Vier Männer, davon drei in dunklen Anzüg, stehen nebeneinander. der zweite von links trägt ein Sacko und eine orangefarbene Hose mit weißem Hemnd. Außer dem Mann links im Bild halten alle eine Urkunde in Händen.
Prof. Stefan Schreiber (2. v.l.) und Dr. Georg Wätzig (3.v.l.) bei der Preisverleihung der Prof. Dr. Werner-Petersen-Stiftung. © Janina Rathje
Prof. Stefan Schreiber (2. v.l.) und Dr. Georg Wätzig (3.v.l.) bei der Preisverleihung der Prof. Dr. Werner-Petersen-Stiftung. © Janina Rathje

Vitamin B3 im Darm: von der Grundlagenforschung bis zur klinischen Anwendung

Das Darmmikrobiom steuert Stoffwechselprozesse, kommuniziert mit dem Immunsystem und spielt bei zahlreichen Erkrankungen eine wichtige Rolle. Wie sich dieses Wissen therapeutisch nutzen lässt, untersuchen Kieler Wissenschaftler, die für den erfolgreichen Wissenstransfer kürzlich mit dem Innovations-Transfer-Preis der Prof. Dr. Werner-Petersen-Stiftung ausgezeichnet wurden.

Die Auszeichnung würdigt Kooperationen zwischen Wissenschaft und Wirtschaft in Schleswig-Holstein, aus denen innovative Produkte und Verfahren mit praktischem Nutzen entstehen. Beteiligt waren Forschende des Exzellenzclusters Precision Medicine in Chronic Inflammation (PMI), des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH), der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) und der 1999 aus dem damaligen Universitätsklinikum Kiel ausgegründeten Conaris Research Institute AG. Aus ihren Arbeiten entstand CICR-NAM (controlled-ileocolonic-release nicotinamide) – ein neuartiges Präparat, das Nicotinamid (Vitamin B3) im unteren Dünndarm und Dickdarm freisetzt, um dort Stoffwechselprozesse und das Darmmikrobiom zu beeinflussen. 

Das Mikrobiom als therapeutischer Angriffspunkt
Als die Entwicklung von CICR-NAM begann, stand das Mikrobiom noch nicht so im Fokus wie heute. Forschende des Exzellenzclusters PMI und von Conaris untersuchten bereits früh, wie Veränderungen des Tryptophan- und Vitamin-B3-Stoffwechsels mit chronischen Entzündungen zusammenhängen und welche Rolle das Darmmikrobiom dabei spielt. Dabei entstand eine neue Hypothese: Wenn sich diese Stoffwechselprozesse gezielt im Darm beeinflussen lassen, könnten daraus neue Therapieansätze entstehen.
Aus dieser wissenschaftlichen Idee entwickelte sich Schritt für Schritt ein therapeutisches Konzept. 2012 wurden die bei Conaris entwickelten Anwendungsprinzipien erstmals zum Patent angemeldet, über die Jahre folgten aus der engen Kooperation zwischen UKSH, CAU und Conaris weitere Patentanmeldungen für neuartige Präparate, die den Wirkstoff erst im letzten Abschnitt des Dünndarms und im Dickdarm freisetzen.

Nicht der Wirkstoff ist neu – sondern der Ort seiner Freisetzung
Nicotinamid, eine Form von Vitamin B3, ist seit Langem bekannt. Die Innovation von CICR-NAM liegt deshalb nicht im Wirkstoff selbst, sondern in seiner gezielten Freisetzung. Während herkömmliche Präparate bereits im oberen Verdauungstrakt aufgenommen werden, schützt CICR-NAM das Nicotinamid auf seinem Weg durch Magen und Dünndarm und setzt es erst dort frei, wo es direkt mit dem Darmmikrobiom in Kontakt kommt.
„Lange Zeit wurden Veränderungen im Darmmikrobiom vor allem als Begleiterscheinung von Erkrankungen betrachtet. Heute verstehen wir zunehmend, dass sich Erkrankungen durch gezielte Verbesserungen im Mikrobiom positiv beeinflussen lassen. CICR-NAM zeigt, wie aus diesem biologischen Verständnis Schritt für Schritt ein neuer Therapieansatz entstehen kann“, wurde Prof. Stefan Schreiber, Direktor der Klinik für Innere Medizin I am UKSH, Direktor des Instituts für Klinische Molekularbiologie (IKMB; CAU/UKSH) und Sprecher des Exzellenzclusters PMI, in einer Mitteilung zur Preisverleihung zitiert. 

