Grauhaariger Mann mit Brille im dunklen Sakko, im weißen Hemd mit roter Krawatte schaut frontal in die Kamera.
Prof. Henrik Herrmann © AEKSH
Prof. Henrik Herrmann © AEKSH

Suche nach dem richtigen Konzept

Spätestens seit Rudolf Virchow wissen wir, wie eng Gesundheit und Soziales miteinander verwoben sind. Beide Bereiche haben im Leben eines jeden von uns, für unsere Gesellschaft und damit für die Politik hohen Stellenwert. In beiden Systemen sind wir in unserem Land leistungsfähig und zuverlässig und werden dafür von anderen Ländern zum Teil bewundert. Dennoch wissen auch alle, dass eine grundlegende Reformbedürftigkeit besteht. Neue Wege sind schon wegen der finanziellen Belastungen und eventueller Fehlanreize notwendig.
Kein Wunder, dass Viele gut gemeinte Vorschläge für diese Reformen vorbringen. Bei der Diversität der unterschiedlichen Wahrnehmungen ist es nicht verwunderlich, dass sich diese Ansätze teilweise diametral gegenüber stehen. In den letzten Wochen verging kein Tag, in dem nicht neue Ideen vorgestellt wurden. Gesundheitsabgabe für alle durch Einbezug aller Einkommensarten in die Finanzierung, Streichung versicherungsfremder Leistungen, Effizienzgewinne auf der Ausgabenseite, Praxisgebühren, Abschaffung der telefonischen Krankschreibung, Reduzierung der Sozialversicherungsleistungen, Übertragung ärztlicher Aufgaben auf Dritte, weniger Bürokratie, mehr Kontrolle, Primärversorgungsmodelle unterschiedlicher Vorgehensweisen, Streichung von Zahnarztbehandlungen aus dem Umlageverfahren, Stärkung der Prävention, Ablehnung einer Zuckersteuer – der Katalog der letzten Wochen könnte noch deutlich erweitert werden. Verbunden damit sind Slogans wie „Kraftvoll aus der Krise“, „Wachstum Made in Germany“, „Agenda für Arbeitnehmer“, „Wir machen Deutschland besser“. Was fehlt, ist ein klares Konzept, wie unsere Gesundheits- und Sozialsysteme in fünf bis zehn Jahren aussehen soll. Was bleibt, sind Unsicherheiten. 
Da verwundert es nicht, dass gerade die junge Generation Probleme hat, mit Unsicherheiten umzugehen und diese zu verarbeiten. Das betrifft nicht nur den Bereich Gesundheit und Soziales, sondern auch die Themen der weltpolitischen Lage, des Klimawandels, der Nachhaltigkeit und der Resilienz. Untersuchungen zeigen die hohe psychische Belastung insbesondere von Jugendlichen, die zu Einsamkeit und Angst führt. Es ist kein gutes Zeichen, wenn die Generation, die unsere Zukunft prägen wird, jetzt schon in der Krise ist und der Hilfe bedarf. Grund genug, diese Belastung als Schwerpunkt dieser Ausgabe zu thematisieren. 

„Was fehlt, ist ein klares Konzept, wie unsere Gesundheits- und Sozialsysteme in 5 bis 10 Jahren aussehen sollen. Was bleibt, sind Unsicherheiten."

Prof. Henrik Herrmann
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