
Vom Sterben in der Poesie - und im echten Leben
Es ist vielleicht die ärgste Last, die auf uns Menschen liegt: Die durch nichts zu erschütternde Gewissheit, dass wir alle einmal gehen müssen von dieser Welt. Kein Wunder, dass man schon übers Sterben schrieb, kaum dass die Schrift erfunden wurde. Daniel Karasek und Norbert Aust – zwei im schauspielerischen Milieu verwurzelte Kreative – begaben sich anlässlich der mittlerweile 8. Kieler Hospiztage genau in diese literarische Nische.
Und siehe da: Die große Tragik, der nagende Selbstzweifel, die Angst vor dem, was denn da kommen wird, die schaurige Poesie, zugleich der Spott, der Humor und der Lebensmut bis zum letzten Atemzug, all das findet sich in der Literatur ebenso wie in den Einrichtungen, in denen das Sterben zum Alltag gehört. Daniel Karasek, Generalintendant und Regisseur am Theater Kiel, und Norbert Aust, der langjährige Leiter des Kieler Kinder- und Jugendtheaters im Werftpark, sind schon seit Jahren unterwegs, um mit gemeinsamen Lesungen Literatur unter die Leute zu bringen. Mal geht es in „Austs literarischem Salon“ um den Frühling, mal bilden norddeutsche Mythen den Schwerpunkt, mal dreht sich alles um das ewig junge Thema Liebe. Anlässlich der Kieler Hospiztage, die sich zwischen dem 5. und 12. Oktober so umfassend wie scheuklappenfrei der letzten Etappe unseres irdischen Daseins widmeten, befasste sich das Duo jedoch bei einer sehr gut besuchten Matinee im Schauspielhaus erstmals in dieser ausgeprägten Form mit dem Sterben. „Aust und Karasek treffen Freund Hein“, lautete das schwarzhumorige Motto, zu dem Erstgenannter anmerkte, dass man sich doch noch gern Zeit lassen würde für ein reales derartiges Treffen.
Goethe durfte bei dieser Lesung nicht fehlen, neben dem epochalen „Erlkönig“ unter anderem mit seinem Gedicht über den „Totentanz“, in dem er die Verblichenen „in weißen und schleppenden Hemden“ aus ihren Gräbern steigen lässt. Anders als der Altmeister, der sinfoniehaft die großen Szenerien und Gefühle in Worte gießt, bereitet der erst vor knapp 25 Jahren verstorbene Lyriker Ernst Jandl dem Tod erfrischend schnodderig eine Bühne: „Wir sind die Menschen auf den Wiesen. Bald sind wir Menschen unter den Wiesen. Und werden Wiesen. Und werden Wald. Das wird ein heiterer Landaufenthalt.“
Eine berührende Tragödie beschreibt derweil Ludwig Achim von Arnim, der 1831 an einem Hirnschlag starb, in seinem Gedicht „Der Tod und das Mädchen im Blumengarten“. Er zeichnet mit aller Konsequenz einen grimmigen Gesellen, der selbst im Angesicht unschuldigster Jugend so gar nicht mit sich handeln lässt: „Die Sense ist mein Wappen, das ich mit Rechte führ, damit thu ich anklopfen jedem an seine Thür.“
Und dann gibt es immer wieder Dichter, die dem bedrückenden Thema mit wunderbarer Leichtigkeit begegnen. So wie Robert Gernhardt, der 2006 einem mehrjährigen Krebsleiden erlag: „Ach, noch in der letzten Stunde werde ich verbindlich sein. Klopft der Tod an meine Türe, rufe ich geschwind: Herein!“
Herein rief bei dieser ungewöhnlichen Lesung, die von viel Applaus begleitet wurde, gewissermaßen auch die Palliativstation
des Städtischen Krankenhauses Kiel. Sie war Mitveranstalterin des Kultur-Events, stand am Rande der Lesung auch mit Informationen und Gesprächsangeboten bereit.
Haben jedoch die Worte der Poeten etwas mit der Realität der Menschen zu tun, die auf einer solchen Einrichtung in die zumeist letzte Phase ihres Lebens treten? Jens Rieck, Pfleger und Teamleiter in der Palliativstation, kann in den literarischen Stücken durchaus viel erkennen, was die ihm anvertrauten Menschen vermitteln.
