
„Wir bemerken Probleme oft zu spät“
Herr Dr. Munz, laut Studien sind rund 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen psychisch auffällig. Der Wert ist während Corona angestiegen und seither kaum gesunken. Bei Ihnen in der Klinik landen diejenigen, die oft schon lange Leidenswege hinter sich haben. Haben Sie genügend Betten und Personal, um allen zu helfen, die Bedarf haben?
Dr. Manuel Munz: Ja, Personal haben wir in Kiel ausreichend, und wir sind froh, dass viele junge Menschen sich für unser Fach interessieren. Ehrlicherweise muss man auch sagen, dass die neuen Personalvorgaben eine gute Qualität garantieren. Wir sind gut aufgestellt, sei es bei Psychotherapie, Ergotherapie, Pflege- und Erziehungsdienst oder Sozialarbeit. Viele der Kinder und Jugendlichen können mit einer guten Prognose entlassen werden. Aber zur Wahrheit gehört auch, dass es steigende Wartezeiten gibt. Auf der Liste stehen dreimal mehr Kinder, als wir behandeln können.
Was ist die Ursache? Die vielen realen Krisen, die Echokammer durch Social Media oder eine ungesunde Mischung aus beidem?
Munz: Um einen weiteren Aspekt reinzubringen: Mich beschäftigt der Anstieg der Inanspruchnahme im Grundschulalter. Ohne es belegen zu können, denke ich an den Faktor der Mediennutzung bei jungen Eltern. Wenn Kleinkindern die Interaktion mit Augenkontakt fehlt, zeigt sich das nach meiner Erfahrung, wenn die Kinder in die Schule kommen. Sie können ihre Gefühle nicht ausdrücken, im schlimmsten Fall scheitern sie am Alltag. Die Studienlage belegt, dass Krisen, Kriege, Klima und Konflikte eine Rolle spielen. Aber nach meiner Erfahrung sind für schwer Erkrankte die globalen Krisen weniger wichtig als Kinderarmut, wirtschaftliche Unsicherheit und sozialer Druck. Es scheint so zu sein, dass Social Media die Probleme bei denen, die ohnehin unsicher oder traurig sind, durch Algorithmen und Filterblasen verstärken. Wer fit ist, zieht durchaus Nutzen daraus. Wir brauchen gute medienpädagogische Konzepte, um Kinder und Jugendliche im Umgang mit Medien zu stärken.
Wenn Eltern versuchen, die Handynutzung ihrer Kinder zu beschränken, treten sie gegen die Tech-Konzerne und deren geballte Algorithmen-Macht an. Müsste die Politik die Plattformen stärker kontrollieren und die Regeln besser durchsetzen?
Munz: Fakt ist, dass einige wenige internationale Konzerne hinter den sozialen Medien stehen, die nach ganz eigenen Prinzipien funktionieren, und das müssen wir im Blick haben. Aber – auch wenn das ein blöder Spruch ist: Wir kriegen den Geist nicht mehr in die Flasche. Daher wären wir nicht gut beraten, unseren Jugendlichen KI und moderne Medien zu verbieten. Denn, nicht zu vergessen, wer zu einer Randgruppe gehört, etwa queer oder autistisch ist, findet über Social Media auch Anschluss.
Jenseits der Social-Media-Debatte: Was kann die Gesellschaft tun, um Kinder und Jugendliche gesünder zu machen? Krise und Kriege verbieten wird schwierig.
Munz: Man kann es auch von dieser Seite betrachten: Nur die raue See macht gute Seeleute. Kinder in eine Feel-good-Blase zu setzen und ihnen eine heile Welt vorzuspielen, hilft ihnen nicht, sich auf Konflikte vorzubereiten. Mich beschäftigt das Thema Prävention: Wie erreichen wir die Familien, die nicht freiwillig kommen, die sich nicht schon für einen gesunden Lebensstil interessieren? Wir bemerken Probleme oft zu spät.
Wann und wo ansetzen? Würden mehr verpflichtende Untersuchungen helfen?
