

Ziel: ein Leuchtturm in der Geriatrie
Schon vor der Schließung der Notaufnahme, der Chirurgie, der Gynäkologie mit Geburtsstation und der Intensivstation war laut Lokalpresse die Besorgnis in der Bevölkerung groß. Wie ist nun die tatsächliche Situation, speziell auch in der größten Abteilung, der Klinik für Geriatrie?
Über die Hälfte der Mitarbeiter insgesamt, rund 400 von annähernd 700, sind geblieben. Wir sind weiterhin für die Bevölkerung in Geesthacht und darüber hinaus da, allerdings nicht mehr als Erstversorger in Konkurrenz zu Nachbarkliniken, sondern als Weiterversorger. Das ist die Klinik für Geriatrie mit 104 Planbetten (60 derzeit in Betrieb), eine kleine Innere Abteilung mit 20 Betten und die für den ganzen Kreis wichtige Psychiatrie mit Chefarzt Dr. Burkhard Rehr mit 31 Planbetten und 6 Tageskliniken. Wir nutzen weiterhin die internistische Geräteausstattung mit Sonografie, Endoskopie, EKG und Herz-Echo, denn wir haben ja in Schleswig-Holstein eine Akutgeriatrie, nicht nur geriatrische Rehabilitation wie in anderen Bundesländern.
Das klingt nach einer großen Herausforderung zur Umstrukturierung – sind Sie deshalb vor einem Jahr vom Geriatriezentrum DRK-Krankenhaus Lübeck-Marli nach Geesthacht gekommen?
Ja, ich wollte nach den Leitungspositionen an den Krankenhäusern Middelburg in Ostholstein und Lübeck etwas Neues aufbauen, ganz bewusst in gebührender Entfernung.
Wie kann man sich die geriatrische Therapie in Geesthacht konkret vorstellen?
Wir haben bereits ein gutes Team von 20 Therapeutinnen und Therapeuten, das bereits meine Vorgängerin als Chefärztin in der alten Klinik Edmundsthal geformt hat – Ulrike Hammad-Greiff, die mit der Leitung „meiner“ früheren Klinik Middelburg dort ebenfalls eine neue Herausforderung angenommen hat. Bei uns können bis etwa 100 Patienten in 14 bis18 Tagen nicht nur die vorgeschriebenen 20 Einzelanwendungen, sondern bis 27 bekommen: in Physio-/Physikalischer-, Ergo-, Logotherapie und Neuropsychologie.
Und die Patienten kommen überwiegend aus Geesthacht und Umgebung?
Ja, wir sind ganz dicht an der Bevölkerung, bekommen etwa 20 Prozent der geplant rund 1500 geriatrischen Patienten durch Einweisung von umliegenden Niedergelassenen, zehn Prozent direkt durch Selbsteinweisung und 70 Prozent durch Zuweisung und Rückzuweisung von Kliniken auch weiter entfernt – aus Boizenburg bis nach Schwerin, aus der niedersächsischen Elbmarsch, aus Hamburg bis nach Harburg. Die ortsansässige Bevölkerung kommt gern direkt, auch weil wir im und am Haus eine Reihe von ambulanten Einrichtungen haben wie ein MVZ, eine KV-Anlaufpraxis, eine Röntgenpraxis mit CT, ein Pflegeheim, eine Sozialstation.
Das heißt, Sie sehen nicht so sehr einen Verlust an Krankenhausqualität, sondern eher eine Art Gesundschrumpfen?
Ja, gerade als Geriater sehe ich diese Entwicklung positiv. Denn wir arbeiten schon jetzt nicht nur mit den niedergelassenen Einweisern, besonders Hausärzten, sehr gut zusammen, sondern nun auch zunehmend mit den umliegenden Krankenhäusern, für die wir ein willkommener Partner sind. Besonders eng kooperieren wir mit dem nur gut 15 Kilometer entfernten Krankenhaus Reinbek St. Adolfstift. Aus Geesthacht kommen dorthin zwar mehr Notfälle und Zuweisungen etwa in die Kardiologie, aber wir nehmen umgekehrt nach einigen Tagen Patienten zurück, die sonst „DRG-ungünstig“ weiterbehandelt werden müssten.
Unter den potentiellen Einweisern gibt es bisher in der Region nicht viele mit geriatrischer Zusatzbezeichnung – müsste es nicht mehr geriatrisches Verständnis in der ambulanten Medizin geben?
Es gibt mehr, als man denkt! Denn nicht alle führen die Bezeichnung, haben aber durch ihre älteren Patienten viel geriatrische Erfahrung. Und wer bei mir zwei Jahre war, ist natürlich geriatrisch geprägt, und ich hoffe, es werden in den nächsten Jahren immer mehr.
Also positive Entwicklungen – was sind Ihre Ziele für die weitere Zukunft?
Rund 90 Prozent der Patienten wollen so schnell wie möglich wieder nach Hause kommen. Daher ist unser Ziel, sie noch schneller wieder in die Selbständigkeit zu entlassen. Dafür setzen wir auf unsere Diagnostik, wollen keinen Tumor übersehen, machen jetzt schon bei jedem zweiten Patienten eine Abdomen-Sonografie und bei jedem vierten Patienten ein Herz-Echo. Wir brauchen aber auch in Zukunft genügend eigene und einweisende Ärzte, daher wollen wir attraktiv sein für Ärzte in der Weiterbildung, die hier 18 Monate für die Innere oder Allgemeinmedizin anerkannt bekommen. In einigen Wochen wird auch die Innere Abteilung voll ausgebaut sein. Wir zielen auf eine sehr gute Besetzung, so ist etwa die Leitende Oberärztin der Inneren, Rashmi Bhagat, bei uns geblieben. Eine andere Oberärztin ist Neurologin, insgesamt haben wir in Geriatrie/Innere von 22 Ärztinnen und Ärzten zehn Fachärztinnen und Fachärzte.
Mit Blick auf die Lebensalter- und Bevölkerungsentwicklung und den gängigen Lebensstil drohen zunehmend Kapazitätsprobleme im Gesundheitswesen. Das wirft die Frage nach einer Patientensteuerung oder besser nach wirksamer Prävention auf: Wie bereiten Sie sich vor?
Prävention hatte schon im DRK-Krankenhaus Lübeck einen hohen Stellenwert. Ähnlich haben wir zum Beispiel das therapeutische Zirkeltraining auch als Prävention für ältere Patienten konzipiert. Die Zahl der Therapeuten möchte ich erheblich bis auf 40 aufstocken. Hier möchte ich im dritten Jahr 2027 einen Sportcampus auch für 70- und 80-Jährige mit vielen Geräten z.B. für das Krafttraining bei Muskelabbau aufbauen – wir haben dafür schöne Räume. Ein Sportmediziner wäre dann sinnvoll. Einen Ernährungsberater, der sich geriatrisch spezialisiert, haben wir weiterhin. Bereits jetzt führen wir ganz im Sinne unseres Eigentümers Thomas Pötzsch auch die Bezeichnung „Vitalcampus“.
Bleibt die Frage nach einem Fazit?
Wir wollen ein Leuchtturm in der Geriatrie sein, also ein erstklassiger Weiterversorger und nicht mehr Erstversorger. Und nicht etwa ein immer kleiner werdendes Haus, sondern noch solider als vorher.
Vielen Dank für das Gespräch.





