Kopfportrait eines graumelierten Mannes mit Brille, der in die Kamera lächelt.
Dr. Dr. phil Karl-Werner Ratschko © privat

Digitales Ärzteblatt: Kommunikativer Zugang bleibt unentbehrlich

Über Jahrzehnte war es selbstverständlich, dass die Mitglieder der Ärztekammer Schleswig-Holstein von ihrer Körperschaft regelmäßig per Printausgabe des Schleswig-Holsteinischen Ärzteblattes informiert wurden. Die Umstellung wirft beim früheren Schriftleiter des Blattes, Dr. Karl-Werner Ratschko, Fragen auf.

Dr. Dr. phil. Karl-Werner Ratschko

Nach diesem Heft wird das Schleswig-Holsteinische Ärzteblatt (SHÄ) ausschließlich digital erscheinen. Damit folgt die Ärztekammer einem wohl auch aus Kostengründen schwer vermeidbaren allgemeinen Trend. Der Zugang zu den Inhalten wird künftig aktives Wollen des Lesers erfordern. Wegen der Zahl von Printmedien, die Ärztinnen und Ärzte fast täglich überfluten, handelt es sich bei diesem Wandel für das SHÄ um kein unproblematisches Verfahren. Wird das Interesse der bisherigen Leser ausreichen, weiterhin die nun nur noch digital verfügbaren regionalen Mitteilungen der Kammer im Internet aufzurufen? Was wäre zu tun, wenn dies nicht der Fall sein sollte? Die Bedeutung und Qualität des SHÄ für die schleswig-holsteinische Ärzteschaft sollte nicht unterschätzt werden. Sollte es zu einer (technisch zählbaren) Verminderung des Interesses kommen, könnte das ungünstige Folgen für die berufspolitische Einstellung von Ärztinnen und Ärzten über das Verständnis für die Tätigkeit der Ärztekammer haben. 

1866 erschien der erste Vorläufer
Die Geschichte eines Informationsblattes für die Ärztinnen und Ärzte in Schleswig-Holstein ist lang. Die ärztliche Zusammenarbeit, die ärztliche Fortbildung und weitere Notwendigkeiten ärztlicher Standespolitik erforderten schon Mitte des 19. Jahrhunderts dringend eine Verbesserung der innerärztlichen Kommunikation. Zu viele Ärzte, besonders auf dem Lande und in den kleinen Orten, waren von der Entwicklung ihres Berufes gerade in dieser den Beruf stark prägenden Zeit abgeschnitten. 

Am 18. April 1866 erschienen erstmalig die „Mittheilungen für den Verein Schleswig-Holsteinischer Ärzte“. Übergeordnetes Ziel war es, eine möglichst geschlossen auftretende Ärzteschaft zu erreichen. Das war keine Selbstverständlichkeit. In Vordergrund standen neben standespolitischen Fragen die ärztliche Fortbildung und Berichte über die Jahresversammlungen des Vereins sowie später auch der Ärztekammer und der Kassenärztlichen Vereinigung (KV). Die Mitteilungen wurden Ende 1933 eingestellt. Die bis 1941 nachfolgenden Ärzteblätter dienten den NS-Machthabern zur Übermittlung von Anordnungen und Hinweisen. Ab 1948 gab es das Schleswig-Holsteinische Ärzteblatt, das bis Ende 1997 viele Jahre von Kammer und KV gemeinsam herausgegeben wurde. Seit 1998 war die Ärztekammer alleiniger Herausgeber. Die KV hatte mit dem „Nordlicht“ ein eigenes Organ entwickelt, das mehr auf die Bedürfnisse der Vertragsärzte zugeschnitten war.

Ab 1948 ganz in Gelb
Das durch seinen gelben Umschlag leicht zu erkennende SHÄ lag seit 1948 allen Ärztinnen und Ärztinnen, belästert als „gelbe Gefahr“, monatlich vor. Während Schriftleiter Curt Walder sich stark mit berufspolitischen, die ärztlichen Körperschaften betreffenden Fragen befasste, widmete sich Gerd Iversen ab 1965 speziell Fragen der in der alltäglichen Praxis aufkommenden Psychoanalyse und -therapie sowie Buchbesprechungen. Dies änderte sich 1989 unter gemeinsamer redaktioneller Leitung von Hans-Peter Sonntag/Lübeck, Bodo Kosanke/Bad Segeberg und Karl-Werner Ratschko. Nun waren wieder berufspolitische Fragen und Entwicklungen in der Ärzteschaft wesentliche Themenbereiche. 1998 wurde Ratschko alleiniger Schriftleiter. 2009 übernahm Dirk Schnack die Leitung und entwickelte in der Folgezeit ein den Ansprüchen der Zeit sich ständig anpassendes, professionelles Publikationsorgan der Ärztekammer.
 

