Anne Schluck
Anne Schluck ©Dirk Schnack
Anne Schluck ©Dirk Schnack

„Wir sind schon da, wenn es brennt“

Die Eutiner Internistin Anne Schluck, Vorsitzende des Ärztenetzes Eutin-Malente und Mitglied des ärztlichen Beirats des Dachverbands der Praxisnetze, plädiert für eine dauerhafte Förderung der Ärztenetze in Schleswig-Holstein.

Eike Ina Lamberty

Warum gibt es Ärztenetze? Warum sind die sinnvoll?

Weil grundsätzlich eine bessere Zusammenarbeit dadurch entsteht, dass man sich strukturiert vernetzt. Wenn man regelmäßige Treffen abhält und zusätzlich auf eine elektronische Kommunikation untereinander setzt, dann verbessert sich das Miteinander und dadurch die Versorgung der Patienten. Darüber hinaus hat die niedergelassene Ärzteschaft als strukturiertes Praxisnetz mit dem Vorstand eine Vertretung nach außen: Kliniken, Pflegedienste, Kommunen, Behörden und nicht zuletzt die lokale Presse haben einen Ansprechpartner.

Wichtig finde ich: Netze sind schon da als Struktur, wenn wir von heute auf morgen vor neuen Herausforderungen stehen wie etwa während der Corona-Pandemie. Während viele sich erst zusammenfinden mussten, konnten wir auf unsere Struktur zugreifen und haben zum Beispiel runde Tische mit allen Beteiligten und gemeinsam mit der Kreisstelle der KV die Maskenverteilung organisiert. Wir haben bewiesen, dass wir mit den Netzen eine Vorhaltestruktur haben, die ähnlich wie die Feuerwehr funktioniert. Die schaffen wir ja auch nicht ab, wenn es gerade mal nicht brennt. Und jetzt stehen im Gesundheitssystem besonders viele Veränderungen an, Stichwort Primärversorgungssystem, Versorgungsstruktur und Verknüpfung der Sektoren. Hier können wir unsere Expertise einbringen und bestehende Kooperationen ausweiten. 

Welchen Mehrwert haben Netze für ihre Mitglieder, für die Versorgung und für die Ärzteschaft?

Gute Projekte für die Menschen vor Ort gelingen in unserer komplexen Struktur einfacher und besser, wenn wir regional handeln. Ein Beispiel wäre hier, die Pflichtfortbildungen für Praxen wie etwa Hygiene und Datenschutz zusammenzufassen und allen Netzmitgliedern an einem gemeinsamen Termin anzubieten. So wird es bereits in einigen Netzen praktiziert und es ist ein Riesenmehrwert für die einzelne Praxis. Auch Weiterbildung ist ein großes Thema. Die Netze organisieren Weiterbildungsverbünde, zum einen, um die Weiterbildungsqualität zu steigern, zum anderen aber natürlich auch, um junge Kollegen und Kolleginnen in der Region zu halten. Es motiviert zur Niederlassung, wenn man ein unterstützendes Netzwerk vorfindet und merkt: Hier kriege ich Hilfe, hier will ich gerne bleiben.

Könnten Sie konkrete Beispiele aus Ihrem Praxisnetz nennen, wo sich der Mehrwert eines Netzwerks besonders gezeigt hat?

Die Corona-Pandemie habe ich schon genannt. Ein weiterer Mehrwert liegt in der datensicheren, schnellen Kommunikation von Praxis zu Praxis über unseren Messenger. Wir sind Teil des Palliativ- und Hospiznetzwerks Ostholstein, zusammen mit der Diakonie Ostholstein und dem St. Elisabeth-Krankenhaus. Wir bieten sehr viele Fortbildungsveranstaltungen an, betreiben einen der ersten Qualitätszirkel zum Thema Klimawandel und Gesundheit deutschlandweit. Gerade startet ein Wundversorgungsprojekt gemeinsam mit dem Lauenburger Praxisnetz, um nur einige Beispiele zu nennen.

Ein Großteil der Förderung durch die KVSH wird dafür eingesetzt, eine hauptamtliche Geschäftsführung für das Praxisnetz einzusetzen. Wozu braucht ein Netz das?