Exzellenzcluster PMI
Der Exzellenzcluster „Präzisionsmedizin für chronische Entzündungserkrankungen / Precision Medicine in Chronic Inflammation“ (PMI) startet 2026 in seine zweite Förderphase (2026–2032) und erhält damit bereits die vierte aufeinanderfolgende Förderung in der Entzündungsforschung. Die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz (GWK) von Bund und Ländern hat gemeinsam mit der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) die Förderung im Rahmen der Exzellenzstrategie bewilligt.

Der Cluster knüpft an den erfolgreichen Vorgänger „Inflammation at Interfaces“ (2007–2018) sowie an die erste PMI-Förderperiode (2019–2025) an. In dem interdisziplinären Verbund engagieren sich rund 400 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus acht Trägereinrichtungen: die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, die Universität zu Lübeck, das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, das Forschungszentrum Borstel – Leibniz Lungenzentrum, die Muthesius Kunsthochschule, das Kiel Institut für Weltwirtschaft, das Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik sowie das Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie

Von der Grundlagenforschung in die Klinik
Der erste große klinische Einsatz von CICR-NAM erfolgte während der COVID-19-Pandemie. In einer randomisierten, placebokontrollierten Studie mit 900 Patientinnen und Patienten zeigten die Forschenden, dass die körperliche Leistungsfähigkeit nach einer COVID-19-Erkrankung schneller wiederhergestellt werden kann, wenn die Patienten frühzeitig Nicotinamid einnehmen. Gleichzeitig konnten die Forschenden nachweisen, dass die bei COVID-19 sonst beobachteten Störungen der Stoffwechselaktivität des Darmmikrobioms unter einer medizinischen Nahrungsergänzung mit Nicotinamid nicht auftreten – ein wichtiger Hinweis darauf, dass der zugrunde liegende Ansatz tatsächlich greift. Die Ergebnisse wurden 2025 in der Fachzeitschrift Nature Metabolism veröffentlicht.

Aktuelle Studie
Heute wird CICR-NAM dort klinisch weiterentwickelt, wo die wissenschaftliche Idee ihren Ursprung hatte: in der Behandlung chronisch-entzündlicher Erkrankungen. Derzeit untersucht die Phase-II/III-Studie ORNATUS-1 die im Tiermodell bereits nachgewiesene anti-entzündliche Wirkung von hoch dosiertem CICR-NAM bei Patientinnen und Patienten mit Colitis ulcerosa. Weitere Studien mit CICR-NAM in niedriger Dosierung als medizinische Nahrungsergänzung bei weiteren Erkrankungen sind in Vorbereitung. Die CICR-NAM-Tabletten werden bereits im industriellen Maßstab hergestellt und sind fünf Jahre stabil.

Enge Vernetzung erforderlich
„Der Innovationspreis würdigt für uns nicht nur ein bestimmtes Präparat, sondern den gesamten gemeinsamen Weg von der wissenschaftlichen Idee bis zur klinischen Anwendung. Eine solches Projekt gelingt in einer akademischen Umgebung und ohne Finanzierung der Pharmaindustrie nur dann, wenn Grundlagenforschung, klinische Forschung und industrielle Expertise eng miteinander verwoben werden “, wurde Dr. Georg Wätzig, Koordinator der translationalen Forschung am IKMB, Projektleiter bei CONARIS und Entwickler von CICR-NAM, in der Mitteilung zitiert. (PM/RED)

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