
Sicherheit nimmt jeden in die Pflicht
Ein wichtiges Ziel der Veranstaltung „Köpfe in der Krise kennen – Operationsplan Deutschland” war schon mit dem Erscheinen der Gäste erreicht: Vertreter der Bundeswehr, aus dem Gesundheitswesen, der Politik, der Kommunen und vielen anderen Bereichen des öffentlichen Lebens waren in die Hermann Ehlers Akademie gekommen und tauschten sich darüber aus, wie sich Deutschland auf den Verteidigungsfall vorbereitet – ein Thema, das die Kammerversammlung der Ärztekammer Schleswig-Holstein schon vor einem Jahr in einer Diskussion mit Generalstabsarzt Dr. Johannes Backus diskutiert hatte.
Bundeswehr nimmt Bereitschaft zum konstruktiven Austausch wahr
Fregattenkapitän Frank Martin, Sprecher der Bundeswehr in Schleswig-Holstein, machte deutlich, dass es um den Aufbau von Netzwerken geht – im Verteidigungsfall müsse klar sein, mit wem man sprechen muss und wie Informationen vermittelt werden. Verlässlichkeit und Vertrauen müssten vorher aufgebaut sein. Dabei seien alle gesellschaftliche Gruppen gefragt: „Sicherheit ist nicht nur Aufgabe der Streitkräfte.“ Vielmehr gehe es um das Zusammenwirken unterschiedlicher Institutionen, auch mit denen des Gesundheitswesens. Denn: „Krankenhausbetten werden zu einer strategischen Ressource und medizinische Fachkräfte zu Schlüsselpersonen.“––– Sein Eindruck aus bisherigen Gesprächen: Die Bereitschaft zum konstruktiven Austausch in Schleswig-Holstein sei vorhanden.
1.000 Patienten zusätzlich – jeden Tag
Oberstarzt Dr. Arne Müller, oberster Sanitätssoldat für Schleswig-Holstein und Hamburg, berichtete, welche Herausforderungen für die Gesundheitsversorgung der Truppe im Krisenfall bestehen und welche Ressourcen dafür zur Verfügung stehen. Im Verteidigungsfall wären in Deutschland nach Prognosen 1.000 Patienten zusätzlich zu versorgen – täglich. Für das Sanitätssystem der Bundeswehr allein wäre das nicht zu bewältigen. Auch das zivile Gesundheitssystem käme schnell an seine Grenzen, weil neben verwundeten Soldaten auch zivile Patienten aus Kriegsgebieten behandelt werden müssten. Bundesweit kümmern sich 13 Sanitätsunterstützungszentren um die Patientensteuerung, Behandlung und Rehabilitation bis zur Wiedereingliederung der Soldaten. Dabei arbeitet die Bundeswehr eng mit BG-Kliniken zusammen, in Schleswig-Holstein mit der BG-Reha-Klinik in St. Peter Ording, außerdem mit den Uniklinik-Standorten in Kiel und Lübeck. Müller machte auch deutlich, dass die Bundeswehr derzeit einiges aus dem Krieg in der Ukraine lerne. Lazarette etwa seien wegen der Vielzahl an Drohnenangriffen nur noch unterirdisch sinnvoll.
Task Force „Zivile Verteidigung“
Das schleswig-holsteinische Innenministerium hat im April 2025 mit der Einrichtung der Task Force „Zivile Verteidigung“ auf die veränderte Bedrohungslage reagiert. Leiter Dr. Sebastian Bruns zeigte, auf welchen Säulen die zivile Verteidigung beruht. Das Thema Gesundheit werde im Zivilschutz berücksichtigt, versicherte der Politikwissenschaftler. Wie notwendig das ist, zeigen die Basisszenarien, mit denen sich die zivile Verteidigung beschäftigt. Bei fast allen dieser Szenarien, vom kontaminierten Trinkwasser bis zum Anschlag mit chemischen Mitteln, wäre das Gesundheitssystem gefordert. Aus Sicht von Bruns ist wichtig, dass das Bewusstsein für die Notwendigkeit der Vorbereitung bei allen Menschen geschärft wird. „Zivile Verteidigung ist keine Dienstleistung der Landesregierung und militärische Verteidigung ist keine Dienstleistung der Bundeswehr“, betonte Bruns. Sicherheit hänge vielmehr auch davon ab, dass sich die Bevölkerung auf der veränderte Bedrohungslage einstelle.
Zahlreiche Detailfragen sind zu klären
In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass im Austausch noch viele Punkte zu klären sind. Einen davon sprachen die ärztliche Geschäftsführerin der Ärztekammer, Dr. Gisa Andresen, und der Präsident der Zahnärztekammer, Dr. Michael Brandt, an: Wie wird die Kommunikation zu den Gesundheitsberufen verlaufen und welche Rolle wird der ambulante Bereich des Gesundheitswesens spielen? Müller und Bruns versicherten, dass der ambulante Bereich einbezogen werde, Gespräche hierzu sollen geführt werden.
Akteure in den Regionen tauschen sich bereits aus
Dr. Sebastian Wolfrum, ärztlicher Leiter der Interdisziplinären Notaufnahme (INA) am Standort Lübeck des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH), berichtete von den Herausforderungen für die Kliniken in der Vorbereitung. Nur eine davon: Das UKSH dürfe nicht abfragen, welche Mitarbeitenden in Doppelfunktionen tätig sind. Wer sich etwa beim THW engagiert, könnte im Ernstfall am Arbeitsort fehlen. Eine andere: Lieferketten ohne Lagerhaltung – betriebswirtschaftlich sinnvoll, in Krisenzeiten aber problematisch. Dr. Carsten Hilbert, Ärztlicher Geschäftsführer und Leiter der Geschäftsstelle Ärztliche Angelegenheiten am UKSH, unterstrich: „Jeder einzelne muss sich fragen, wo die kritischen Punkte sind.“ Vor Ort passiert dies in manchen Regionen bereits. Nach Angaben Wolfrums tauschen sich zum Beispiel in Lübeck unterschiedliche Akteure zum Thema Sicherheit aus – mit Beteiligung von Akteuren aus dem Gesundheitswesen. Stephan W. Unger, Geschäftsführer des Klinikums Nordfriesland, berichtete von der Vernetzung im Raum Husum.





