruckte Ausgaben. 

Folgerichter Schritt
Wenn ich diese Argumente abwäge, erscheint der Schritt zur Digitalisierung des Schleswig-Holsteinischen Ärzteblattes folgerichtig. Die Ärztekammer Schleswig-Holstein hat aus meiner Sicht vor einem Jahr ein digitales Angebot geschaffen, das eklatante Vorteile gegenüber der gedruckten Ausgabe aufweist.

Zur Person
Prof. Tobias Hochscherf wuchs in Hamburg und Schleswig-Holstein auf. Er ist Professor für audiovisuelle Medien an der HAW Kiel und der Europa-Universität Flensburg. Hochscherf studierte Geschichte, Medienwissenschaft, Anglistik und Germanistik in Hamburg, Kiel und Liverpool. Er ist Mitgründer einer Medienproduktionsfirma und hat als Fernseh- und Radiojournalist gearbeitet. Nach seiner Promotion an der University of Liverpool war er als Senior Lecturer an der Northumbria University in Großbritannien tätig. 2009 übernahm er eine Professur an der HAW Kiel. Er ist derzeit Vizepräsident der Hochschule.

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