
So verhindert das WKK Diebstahl von Medikamenten
Die bestellte Lieferung von 140 Tabletten Diazepam war nach drei Tagen fast aufgebraucht. Der ungewöhnliche schnelle Verbrauch passte nicht zu der Anzahl an Patienten, die zu diesem Zeitpunkt im WKK mit Diazepam behandelt wurde. Das WKK griff durch: Umgehend wurden Geschäftsführung, den Abteilungen Compliance, Risikomanagement sowie Organisation und Qualitätsmanagement eingeschaltet. Der Verlust wurde bei der Polizei angezeigt, die verbliebenen Tabletten in den Betäubungsmittel-Tresor verbracht. Jede Entnahme musste fortan dokumentiert werden. Dann analysierte das WKK alle Verbrauchsdaten rückwirkend für drei Jahre. Ergebnis: Es waren rund 11.000 Diazepam-haltige Tabletten verschwunden.
„Nicht gut für das Image”
Solche Fälle passieren nicht nur im WKK, sondern mit hoher Wahrscheinlichkeit in vielen Kliniken in Deutschland. Das WKK ist eines der wenigen Krankenhäuser, das darüber spricht und handelt. „Das ist ein kritisches Thema und nicht gut für das Image“, vermutet Björn-Ola Fechner als Grund für das Schweigen. Um den Diebstahl - entweder für den Eigenverbrach oder für den Weiterverkauf auf dem Schwarzmarkt - zu verhindern, hat eine eigens eingerichtete Arbeitsgemeinschaft Kritische Arzneimittel unter Vorsitz des Ärztlichen Direktors am WKK im Jahr 2023 eine kontinuierliche Überwachung definierter kritischer Arzneimittel beschlossen.
Hilfsangebote für Betroffene
Fechner als Leiter des Qualitätsmanagements in Heide und Sina Jahn als Leiterin der Stabsstelle klinische Pharmazie treffen sich seitdem monatlich zu einer Verbrauchsanalyse der kritischen Arzneimittel. Wenn ihnen etwas auffällt, gehen sie auf die betreffende Station, schalten die Leitung ein, inspizieren den Medikamentenschrank. „Das hat die Mitarbeitenden anfangs hochgeschreckt. Jeder weiß: Wir haben einen Blick von Außen auf den Medikamentenverbrauch“, berichtete Fechner dem Schleswig-Holsteinischen Ärzteblatt. Die Auffälligkeiten werden in Qualitätsgesprächen thematisiert, bei Bedarf greifen weitere Maßnahmen wie der „Stufenplan Sucht“ und die Dienstanweisung „Suchtkranke und suchtgefährdete Beschäftigte“. Wer sich zum Diebstahl bekennt, erhält Hilfsangebote. „Jeder Fall ist individuell. Abmahnungen und als letztes Mittel Anzeigen sind nicht ausgeschlossen“, so Fechner.
Das Monitoring ist erfolgreich
Damit ein ungewöhnlicher Verbrauch aber registriert werden kann, musste das WKK eine Datenbank zum Verbrauchsmonitoring (QlikView©) einführen – was von der Initiative einzelner abhing. Fechner vermutet, dass der damit verbundene Aufwand ein weiterer Grund ist, weshalb viele Kliniken dem Thema nicht weiter nachgehen. Hinzu kommt: Obwohl ein Weiterverkauf auf dem Schwarzmarkt für Diebe lukrativ ist, hält sich der wirtschaftliche Schaden für die Krankenhäuser in Grenzen: Eine Tablette wird auf dem Schwarzmarkt zwischen zwei und zehn Euro gehandelt, kostet die Klinik aber nur zwei Cent.
In Heide zeigt das Monitoring Erfolge. Bei Tilidin und Tramadol etwa sind die Bestellmengen nach einem auffälligen zwischenzeitlichen Anstieg deutlich gesunken und korrelieren mit den Verordnungen. Erste Mitarbeitende haben sich zu Missbrauch bekannt, es wird gemeinsam nach Lösungen gesucht. Heute sind die Mitarbeitenden im Haus für das Thema sensibilisiert und offen für einen aufgeschlossenen Umgang: Wenn Fechner und Jahn auf einer Station erscheinen, ist niemand mehr aufgeschreckt – aber an Lösungen interessiert.



