
Schwanger unter besonderen Umständen
Über dem Podium im Hohen Arsenal in Rendsburg hing noch das Banner mit der Aufschrift „Berufsverband der Frauenärzte“ – aber die stimmt nicht mehr: Im November 2025 erfolgte die offizielle Eintragung des neuen Namens in das Vereinsregister. „Berufsverband der Frauenärztinnen und Frauenärzte e.V.“ heißt der Verein jetzt.
Vorangegangen war ein Beschluss der Vertreterversammlung auf Bundesebene, der im März 2025 noch einmal bestätigt wurde. Viele Landesverbände, darunter Schleswig-Holstein, hatten sich für die Umbenennung stark gemacht. Dagegen sprachen die Kosten und aufwändigen Formalitäten. „Aber das allein kann kein Grund sein“, sagte die Landesvorsitzende Susanne Bechert in ihrer Rede beim 28. Landes-Gynäkologentag: „Denn die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache.“
Bundesweit und auch in Schleswig-Holstein sind rund 70 Prozent der Verbandsmitglieder weiblich. Durch die zu erwartende Ruhestandswelle der kommenden Jahre wird sich das Verhältnis eher noch mehr zu den Frauen verschieben. Generell wachse der Verband noch, berichtete Bechert.
Aufgabenspektrum wird komplexer
Aber auch die Aufgaben und Themen, mit denen sich Frauenäztinnen und -ärzte befassen müssen, nehmen stetig zu - das zeigte das breite Spektrum an Vorträgen des Tages. So begann Dr. André Hohn, Leiter der Frauenklinik des Städtischen Krankenhauses Kiel, die Vorstellung seiner Klinik mit einem Stoßseufzer: „Ich habe Gynäkologie gewählt, weil ich dachte, es ist ein überschaubares Fach – aber es wird immer komplexer.“ Das Städtische, ein 605-Betten-Haus, besaß früher die größte Geburtsabteilung in Schleswig-Holstein und ist heute noch Perinatalzentrum auf Level zwei. Ob das so bleibt, sei offen, sagte Hohn. Die neuen Regeln fordern fachärztliche Präsenz rund um die Uhr, bisher reichte Rufbereitschaft.
Stolz ist die Geburtsklinik auf ihren Hebammenkreißsaal, in dem Frauen „arztfrei“ gebären können. „Erst war ich skeptisch, aber heute sind alle sehr glücklich mit dem Modell“, berichtete Hohn. „Denn wenn alles normal läuft, muss kein Arzt dabei sein“, sagte er. Beim kleinsten Problem könne sofort jemand dazu kommen: „Die Hilfe steht im Hintergrund bereit.“ Alle Hebammen, die im Städtischen arbeiten, seien Freiberuflerinnen. Angesichts der Probleme bei ihrer Bezahlung sei unklar, „ob sie Anfang April den Dienst einstellen“, sagte Hohn. „Wir lassen uns überraschen.“

„Ich habe Gynäkologie gewählt, weil ich dachte, es ist ein überschaubares Fach – aber es wird immer komplexer.“
Eine zweite Säule neben der Geburtsklinik ist der onkologische Bereich mit Spezialisierung auf Ovarialkarzinome. Aber auch hier sei unklar, ob die Leistungsgruppe erhalten bleibt. Die Zahl der Patientinnen reiche zwar aus, aber die Entscheidung liege bei der Politik. „Ich hoffe und erwarte, dass wir weiterarbeiten können“, sagte Hohn, dem von der Selbsthilfegruppe „Eierstockkrebs Deutschland“ der „Goldene Eierstock“ als Auszeichnung für die besonders gute Versorgung der Patientinnen verliehen wurde.
Wenn die Schwangerschaft besonders eng begleitet werden muss
Am Vormittag ging es um Frauen, deren Schwangerschaft ganz besonders eng begleitet werden muss, die aber häufig zu wenig Aufmerksamkeit erfahren. Depressionen während und nach der Schwangerschaft sind ein solches Problem. Dabei ließe sich bei früher Erkennung und Behandlung der Krankheit viel erreichen – vor allem die Kinder würden profitieren, sagte Dr. Susanne Simen von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Nürnberg. Denn wenn die Mutter bereits während der Schwangerschaft an Stress, Erschöpfung, Trauer und Angst leidet, teilt sich das über die Plazenta mit: „Die Kinder altern bereits pränatal, weil ihnen vermittelt wird, dass sie in eine gefährliche Welt hineingeboren werden, in der sie schnell groß werden müssen.“ Ist die Mutter nach der Geburt zu erschöpft oder ängstlich ist, eine enge Beziehung einzugehen, startet der kleine Mensch mit dem Risiko in Leben, selbst psychisch krank zu werden. So eine Depression sei nicht mit Babyblues zu verwechseln, „der ist normal und geht wieder weg“, betonte Simen. Sie setzt sich für ein bundesweites Screening ein, wie es in anderen Ländern bereits üblich ist, Modellprojekte laufen bereits. Bereits jetzt könnten Frauenärzte durch Nachfragen feststellen, ob ein Risiko besteht: „Erlebt die Frau die Schwangerschaft als angenehm oder steht sie unter Belastung? Empfindet sie Kindsbewegungen als unerfreulich, gar als feindselig?“ Das könne auf eine Missbrauchserfahrung hindeuten.

