
„Teambasierte Versorgung ist das Gebot der Stunde“
Medizinische Fachangestellte sind unverzichtbar für die ambulante Gesundheitsversorgung. Gleichzeitig wird der Arbeitsmarkt trotz steigender Ausbildungszahlen von einem gravierenden Fachkräftemangel geprägt. Das stellt die Arztpraxen in Schleswig-Holstein und bundesweit vor große Herausforderungen. Zumal die Statistik zeigt, dass eine zwar noch kleine, aber kontinuierlich wachsende Zahl der kostspielig ambulant ausgebildeten MFA nach dem Abschluss auf besser dotierte Stellen in Kliniken abwandert. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts wuchs die Zahl der in Krankenhäusern beschäftigten MFA von 11,79 Prozent im Jahr 2012 auf 15,61 Prozent im Jahr 2024.
Rechtssichere Delegation von Aufgaben
Welche Faktoren hier eine Rolle spielen und wie es künftig besser gelingen kann, qualifizierte MFA für die Praxis zu gewinnen, sie optimal einzubinden und langfristig zu halten, das hat ein Team der Frankfurter Goethe-Universität jetzt in einer umfassenden Studie im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung untersucht. Im Kern empfehlen die drei Autorinnen darin eine Strukturreform hin zu einem interprofessionellen Team, in dem die Ärztin oder der der Arzt viele Aufgaben an spezifisch qualifizierte MFA delegiert – in einem rechtssicheren Rahmen mit gesetzlich geregelten Aus- und Fortbildungsmöglichkeiten sowie einer geregelten Refinanzierung der Teamleistungen über die gesetzliche Vergütung.
„Man könnte sagen: Der Übergang von arztzentrierter Versorgung auf eine teambasierte Versorgung ist das Gebot der Stunde“, schreiben Dr. rer. med. Karola Mergenthal, M. Sc., und ihre Co-Autorinnen Dipl.-Dok. Tatjana Blazejewski und Dr. phil. Corina Güthlin, Dipl.-Psych., in ihrem Fazit. „Die bestehende Fort- und Weiterbildungslandschaft zeigt auch jetzt schon klares Potenzial zur interprofessionellen Zusammenarbeit im Sinne eines teambasierten Zukunftsmodells, aber die Verankerung auf regulatorischer und kultureller Ebene im Gesundheitssystem steht noch aus.“
„Notwendig erscheinen außerdem eine Überarbeitung der Delegationsregelungen und der Ausbildungsordnung sowie klare Karrierepfade und Kompetenzprofile.“
Insgesamt begrenzten Abrechnungs- und berufsrechtliche Rahmenbedingungen derzeit die Nutzung erweiterter Kompetenzen von MFA und die Umsetzung innovativer Versorgungsmodelle. Eine Lösung sehen die Autorinnen in der Definition der verbindlichen Rahmen eines Primärversorgungssystems, um die Finanzierung delegierter Leistungen flächendeckend zu verankern.
Praxen fehlt finanzieller Anreiz zur Ausbildung
Denn obwohl das Gehalt für viele befragte MFA nicht das Hauptkriterium für ihre Berufswahl ist, hängt am Geld Einiges – sowohl für die Angestellten als auch für die Praxiseigner. Deshalb kritisieren die Autorinnen beispielsweise, dass die Ausbildungskosten nicht systematisch kompensiert würden. Dadurch fehle den Praxen der finanzielle Anreiz zur Ausbildung. Zum anderen erschwere die Deckelung der Vergütung ambulanter Leistungen es den Praxen, ihren entsprechend qualifizierten MFA Gehälter zu zahlen, die mit den höheren Dotierungen von Kliniken mithalten könnten. Im Zuge der Überarbeitung der ohnehin veralteten Ausbildungsordnung solle der Gesetzgeber folglich auch die (Re-)Finanzierung von Leistungen insgesamt ins Auge fassen, heißt es in der Studie: „Im Zuge der Ausdifferenzierung eines Vergütungsmodells in einem Primärversorgungssystem der Zukunft scheint z. B. die Vergütung eines Praxis-Patienten-Kontakts flexiblere Modelle zu erlauben als die ausschließliche Orientierung an Arzt-Patienten-Kontakten.“
Entlastung durch Telemedizin
Interessant für ein Flächenland wie Schleswig-Holstein: Mit Beispielen aus der Praxis belegen die Autorinnen, „dass gerade Telemedizin bei entsprechender Neuaufteilung von Rollen zu eigenständigem Arbeiten von MFA, z. B. bei Hausbesuchen, beitragen“ könne. MFA könnten bei einem Hausbesuch bei Bedarf ärztlichen Rat zuschalten. Sie seien zwar allein unterwegs, könnten aber jederzeit unterstützt werden. Wie im Ärzteblatt berichtet, haben erste Pionierpraxen, etwa in Nordfriesland, mit Delegation und teamorientierter Arbeit gute Erfahrungen gemacht.
Primärversorgungssystem als Chance
Im Ergebnis empfehlen die Autorinnen eine bessere Vergütung, verbindliche Tarifstandards, verlässliche Finanzierung und den Ausbau standardisierter Fort- und Weiterbildungen. „Notwendig erscheinen außerdem eine Überarbeitung der Delegationsregelungen und der Ausbildungsordnung sowie klare Karrierepfade und Kompetenzprofile“, heißt es weiter. In den aktuellen Debatten um ein Primärversorgungssystem und mögliche Finanzierungsreformen biete sich „die Chance, teambasierte Versorgung und erweiterte MFA-Rollen strukturell zu verankern“.





