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Björn Brändl, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Campus Kiel mit Nashorn ©UKSH
Björn Brändl, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Campus Kiel mit Nashorn ©UKSH

Wie wirksam sind Antidepressiva?

Schon zu Beginn einer Therapie wissen, wie gut ein Wirkstoff bei einem konkreten Patienten anschlägt – das ist ein Versprechen der personalisierten Medizin. Ein Forschungsverbund aus mehreren Uni-Kliniken, darunter das UKSH, sucht nach einem Merkmal, das die Wirksamkeit von Antidepressiva vorhersagt. Als Verbündeten haben die Forschenden eine seltene Nashorn-Art.

Esther Geißlinger

„Beim Einsatz von Antidepressiva bei schwer Depressiven gilt als Faustregel: Ein Drittel der Patienten bessert sich, ein Drittel profitiert nur etwas, bei einem Drittel schlägt es nicht an“, sagt Dr. Franz-Josef Müller, Professor und stellvertretender Leiter des Zentrums für Integrative Psychiatrie (ZIP) in Kiel. Bisher können Betroffene und Behandler nur warten, ob und wie das Medikament wirkt. Doch zurzeit läuft eine bundesweite Studie mit dem Ziel, die Depressionsbehandlung individueller zu gestalten. Künftig könne es möglich werden, schnell die optimale Therapie festzulegen, so Dr. Helge Frieling, Professor an der Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie in Hannover, die federführend an der Studie beteiligt ist.

Alternative Methoden im Einsatz
Patienten, deren Körperchemie nicht auf Tabletten anspricht, „können wir mit alternativen Methoden wie intensivierter Psychotherapie oder Stimulationsverfahren behandeln“, wird Frieling in einer Pressemitteilung zitiert. „So ersparen sie sich langwierige Behandlungsversuche mit nebenwirkungsreichen Medikamenten.“ In Kiel untersuchen Müller und sein Team, dem unter anderem Biologen und Bio-Informatiker angehören, die zelluläre Ebene. „Das ZIP ist vermutlich die einzige Psychiatrie weit und breit mit einem Molekular-Labor“, sagt Müller. Der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie ist Fachmann für Epigenetik. Dabei geht es um die Frage, wie Zellen die Aktivität von Genen steuern, indem sie einzelne Abschnitte der Gene sozusagen an- oder ausschalten. Dazu wird eine Molekülgruppe aus Kohlen- und Wasserstoff an ein Gen angehängt. Dieser chemische Prozess, der in den Zellen vermutlich aller Lebewesen abläuft, nennt sich Methylierung. 

Genom des Nördlichen Breitmaulnashorns liefert Aufschluss
Um zu wissen, wie ein Organismus funktioniert, braucht es neben dem Genom einen Plan der Methylierungsmuster. Wie sich dieser Muster erfassen lassen und wie sich daraus ein Plan erstellen lässt, erforschten Müller und sein Team am Genom des seltenen Nördlichen Breitmaulnashorns. Die Art ist bis auf zwei weibliche Tiere ausgestorben. Ein internationaler Forschungsverbund, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Zellen seltener Tierarten in einem „Frozen Zoo“ zu erhalten, hat Zellen des Breitmaulnashorns gesammelt. Sie sollen helfen, die Art zu erhalten, doch der Prozess ist aufwändig, erklärt Dr. Björn Brändl, Biologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter im ZIP-Labor: „Über eine Methode, die Re-Programmierung genannt wird, können aus Hautzellen wieder Stammzellen erzeugt werden. Aufgabe der nächsten Jahre wird es sein, sie in Ei- und Samenzellen zu verwandeln.“ Die befruchteten Eizellen könnte ein artverwandtes Southern White Rhino als Leihmutter austragen. „Um diesen Prozess zu verstehen und zu optimieren, bedarf es aber eines hochwertigen Referenzgenoms“, so Brändl. Diese Blaupause hilft, eine Mutation oder sonstige Fehler zu erkennen, die das Embryo schädigen könnten. 

Viele Menschen mit Depression leiden unter Schlaf-Apnoen
Müller steht durch einen früheren Studienaufenthalt in den USA in Kontakt mit Professorin Jeanne Lorring vom Scripps Research Institute, einer der Beteiligten des Projekts. Sie fragte in Kiel nach, ob Müllers Team die Sequenzierung des Referenzgenoms übernehmen könne. „Es begann als Spaßprojekt“, sagt Brändl. Doch im Lauf der Zeit tauchten weitere Fragen und Antworten auf. Das Team entwickelte neue Techniken, die auch bei der Arbeit mit anderem Erbgut helfen können, berichtet Brändl. Es ging dabei auch um die Frage, welche Teile des Genoms durch eine Methylierung abgelesen werden und welche inaktiv sind. Auf diese Techniken greifen die Forschenden nun für das aktuelle Projekt zurück. Insgesamt sind 1.000 Personen mit Depression in die Studie einbezogen, darunter rund 250 aus Kiel und Umgebung. „Wir erheben von allen Teilnehmenden Befunde mithilfe von Kernspintomografie, Elektroenzephalografie und Schlafanalysen. Auch Fragebögen und Blutproben werden ausgewertet“, so Frieling. Auch wenn die Studie noch nicht abgeschlossen ist, hat Müller bereits eine Beobachtung gemacht: Auffallend viele der Depressions-Betroffenen leiden auch an Schlaf-Apnoen, die möglicherweise ein Auslöser oder zumindest Faktor beim Entstehen der Depression sein könnte. „Die Zahl ist so hoch, dass dieses Thema in die Behandlungsleitlinien aufgenommen werden sollte“, wünscht sich Müller.

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