„Die Kinder altern bereits pränatal, weil ihnen vermittelt wird, dass sie in eine gefährliche Welt hineingeboren werden, in der sie schnell groß werden müssen.“
Schwangerschaft nach einer bariatrischen Operation
Zwei weitere besondere Gruppen von Schwangeren sind Frauen nach bariatrischen Operationen und Frauen mit Suchterkrankungen. Professorin Dr. Ute Schäfer-Graf ist in der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe am St. Joseph Krankenhaus Berlin tätig und betreut das Diabeteszentrum für Schwangere. Sie sieht immer mehr Frauen, die per Magenband oder -bypass – das ist die zurzeit häufigste Methode in Deutschland – behandelt wurden. Ihnen fehlen während der Schwangerschaft fast immer Supplemente, darunter eine Reihe von Vitaminen und Folsäure. Das Problem: „Da es zu einer OP in Deutschland oft ein langer Weg ist, weichen viele Frauen ins Ausland aus. Aber dann haben sie keinen Anspruch auf Nachsorge.“ Eigentlich wären regelmäßige Blutuntersuchungen zur Kontrolle notwendig, doch die wenigsten Frauen wollen oder können die selbst zahlen. „Ich höre immer wieder, dass Frauen verzweifelt nach einer Praxis suchen, die ein Blutbild verordnet. Oft gehen sie in die Schwangerschaft, ohne ihre Werte zu kennen.“ Damit könne eine Unterversorgung auftreten, die oft auch in den Praxen nicht erkannt wird. Teils würde den Schwangeren sogar geraten, Zusatzstoffe abzusetzen – die diese Frauen aber bräuchten, warnte Schäfer-Graf.
Schwangere mit Suchtproblematik
Eine besonders gute Betreuung brauchen Schwangere mit Suchtproblematik. „Suchtpatienten haben keine Lobby, und vielen Ärztinnen und Ärzten fehlt Fachwissen zum Thema“, erklärte Dr. Marcus Riemer vom Universitätsklinikum Halle (Saale), warum er sich auf diese Gruppe spezialisiert hat. Sucht fasst er weit: Illegale Stoffe wie Heroin, legale wie Nikotin und Alkohol, aber auch der alltägliche Zucker gehören dazu. Eine Schwangerschaft könne eine Zäsur sein, in der sich die Frau von der Sucht löse, sagte der Mediziner. Bei Zigaretten sei es, vor allem durch die hohe Tabaksteuer, gelungen, den Anteil der Raucherinnen zu senken. Aber immer noch gebe es Frauen, die meinen, der Umstieg auf E-Zigaretten oder Vapes sei „gesünder“. Ähnlich ist es mit Cannabis: „Die Legalisierung hat dazu geführt, dass Menschen es als unbedenklich einstufen“, beobachtet Riemer. Dabei führe Haschisch, wie Nikotin, zu Frühgeburten und anderen Risiken. Droge Nummer eins bleibt Alkohol. 28 Prozent der Frauen geben an, dass sie während der Schwangerschaft Alkohol trinken – „und es geht nicht um ein Glas Sekt vor Entdeckung der Schwangerschaft“, sagte Riemer. Neben dem alten Spruch, ein Gläschen könne nicht schaden, gebe es immer öfter Frauen, die sich jede „Bevormundung“ verbeten, nach dem Motto: „Ich lasse mir gar nichts sagen.“ Dennoch sei es wichtig, Frauen auf die Risiken von Fehlbildungen und anderen Folgeproblemen hinzuweisen. Während das Fetale Alkohol Syndrom bereits Neugeborenen anzusehen ist, sind die Folgen von Chrystal Meth oder Heroin schwerer zu erkennen. Aber der Fachmann weiß: „Bei Plazentaablösung machen wir einen Drogentest.“ Er riet dazu, regionale Netzwerke zu bilden: „Nicht jeder muss alles wissen, aber ich muss wissen, wohin ich mich wenden oder die Patientin hinschicken kann.“ Es sei richtig, bei einem Verdacht das Thema immer wieder offen, aber ohne Moralkeule anzusprechen und Frauen nicht „in Schubladen zu stecken“.

„Nicht jeder muss alles wissen, aber ich muss wissen, wohin ich mich wenden oder die Patientin hinschicken kann.“
Endometriose per Ultraschall
Nach einer Pause mit Besuch der Industrieausstellung, die zur Finanzierung des Tages wichtig ist, ging es um die Feststellung einer Endometriose per Ultraschall und die Einstufung des Befunds nach der #Enzian-Methode. Wie einfach sich dieses Instrument anwenden lässt, zeigten Dr. Friederike Vogeler und Dr. Frank Ruhland vom Gynäkologie-Kompetenzzentrum Stralsund. In einem Vier-Schritt-Verfahren lassen sich Anzeichen für Verwachsungen und sogar Herde der Endometriose erkennen. Die Ergebnisse aus Ultraschall und Laparoskopie gemeinsam brächten ein „Perfect Match“, dank dem der Operateur schon vor dem ersten Schnitt wisse, was ihn erwarte, sagte Vogeler. Sie riet dazu, das #Enzian-Verfahren zu testen: „Nach einigen Malen bekommen Sie ein Auge dafür.“
Prof. Karl Werner Fritz Schäfer vom Mammazentrum der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe am UKSH in Kiel sprach über Mamma-Sonographiebefunde in der Stillzeit. Die Therapien-Palette nach Mammakarzinom stellte Dr. Kerstin Schwarzer, Landesvorsitzende des BVF in Bremen, vor. Moderne Therapiekonzepte der Harninkontinenz stellte zum Abschluss des Fachtages Dr. Sünje Keden aus der Klinik Preetz vor.