  • 1948
    Die erste Printausgabe des Schleswig-Holsteinischen Ärzteblattes erscheint im Januar mit einem Umfang von 16 Seiten.
  • 79
    Jahrgänge sind seitdem erschienen, zuletzt mit einem Umfang von je 54 Seiten.
  • 17.500
    betrug die Auflage des letzten Jahrgangs.
  • 120.000 €
    kostete 2025 allein der Versand des Ärzteblattes.
     

Stark gefragt: Geburtstage und Todesfälle
Die Ärztinnen und Ärzte erhielten „ihr“ Ärzteblatt unaufgefordert monatlich zugesandt. Selbst bei zunächst fehlender Beachtung wurde es dann doch durchgeblättert und nicht selten fanden sich interessante Artikel oder Mitteilungen. Wie ein Vorgang Ende der 1990er Jahre zeigte, waren zumindest der kollegiale Wunsch nach Mitteilungen über Geburtstage und Todesfälle in der Ärzteschaft häufig ein Anlass, hinein zu sehen. Damals beschloss der Kammervorstand nämlich, diese Rubrik entfallen zu lassen. Nie wieder gab es eine so große Zahl von Protestschreiben, sodass der Beschluss schon wenig später wieder rückgängig gemacht werden musste.

Ärzteblatt: unentbehrlich für geschlossenes Auftreten der Ärzteschaft
Die Ärztekammer wird aufgrund eines Landesgesetzes tätig und ist zuständig für viele übergeordnete Fragen des ärztlichen Berufes, wie z.B. Berufs- und Weiterbildungsrecht, Verhältnis der Ärztinnen und Ärzte zueinander und zu Dritten, Wahrnehmung der ärztlichen Interessen u.v.a.m., aus denen sich viele hier im Einzelnen nicht darzustellende Aufgaben ergeben. Nur über ein die gesamte Ärzteschaft erreichendes Publikationsorgan können die Vielfalt der Tätigkeit, die Notwendigkeit von Entscheidungen und die Bedeutung der Kammer für einen weitgehend selbst gestalteten freien Beruf deutlich gemacht werden. Für die Geschlossenheit des Berufes ist ein Ärzteblatt also unentbehrlich. Dies ist nicht allen in der Ärzteschaft im Hinblick auf die begrenzte Zeit, wie auch die Notwendigkeit, Fachpublikationen zu lesen, bewusst. Da bleibt auch in Zukunft ein Publikationsorgan notwendig, das allen Ärztinnen und Ärzten regelmäßig vorliegt.

Ärztekammer hat eine „Bringschuld“
Diesen Anspruch wird die digitale Form des Ärzteblattes nicht für alle Mitglieder erfüllen können, da aktives Handeln verlangt wird, die digitale Publikation aufzurufen. Um keine Lücken entstehen zu lassen, werden Maßnahmen erforderlich sein, um eine weiterhin möglichst flächendeckende Information der gesamten Ärzteschaft sicherzustellen. Hier hat die Ärztekammer im eigenen Interesse eine „Bringschuld“. Die KV z.B. macht seit der Digitalisierung des Nordlichts alle ihr mit E-Mail-Adresse bekannten Leser und Leserinnen monatlich auf die neue Ausgabe des Nordlichts aufmerksam, eine Maßnahme, die sich auch für die Ärztekammer anbieten könnte.

Digitale Einweisungskurse
Diejenigen Mitglieder der Kammer, die nicht mit einer Mailadresse bekannt sind, sollten monatlich auf dem Schriftwege mit einer kurzen Inhaltsdarstellung des neu erschienen Ärzteblattes erinnert werden. Auch sollten die Möglichkeiten der Ärztekammer genutzt werden, um regional kurze Einweisungskurse für die anzubieten, die sich mit dem Internet noch nicht anfreunden konnten. Immer wieder wird es erforderlich sein, die Wirksamkeit dieser Maßnahmen zu überprüfen und diese ggf. auszugestalten.

Die schleswig-holsteinische Ärzteschaft kann es sich gerade in den heutigen, unruhigen Zeiten nicht leisten, durch eine unglückliche innerärztliche Kommunikation ihre bisher weitgehend gelungene Geschlossenheit zu gefährden. Ich jedenfalls glaube, dass ein funktionierender direkter kommunikativer Zugang zu allen ihren Mitgliedern für die Ärztekammer unentbehrlich ist und unbedingt auch im digitalen Zeitalter erhalten bleiben muss.

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