Die Folgen von "keine Zeit"
Der Fall: Schwiegermutter, 86 Jahre, Notfallaufnahme am Sonntagabend mit fieberhaftem Atemwegsinfekt. Am Folgeabend Verlegung auf die Intensivstation, 7 Tage invasive Beatmung bei massiver beidseitiger Pneumonie. Nach 10 Tagen Rückverlegung auf Station und Verlegung am Folgetag auf unsere Veranlassung Verlegung ins Friedrich-Ebert Krankenhaus Neumünster. Entlassung aus dem Krankenhaus – und Rehabehandlung des FEK nach insgesamt 6 Wochen Krankenhausaufenthalt.
Meine Erfahrungen mit der Internen Abteilung eines Krankenhauses der Grund- und Regelversorgung im nördlichen Hamburger Umland hätte ich nach 40 -jähriger Tätigkeit bis dato für unglaublich gehalten.
Informationskultur: ungenügend.
Über 12 Stunden wurden wir im Unklaren gelassen. Verweigert wurden Auskünfte zum Gesundheitszustand der Patientin - telefonisch aus der Notaufnahme sowie morgens von Station, ebenso vormittags direkt auf der Station, nicht einmal über die Körpertemperatur - alles mit Hinweis auf den Datenschutz. Letztlich musste der Chefarztvertreter bemüht werden, die Auskunft erfolgte wenig bereitwillig erst nach Drängen unsererseits und langer Aufklärung über Datenschutz seinerseits. Regulär wäre eine Auskunft erst 17 Stunden nach Aufnahme möglich gewesen. Über ein Beinahe-Sturzereignis auf Station wurden wir nicht informiert. Die telefonische Mitteilung über die stattgehabte deutliche Verschlechterung des Gesundheitszustandes und Verlegung der Patientin auf die Intensivstation erfolgte mit 13 stündiger Verzögerung, Erklärung: “Keine Zeit“. Ein „vorerst letzter“ Besuch in unbeatmetem Zustand – im schlimmsten Fall zum Abschiednehmen - war bei rigiden Besuchszeiten nicht möglich.
Umgangskultur: unkollegial.
Lange Belehrung über Datenschutz durch Chefarztvertreter statt kurzer Information – und das mir als Kollegen gegenüber, der früher in dem Haus operativ tätig war. Auf die Frage nach einem Ansprechpartner am Wochenende knappe Antwort des diensthabenden Arztes: „Das sei nicht vorgesehen. Keine Zeit.“
Unangemessen aggressive Reaktion der Oberärztin auf eine begründete medizinische Frage – vor der Patientin und weiteren Angehörigen. Ein einziger ruhiger Satz unter Kollegen hätte die Situation zur Zufriedenheit aller geklärt.
Beschwerdemanagement: Die Antwort auf das Beschwerdeschreiben klingt wie eine Postwurfsendung aus der Retorte: „… Vorgänge intern nachvollzogen und aufgearbeitet…“ - unpersönlich ohne ein Wort des Bedauerns.
Die Kommentare in der Krankenakte stehen für sich: „…Angehörige halten sich nicht an Besuchszeiten…“, „… die sehr aufgebrachten Angehörigen beschweren sich im Chefarztsekretariat, dass ihnen noch keine Auskunft erteilt wurde…“ ,„ .. bereits deutlich nach Arbeitsende nehme ich mir dennoch die Zeit …“
Ausdrücklich zu loben ist die gute Intensivbehandlung, durch die meine Schwiegermutter die lebensbedrohliche Pneumonie überlebt hat.
Fazit: Als Angehöriger sollte man im Besitz einer Schweigepflichtentbindung sein. In dieser Abteilung wird der Datenschutz offensichtlich gegen die Interessen von Patienten und Angehörigen verwendet, Fürsorge und Menschlichkeit bleiben auf der Strecke. Ein Hauch von Fingerspitzengefühl, Empathie und Zivilcourage bezüglich des Datenschutzes hätten ausgereicht, die zurecht besorgten Angehörigen angemessen zu informieren und zu beruhigen, ohne dass dabei Klinikgeheimnisse preisgegeben worden wären.
Unkollegiales Verhalten und Beschwerdemanagement lassen an der Berufsauffassung zweifeln. Es ist gut zu wissen, dass solche Vorkommnisse nicht die Regel in deutschen Krankenhäusern sind.
Dr. Wolfgang Kohlsche