Man benötigt dauerhaft jemanden vor Ort, der Fragen beantwortet, Projekte kontinuierlich betreut, Förderanträge schreibt, Versammlungen einberuft, die Website und unsere Cloud pflegt und Treffen mit diversen Playern organisiert. Dazu kommen die Mitgliederverwaltung und nicht zuletzt die Buchhaltung. Das ist sehr viel Arbeit, die wir neben dem Praxisalltag nicht leisten könnten.

(Wie) können Ärztenetze überleben, wenn die Finanzierung der KV wegbrechen würde?

Ohne eine finanzielle Grundausstattung sind Ärztenetze in der Form, die wir für sinnvoll halten, nicht überlebensfähig. Ich glaube, dass eine Art Basisfinanzierung für die Vorhaltung der Struktur entscheidend ist. Eine ausschließlich projektbezogene Förderung ist nicht zielführend, wenn die Struktur fehlt. Jedes Netzmitglied leistet einen Beitrag, aber diese Beiträge kann man nur begrenzt steigern.

Mit welchen Argumenten wollen Sie gerade auch diejenigen Ärztinnen und Ärzte, die nicht Mitglied in einem Ärztenetz sind, überzeugen, die solidarische Netzfinanzierung beizubehalten?

Ich verstehe gar nicht, warum sich nicht alle Praxen strukturiert vernetzen. Argumente dafür habe ich oben ausgeführt. Kooperation ist die Grundlage einer effektiven und zukunftssicheren Versorgung. Ich lade alle ein, sich unsere Arbeit anzusehen, um sich ein eigenes Bild zu machen und offene Fragen zu klären. Was uns tatsächlich fehlt, sind Versorgungsdaten – dann könnten wir noch besser argumentieren. 

Wäre ein Wiederaufleben des früheren Netzmonitors der KVSH als Datenlieferant hilfreich?

Ja. Wünschenswert wäre es, die Daten aus der KV gezielt auszuwerten und dann zu schauen: Ist da ein Mehrwert, sind wir wirklich besser? Wir wollen selber wissen, wo wir schon gut sind, und wo wir besser werden müssen.

Kritiker des solidarischen Finanzierungsmodells bemängeln, dass nur 20 Prozent der niedergelassenen Ärzteschaft als Mitglied in einem Praxisnetz profitiert, die anderen 80 Prozent aber in den Strukturfonds einzahlen, ohne zu profitieren. Haben Sie Verständnis für diese Position?

Zunächst muss man bedenken: In manchen Netzen werden nur die Praxisinhaber berücksichtigt, nicht aber die angestellten Ärzte, die auch z.B. von Fortbildungen oder Weiterbildungsverbünden profitieren. Damit ist das „20-Prozent-Argument“ fraglich. Und: Netzstrukturen helfen auch Nichtmitgliedern. Einfaches Beispiel: Wenn ich als junge Ärztin über die Niederlassung nachdenke, gehe ich lieber in eine Gegend, in der ich kooperative und unterstützende Strukturen vorfinde. Davon profitiert dann auch derjenige, der altershalber die Praxis abgeben will – unabhängig davon, ob er selber Netzmitglied ist. 

Wessen Aufgabe ist es aus Ihrer Sicht, Ärztenetze zu finanzieren?

Es gibt keine klare Zuständigkeit. Ich kann die Argumente der KV, es sei nicht alles sicherstellungsrelevant, was Netze machen, durchaus nachvollziehen. Wir gehen über die reine Sicherstellung bewusst hinaus, aber um die Sicherstellung der Versorgung kümmern wir uns eben auch. Deshalb wäre die KV schon mit im Boot. Netze erheben schon immer Mitgliedsbeiträge. Auch die Kommunen und die Kostenträger könnte man um Unterstützung bitten. Denn sie profitieren von den Netzen, weil die Daseinsvorsorge und die Patientensteuerung durch sie verbessert werden.

Welche Folgen hätte es für Ärztinnen, Ärzte, Patienten und Region, wenn es keine Ärztenetze mehr gäbe?

Wenn wir die Finanzierung nicht sichern können, sehe ich keine Zukunft für Ärztenetze. Die Folgen habe ich genannt. Aber so weit wollen wir nicht denken – wir setzen alles daran, kooperative Strukturen auf- statt abzubauen. 

Vielen Dank für das Gespräch.

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