Selbstverständlich begegnet ihm immer wieder Angst, Verzweiflung und das Gefühl, der Sensenmann sei gerade im Begriff, sich die ganz und gar falsche Person zu nehmen. Andererseits betont Rieck: „Es ist nicht so, dass immer nur Trauer die Atmosphäre prägt, es wird auch viel gelacht.“
Palliativstationen wollen und sollen das Leiden lindern, Schmerzen nehmen oder sie so erträglich machen, dass ganz im Sinn der Hospizbewegung ein gutes „Leben bis zuletzt“ möglich ist. Und genau unter diesem Aspekt mag sich das Personal, das sich fast immer sehr bewusst für eine Arbeit im Dienst von Schwerstkranken entscheidet, nicht allein aufs schmerztherapeutisch Funktionelle beschränken.
„Wir wollen den ganzen Menschen sehen“, formuliert der Teamleiter aus dem Städtischen Krankenhaus das Leitbild und spricht von „sehr vielen Facetten“, die dabei mitschwingen. Sechs bis acht Wochen verbringen die meisten Kranken auf der Station. Genug Zeit, um Beziehungen aufzubauen, die besonderen Bedürfnisse des oder der Einzelnen zu erkennen und so weit wie möglich darauf einzugehen. „Es entsteht ein großes Maß an Vertrautheit“, formuliert es Jens Rieck und kommt sogleich auf die damit verbundene Verantwortung zu sprechen: „Letztlich vertrauen uns die Menschen ihr Leben an.“
In dieser Hinsicht hat eine Palliativstation, die es in der Landeshauptstadt seit vielen Jahren auch noch am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein gibt, viel zu bieten. Nicht nur hochqualifizierte ärztliche und pflegerische Kräfte sind an Bord, auch Psychologie, Ergo-, Musik- oder Kunsttherapie und viele weiteren Disziplinen sind angedockt. Aus guten Gründen, wie Rieck und sein Team wissen. Manchmal, so erzählt der pflegerische Leiter, geht es am Ende eines Lebens um vermeintlich ganz profane Dinge wie Geld. Wenn sich indes ein Sterbender sorgt, wie in Zukunft seine Frau und die Kinder durchkommen sollen, sei ein solches Thema alles andere als banal, meinte Rieck.
Teil des insgesamt etwa 30 Mitglieder zählenden Teams der Palliativstation ist auch der Psychoonkologe Manfred Gaspar. Der Tod, so sagt er, sei in gewisser Weise „das Ziel des Lebens“. Woraus er den Schluss zieht, dass wir alle ihm eines Tages ausgeliefert sein werden, aber zugleich lernen können, mit der damit verbundenen Angst umzugehen.
Wie allerdings halten wir es heutzutage als Gesellschaft mit dem Tod? Dr. Roland Repp, Chefarzt der 2. Medizinischen Klinik und Leiter der dort untergebrachten Palliativstation im Städtischen Krankenhaus Kiel, sieht einen Zwiespalt. Allgemein sei das Sterben auch dank des Wirkens der Hospizbewegung gewiss nicht mehr so tabuisiert wie noch vor ein paar Jahrzehnten. „Wenn es einen individuell trifft, ist es aber immer noch ein Tabu und mit vielen Unsicherheiten behaftet“, nennt er die andere
Seite.
Aufklärung und nicht zuletzt die nach seinen Worten „absolut nötige“ Unterstützung ehrenamtlicher Gruppen wie der Hospizinitiative Kiel werden weiter nötig sein, glaubt Repp, dessen Haus jährlich ungefähr 500 Patientinnen und Patienten palliativmedizinisch betreut. Das geschieht direkt in der 2. Medizinischen Klinik, aber auch in vielen anderen Bereichen des Städtischen Krankenhauses. Eine räumlich eigenständige Palliativstation mit zwölf Zimmern wird das Krankenhaus voraussichtlich erst Anfang 2027 bekommen. Aktuell entsteht ein Neubau zu geschätzten Gesamtkosten von 5,3 Millionen Euro. Davon muss die Klinik etwa 1,5 Millionen Euro aus Eigenmitteln zuschießen – und die Verantwortlichen hoffen, dass möglichst viel davon über Spenden aufgebracht werden kann.
Die Sorge, dass das Städtische Krankenhaus mit der Palliativstation des UKSH am Schwanenweg in Konkurrenz tritt, sieht Repp unterdessen nicht. Eine eindeutige Sprache sprechen dazu allein schon die Zahlen, meint der Chefarzt. Demnach weisen aktuell 37 % der Menschen am Ende ihres Lebens einen palliativmedizinischen Bedarf auf. Und angesichts der demografischen Entwicklung ist nach seiner Einschätzung zu erwarten, dass dieser Anteil in Zukunft eher noch wachsen wird.








