Mit Audio-beitrag
Jan Kersebaum
Dr. Jan Kersebaum ©Esther Geisslinger
Dr. Jan Kersebaum ©Esther Geisslinger

Zerbissene Brillen und Tipps von Dr. Google

Statt dem Rat des Doktors zu folgen, bringen Patienten manchmal gleich den Anwalt mit. Wie Ärzte mit schwierigen Patienten umgehen, wie Vertrauen und Augenhöhe entstehen und wie die Digitalisierung hilft, darum ging es bei der Jahrestagung des Förderkreises Qualitätssicherung.

Esther Geißlinger

Kürzlich zerbiss ein Patient von Dr. Jan Kersebaum dessen Brille. „Das passierte zum zweiten Mal, muss ein Trend sein“, sagte der Oberarzt und stellvertretende Leiter der Notaufnahme am UKSH trocken. Verbale, aber auch tätliche Attacken kämen in der Notfallambulanz fast täglich vor, berichtete Kersebaum beim Symposium des Förderkreises Anfang November in Kiel. Schuld seien meist die langen Wartezeiten. Das Notaufnahme-Team hat Strategien erlernt, um mit aggressiven Patienten umzugehen, dazu gab es eine Deeskalations-Schulung. „Und man muss auch mal taktisch einen Rädelsführer drannehmen, um das Wartezimmer zu entschärfen – auch wenn das nicht fair ist, dass die drankommen, die am meisten Krach machen.“ Dem ärztlichen wie auch dem Pflegepersonal rät Kersebaum, auf „ihr Bauchgefühl zu hören und Hilfe zu holen, wenn etwas komisch ist“.
Wichtig sei auch, dass die ganze Gesellschaft das Thema im Blick hat. Ein Arzt wurde in der Notaufnahme geohrfeigt, er zeigte den Täter an. „Die Klage wurde eingestellt – wegen fehlender gesellschaftlicher Relevanz“, so Kersebaum. Im Team herrsche Einigkeit: Passieren solche Dinge, werden sie weiter angezeigt.
 

Prof. Friedemann Geiger
Prof. Friedemann Geiger ©Esther Geisslinger

„Keiner kommt, ohne seine Symptome gegoogelt zu haben“

Prof. Friedemann Geiger

Kranke dürfen mitreden? Erst seit Ende des 19. Jahrhunderts
Nicht nur die wachsende Zahl von Übergriffen, Wutausbrüchen und Drohungen zeigt, dass sich etwas geändert hat im Umgang zwischen Behandelnden und Kranken. Generell sei das gut, sagte Dr. jur. Johannes Fitzke. Der Anwalt befasst sich mit dem Konflikt zwischen dem Selbstbestimmungsrecht des Patienten, das auf Grundwerten wie der Menschenwürde basiert, und der Therapiefreiheit des Arztes. Historisch ist dieser Konflikt neu: Der erste Arzt war der Medizinmann, der zum Wohl der ganzen Sippe die Götter anrief. Erst Ende des 19. Jahrhunderts entschied das Deutsche Reichsgericht, dass Kranke überhaupt mitreden dürfen, wenn es um ihre Gesundheit geht. Heute ist eine Beziehung auf Augenhöhe das Ideal. Der Arzt trägt dabei die Pflicht zur Aufklärung, damit der Kranke selbst entscheiden kann.
 

Jeder googelt seine Symptome
Wobei: Oft weiß der Patient manchmal schon viel, sogar zu viel – nur eben nicht immer korrekte Fakten. „Keiner kommt, ohne seine Symptome gegoogelt zu haben“, sagt Dr. Friedemann Geiger, Professor an der Medical School Hamburg und im UKSH zuständig für das Projekt „Shared Decision Making“. Er sieht den Wissenszuwachs durch das Internet generell positiv: „Ein Arzt kann sich nicht mehr durchwursteln, sondern muss auch zugeben, wenn er etwas nicht weiß.“ Ein gut informierter, kompetenter Patient sei für die Behandlung ideal, so Geiger: „Er kennt seinen Zustand und sagt Bescheid, wenn sich etwas ändert.“
Das UKSH setzt seit einigen Jahren auf „Shared Decision Making“, die gemeinsame Entscheidungsfindung. Die anfängliche Skepsis einiger Ärzte sei ausgeräumt, berichtete Geiger. Das erste Gespräch dauere zwar etwas länger, aber bereits auf kurze Sicht ließe sich Zeit sparen. Das zeige sich sogar finanziell: Für die Krankenkassen ist das Modell auch deshalb attraktiv. Inzwischen kopieren nicht nur deutsche Krankenhäuser das „Kieler Modell“, sondern die Schweiz will es einführen, auch eine Delegation aus Südkorea war bereits da. Geiger ist überzeugt, dass das Modell nicht nur die Abläufe verbessert, sondern auch den Kranken hilft: „Gerade wer einen weiteren Weg zur Gesundheitskompetenz hat, profitiert am meisten.“
 

Svante Gehring
Dr. Svante Gehring ©Esther Geisslinger

„Früher gab es ein Heft mit abgezählten Überweisungsscheinen. Heute kann man jeden Tag einen anderen Facharzt aufsuchen, wenn einem die Möbel im Wartezimmer nicht gefallen.“

