
Zeitenwende im Gesundheitswesen
Der Auftritt von Medizinstudentinnen, die auf dem Deutschen Ärztetag in Hannover von Übergriffen von Ärztetagsteilnehmenden berichteten, markierte für Hermann einen tiefgreifenden Einschnitt über den Ärztetag hinaus. Der Präsident sprach von einem „Wendepunkt für die Ärzteschaft“ und stellte klar, dass sexuelle Übergriffe indiskutabel sind und geahndet gehören. „Es ist ein Akt der Gewalt, dem entschieden gerade als Ärztekammer entgegengetreten werden muss", sagte Herrmann.
Runder Tisch gegen Gewalt ist etabliert
Was bedeutet das für Schleswig-Holstein? Herrmann erinnerte: Die Ärztekammer Schleswig-Holstein hatte vor mehr als einem Jahr einen interprofessionellen Runden Tisch gegen Gewalt im Gesundheitswesen eingerichtet, der sich seitdem regelmäßig trifft. Anfänglich wurden Gewalt von Patientinnen und Patienten sowie von An- und Zugehörigen gegenüber Mitarbeitenden im Gesundheitswesen thematisiert, dann Gewalt von Gesundheitsberufen gegenüber Patientinnen und Patienten und schließlich Gewalt innerhalb der Gesundheitsberufe. Eine Meldestelle und ein Anlaufpunkt für diese Formen der Gewalt ist geplant.
Ziel: „Eine Kultur des Hinschauens, Benennens und verantwortlichen Handelns."
Schon vor dem Ärztetag hatte die Ärztekammer auf Landesebene begonnen, eine zusammenfassende Richtlinie zu erarbeiten, mit der klare Haltung ausgedrückt wird: „Wir wollen einen diskriminierungs- und gewaltfreien Umgang sowie eine wertschätzende, gleichberechtigte und vertrauensvolle Zusammenarbeit aller Mitarbeitenden innerhalb der Kammer, der Kammermitglieder, der Fortbildungsteilnehmenden in unserer Akademie, der Auszubildenden, der externen Teilnehmenden und Dozierenden.“ Daraus soll sich eine Ombudsstelle entwickeln. Herrmann machte deutlich: „Wir wollen eine Kultur des Hinschauens, Benennens und verantwortlichen Handelns."
Machtmissbrauch: Kein Thema nur aus der Vergangenheit
Der Präsident ging auch auf das Thema Machtmissbrauch ein - ältere Ärztinnen und Ärzte kennen ausgeprägt hierarchische Strukturen im Krankenhaus und nur wenig Partizipation. Ein Thema aus vergangenen Zeiten? Im Gegenteil! „Was sich nun im Jahr 2026 zunehmend zeigt ist, dass diese Problematik eher zunimmt, trotz Ärztemangels, offener Stellen und eines veränderten sozialen Umfelds", berichtete Herrmann. Er stellte fest, dass das Curriculum Ärztliche Führung kaum angeboten bzw. wahrgenommen wird. „Auch hier erfahren wir wohl eine Zeitenwende, wenn ärztliche Führungskräfte den Druck, den sie selber von Geschäftsführungen aufgrund veränderter Rahmenbedingungen, notwendigen Einsparungen bei gleichzeitiger Leistungsausweitung bekommen, an die Ärztinnen und Ärzte der Abteilung weitergeben. Es ist nicht hinnehmbar, dass ärztliche Weiterbildung und Fortbildung darunter leiden, dass kein Feedback gegeben wird, dass diskriminiert wird."