Munz: Das wäre eine Strategie. Tatsächlich bin ich in Gesprächen mit den Gesundheitsämtern über Untersuchungen zum Schuleingang. Darüber hinaus haben wir mit dem Allgemeinen Sozialdienst oder dem Gesundheitsamt Institutionen, die noch mehr eingebunden werden könnten. Es geht nicht darum, die Eltern unter Druck zu setzen, sondern weitere Hilfen anzubieten, wenn das Kind beispielsweise Ergotherapie verordnet bekommt. Leider ist unser Gesundheitssystem relativ starr. Vor einer Therapie müssen zahlreiche Formulare ausgefüllt werden, beide Eltern müssen einverstanden sein, die Krankenkasse muss ins Boot. Dabei könnte manchmal Früherkennung, etwa innerhalb der offenen Jugendarbeit, helfen, bevor jemand eine schwere Störung entwickelt. Ich würde mir mehr aufsuchende, niedrigschwellige Hilfen wünschen, nicht flächendeckend, sondern gezielt für vulnerable Gruppen.
Stichwort Gruppen: Viele Krankheiten, etwa Essstörungen, betreffen vor allem weibliche Jugendliche. In Lübeck gibt es allerdings auch ein Angebot speziell für Jungen. Bräuchte es mehr spezielle Hilfen für die unterschiedlichen Geschlechter, vielleicht auch noch für non-binäre oder Trans-Jugendliche?
Munz: Es stimmt, die Zahlen bei einigen Störungen, darunter neben Essstörungen auch Angst und Depressionen, sind bei weiblichen Jugendlichen höher. Aber auch Jungs sind belastet, es zeigt sich nur anders. Die Fälle von substanzgebundenen Süchten sind unter Jungen höher, sie rutschen teils in die Kriminalität ab. Es gibt Fälle, in denen wir jemanden nicht aufnehmen können, weil wir keine passende Hilfestruktur haben.
Wie ließe sich das ändern, welche Akteure müssten mitmachen?
Munz: Die Frage, wer Kostenträger ist, ist entscheidend, eben weil wir ein zergliedertes System haben. Beteiligt sind das Gesundheitssystem, die Jugendhilfe mit ihren kommunalen und freien Akteuren, die Gesundheitsämter. Leider sind die Versorgungs- und Präventionsketten zwischen diesen Akteuren nicht lückenlos. Wichtig sind natürlich auch die Eltern, aber da muss man sich klar sein: Einige Eltern lesen nun mal nicht vor und schicken die Kinder nicht zum Sport. Das müssen wir akzeptieren und trotzdem mit ihnen zusammenarbeiten.
Ein Kritikpunkt ist die zu lange Wartezeit auf Therapie oder Beratung. Bräuchte es da eine schnelle Hilfe?
Munz: Mit unserer Institutsambulanz bieten wir so eine schnelle Hilfe, die natürlich nicht alle erreicht. Ich sehe Potenzial für digitale Angebote, die aber noch entwickelt werden müssen. Sinnvoll wäre zum Beispiel ein Wartezeitnavigator mit ersten therapeutischen Hilfen. Die Ideen sind da, aber wir bräuchten Unterstützer, um sie umzusetzen.
Was würden Sie sich von den Niedergelassenen wünschen, wie ließe sich die Zusammenarbeit verbessern?
Munz: Die Zusammenarbeit ist bereits gut, aber das System ist nicht darauf ausgerichtet, sich zu vernetzen. Der Face-to-Face-Kontakt mit den Patienten wird vergütet, aber nicht Gespräche mit Lehrkräften, dem Jugendamt oder dem Kinderarzt. Und aus ökonomischer Sicht des Krankenhauses erscheint stationäre Behandlung oftmals lukrativer als Ambulantisierung, auch wenn wir gern noch mehr in diese Richtung gehen würden.
Also viele Baustellen – gibt es bereits Dinge, die gut laufen?
Munz: Ich finde die Lage generell nicht so negativ. Wir sehen hier in der Klinik viele intelligente, an der Zukunft interessierte junge Menschen. Zu sagen, Kinder und Jugendliche seien heute besonders belastet und diese Generation habe es außergewöhnlich schwer, scheint mir nicht hilfreich. Im Gegenteil. Wenn wir sagen: Liebe Jugendliche, wir kriegen die Probleme der Welt allein nicht gelöst, wir brauchen Euch und trauen Euch das zu, motiviert das weit mehr.
Vielen Dank für das Gespräch.