Dr. Svante Gehring

Der Anspruch heute: Flatrate und ständige Behandlung
Aber der informierte Patient meint manchmal, mehr zu wissen als der Arzt. Dr. Svante Gehring, niedergelassener Allgemeinmediziner in Norderstedt, berichtet von einer Frau, deren Smartwatch unregelmäßige Werte zeigte, und die nun von einer gefährlichen Rhythmusstörung ausging. Der Arzt fand keinen Hinweis, der Fehler lag wohl in der Uhr. Die Frau glaubte das nicht, sie brachte ihren Anwalt mit zum nächsten Termin. Gegen besseres Wissen schickte Gehring sie zum Kardiologen. Die Ärzteschaft trage eine Mitschuld an solchen Entwicklungen, meinte Gehring. Er verwies auch darauf, dass es früher ein Heft mit abgezählten Überweisungsscheinen gab. „Heute kann man jeden Tag einen anderen Facharzt aufsuchen, wenn einem die Möbel im Wartezimmer nicht gefallen.“ Chronisch Kranke müssten sogar achtmal im Jahr in die Praxis kommen, obwohl dank neuer Möglichkeiten eine Fern-Überwachung möglich sei. „Die Leute meinen, eine Flatrate und einen Anspruch auf ständige Behandlung zu haben.“
Dass Patienten heute selbstbewusster und kritischer auf den Arzt zugingen, sei grundsätzlich positiv, so der Gesundheitsstaatssekretär Olaf Tauras (CDU) in seinem Grußwort. Aber das Fundament der Beziehung sei stets das Vertrauen. Dem stimmte Dr. Gisa Andresen, Vorsitzende des Qualitätszirkels, bei der Einführung in den Abend zu. Sich Patienten nach Wunsch aussuchen könne kein Arzt. Aber hinter der Frage nach dem „perfekten“ Patienten stehe eine andere: „Welche Ärzte wollen wir sein?“

Heiko Lehmann
Heiko Lehmann ©Esther Geisslinger

„Fachkräfte sind knapp, wir können nicht zulassen, dass sie gestresst werden wegen Aufgaben, die die Technik übernehmen kann.“

Heiko Lehmann

Darauf hat Heiko Lehmann, Allgemeinmediziner in Bad Segeberg, eine Antwort: Er will ein Arzt sein, der Zeit für die Menschen hat. Dazu setzt er auf Digitalisierung. „Jede Software, die Zeit spart, ist gut.“ Seine Patienten melden sich online an – die meisten fänden das gut, berichtet Lehmann: „Sie freuen sich, weil es so entspannt ist.“ Vor allem werde das Personal entlastet. „Fachkräfte sind knapp, wir können nicht zulassen, dass sie gestresst werden wegen Aufgaben, die die Technik übernehmen kann.“ Künftig könnte eine KI antworten, wenn jemand die Praxis anruft. Auch bei der Dokumentation könne die KI mittelfristig helfen, hofft Lehmann.
Der Idealpatient ist also aufgeklärt, digital kompetent, hat seine Aggression im Griff und versteht, wenn ein Arzt nicht bei jedem Husten ein MRT anordnet. Gibt es den?

„Es geht um Vertrauen und Ehrlichkeit”
Ja – und nein, sagte Dr. rer. pol. Heiner Garg. Der FDP-Landtagsabgeordnete und ehemalige Gesundheitsminister sprach an diesem Abend als Vorsitzender des Vereins Patientenombudsmann/-frau Schleswig-Holstein. Ein und derselbe Mensch könne je nach Situation kompetent oder ängstlich, bestens informiert oder durch „Dr. Google“ auf falscher Fährte unterwegs sein. Es gehe eben um Vertrauen – und um Ehrlichkeit. Garg sah ein Problem auch bei der Politik, die ein zunehmend ineffektives System weiterlaufen lasse. Auch seine eigene Partei nahm er nicht aus: „Wir haben die freie Arztwahl wie eine Monstranz vor uns hergetragen.“ Doch in der Realität gebe es diese Wahl in vielen ländlichen Regionen nicht mehr. Im Namen der Patienten dankte er der Ärzteschaft: „Größten Respekt vor allen, die im Umgang mit ängstlichen und unwirschen Patienten die Ruhe behalten.“

Pharma und Ärzte: Das geht auch zusammen!

Wie gelingt ein konstruktives Miteinander zwischen Pharmaunternehmen und ärztlichen Institutionen? Der Förderkreis Qualitätssicherung im Gesundheitswesen in Schleswig-Holstein macht es seit 30 Jahren vor. Die Vereinsvorsitzende Dr. Gisa Andresen berichtet im Podcast, wie das geht und was den Verein so besonders macht.

00:00 / 00:00
Ähnliche Beiträge
Ein etwa 65-jähriger Mann mit Brille, weißem Vollbart und in weißem Hemd mit blauem Jackett steht hinter einem Pult.
©Jörg Wohlfromm
28.10.2025

Ist der Einsatz von Physician Assistants in Arztpraxen eine Lösung für die steigende Nachfrage nach…

Grauhaariger Herr mit Bart im grauen Jakett und weißem Hemd steht am Rednerpult und spricht.
Prof. Henrik Herrmann © Eike Lamberty
04.12.2025

Große Herausforderungen für das deutsche Gesundheitswesen - fehlende oder nicht zielführende…

Mit Audio-beitrag
Dr. Kevin Schulte
Dr. Kevin Schulte ©Privat
04.12.2025

Die Bundesregierung setzt große Hoffnungen in ein verpflichtendes Primärarztsystem: weniger…

Dr. Andreas Krokotsch, ein schlanker Mann mit Brille iin weißem Hemd und Anzug, spricht in ein Miokrofon.
Dr. Andreas Krokotsch © Eike Lamberty
04.12.2025

Mehr Ehrlichkeit und eine bessere Kommunikation: Dies wünscht sich der Ärztliche Leiter des…

Mit Audio-beitrag
Portrait von Dr. Florian Reifferscheid
03.12.2025

Der Kieler Notfallmediziner Dr. Florian Reifferscheid ist kürzlich als Vorsitzender der…

placeholder
01.12.2025

Extrabudgetäre Zuschläge für die Vermittlung von dringenden Behandlungsfällen vom Haus- zum…