„Wir haben alles, was benötigt wird, um Machtmissbrauch zu entgegnen, wir müssen nur darüber informiert werden, um aktiv zu sein.“
Alles vorhanden: Genfer Gelöbnis und Berufsrecht
Betroffen machen Umfrageergebnisse, wonach bis zu 70 Prozent der Befragten schon Machtmissbrauch innerhalb der Ärzteschaft erlebt hätten. Herrmann appellierte an seine Kolleginnen und Kollegen, ureigene ärztliche Haltungen und Rollen, wie sie im Genfer Gelöbnis stehen, anzuwenden und vorzuleben. Er erinnerte daran, dass es bei Verfehlungen ein Berufsrecht und eine Weiterbildungsordnung gibt, die Ahndungsmöglichkeiten bieten. Er stellte fest: „Wir haben alles, was benötigt wird, um Machtmissbrauch zu entgegnen, wir müssen nur darüber informiert werden, um aktiv zu sein.“
Zeitenwende auch in der Gesundheitspolitik
Als Zeitenwende empfindet Herrmann auch die Gesundheitspolitik seit dem Auftritt von Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) auf dem Deutschen Ärztetag. Schon die direkt zuvor vorgestellten Einsparungen im ambulanten und stationären Bereich seien „ein einziger Affront gegenüber allen, die in der Patientenversorgung tätig sind", so Herrmann. Die Ministerin habe ihren Auftritt in Hannover emotionslos und monoton heruntergespult, ohne ein Signal an die Ärzteschaft, wie man gemeinsam an konstruktiven Lösungen arbeiten könne. Herrmann stellte fest: „Das ist weder nachvollziehbar noch normal. Ein noch recht gut funktionierendes ambulantes und stationäres Gesundheitswesen in Deutschland wird aus kurzfristigen Sparzwängen eingeengt, die Akteure eingeschränkt, die Versorgung eingezwängt, Angebote eingestellt.“
Zahlreiche Aktivitäten zu den Folgen des Gesetzes
Die Ärztekammer hat auf die Folgen des Gesetzes über viele Kanäle öffentlich aufmerksam gemacht: Über dieses Portal, über die Printausgabe, Pressemitteilungen, Podcasts, Briefe an die Abgeordneten, eine Pressekonferenz und mehr - neben den Aktivitäten der KV, der Ärztegenossenschaft, der Berufsverbände, einzelner Krankenhausträger und der Krankenhausgesellschaft. Außer in Schleswig-Holstein liefen auch auf Bundesebene die Bemühungen auf Hochtouren. Ob und welche Rückschlüsse die Politik aus den zahlreichen Beiträgen der Ärzteschaft zieht, wird sich kurz nach der Kammerversammlung zeigen. Gesundheitsministerkonferenz der Länder, Bundesrat und Bundestag beschäftigen sich mit dem nicht zustimmungspflichtigen Gesetz.
Weitere Themen aus der Kammerversammlung
In weiteren Tagesordnungspunkten beschäftigte sich die Kammerversammlung mit weiteren Themen, die zum Teil intensiv diskutiert wurden. Dies betraf u.a. das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz, zu dem die Versammlung eine Resolution verabschiedete. Drei weitere Beispiele:
- Deutscher Ärztetag: Die vier Tage des jüngsten Ärztetags in Hannover haben bei den neun Delegierten nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Dr. Christine Schwill aus dem Kammervorstand berichtete von den vielen Initiativen, die Schleswig-Holstein auf dem Deutschen Ärztetag gestartet hat. Aus Zeitmangel konnten nicht alle diskutiert werden - ein Grund, den Ärztetag neu zu denken. Für dieses Vorhaben warb Anne Schluck per Video.
- Hauptsatzung: Die vom Vorstand angestrebte Änderung der Hauptsatzung verfehlte knapp die erforderliche Zweidrittel-Mehrheit der 70 Kammerversammlungsmitglieder. Damit können auch künftig Ärztinnen und Ärzte, die nicht Mitglied der Kammerversammlung sind, als Delegierte für den Deutschen Ärztetag gewählt werden. Der Vorstand und viele Abgeordnete waren dafür, nur Mitglieder der Kammerversammlung bzw. deren Stellvertreter zu schicken, um eine gute Einarbeitung in die Themen zu gewähren.
- Weiterbildung: Die Vorsitzende des Ausschusses für Weiterbildung, Vizepräsidentin Prof. Doreen Richardt, stellte die umfangreichen Aktivitäten des Ausschusses und die Arbeit der Weiterbildungsabteilung im Jahr 2025 vor. Ein Beispiel für den stetig steigenden Arbeitsaufwand: Im vergangenen Jahr hat die Abteilung 358 persönliche Beratungsgespräche vor Ort durchgeführt, dies entspricht einer Steigerung von 20 Prozent. Außerdem gab es 1.374 Anträge auf Anerkennung einer Bezeichnung/Qualifikation nach WBO bzw. Anfragen zum Stand der Weiterbildung.





