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Schutz vor Gewalt: sensibilisieren, vernetzen und Tabus abbauen

Die Ärztekammer Schleswig-Holstein verstärkt ihre Bemühungen zur Prävention von Gewalt im Gesundheitswesen. Ein Runder Tisch hat erste Ideen für eine Verbesserung der Situation erbracht und gezeigt, dass das Thema berufsgruppenübergreifend betrachtet werden sollte.

Dirk Schnack

Ein 23-jähriger Mann verletzte im August eine Mitarbeiterin und einen Mitarbeiter des Heider Westküstenklinikums (WKK). Das Motiv war unklar, der Täter wird in einer psychiatrischen Klinik behandelt. In einer Berliner Arztpraxis wurde zuvor ein wartender Patient laut und handgreiflich gegen eine MFA, weil  er seine Wartezeit als ungerechtfertigt lang ansah. Beides hätte auch in zahlreichen anderen Einrichtungen im Gesundheitswesen passieren können, viele Praxisinhaber, deren Mitarbeitende und das Personal in Krankenhäusern kennen solche Situationen.

Der Fall in Heide geschah nach dem Runden Tisch gegen Gewalt in der Ärztekammer Anfang Juli in Bad Segeberg, an dem u.a. Ärztin Dr. Katharina Kolbe aus dem WKK teilgenommen hatte. Für Kammerpräsident Prof. Henrik Herrmann zeigen solche Fälle, wie akut das Problem und der Handlungsbedarf sind.

Für unbewussten Machtmissbrauch sensibilisieren
„Immer wieder werden Mitarbeitende aus dem Gesundheitswesen Opfer von Gewalt, nicht nur psychisch“, sagt Herrmann. Gewalt kann von Patienten, Angehörigen oder externen Personen ausgehen, ist aber auch intern ein Thema: zwischen Kollegen und Kolleginnen, zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitenden.  „Hierbei gibt es zwei Facetten: den bewussten und unbewussten Machtmissbrauch. Das ist ein Thema, bei dem in erster Linie die Arbeitgeber gefragt sind“, sagte Herrmann. Nach seinen Erfahrungen werde der bewusste Machtmissbrauch schwer zu verhindern sein, gegen den unbewussten dagegen könne mit Sensibilisierung etwas getan werden. 

Den Präsidenten machen Aussagen von Kolleginnen und Kollegen betroffen, die aufgrund des aggressiven Verhaltens von einem veränderten Verhältnis zu Patienten berichten und befürchten, weniger empathisch zu werden.

Sensibilisiert hatte die Ärztekammer zu Jahresbeginn mit einem Schwerpunktthema im Schleswig-Holsteinischen Ärzteblatt, mit Pressemitteilungen und den Ergebnissen einer Umfrage. Herrmann hatte damals u.a. von den Arbeitgebern einen besseren Schutz des Klinikpersonals gefordert. Jetzt folgte der nächste Schritt: Die erste Auflage eines Runden Tischs zum Thema brachte Akteure aus Kliniken, Kammer und Krankenkassen, aus Ärzteschaft und Pflege zusammen. Nach dem Austausch wurden weitere Gespräche vereinbart. 

Gewalt gehört mittlerweile zum Alltag
Aus gutem Grund: Das Thema ist inzwischen über ärztliche Gesundheitseinrichtungen, Körperschaften und Fachmedien hinaus erkannt. „Das Problem von Gewalt und Aggression ist leider alltäglich“, zitierte die FAZ den Vorsitzenden der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen. Auch im Kieler Landtag stieß  das Thema auf Resonanz, nachdem die Ärztekammer Schleswig-Holstein in einer Pressemitteilung dazu Vizepräsidentin Prof. Doreen Richardt zitiert hatte, u.a. mit dem Appell: „Wer hilft, darf nicht zur Zielscheibe werden. Wir brauchen Respekt statt Aggression.“ 

Dr. Eva Schulze Heuling sitzt am Tisch.
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„Haltung und Führung durch Vorgesetzte sind wichtig. Aber es braucht auch Konsequenzen nach Vorfällen.“
 

Dr. Eva Schulze Heuling

Wie besorgniserregend der Status Quo ist, hatte auch eine Umfrage der Ärztekammer zu Jahresbeginn gezeigt. Was muss passieren, damit sich die Situation bessert? Kolbe implementiert in den Westküstenkliniken derzeit ein Schutzkonzept gegen (sexualisierte) Gewalt. Ziel sind u.a. konkrete Maßnahmen wie ein Interventionsplan und Nachsorge, Fallbesprechungen, die Einrichtung einer Ansprechstelle für anonyme Meldungen. Sie stellte die Grundzüge des Konzeptes beim Runden Tisch vor. 

Gewaltprävention als Auszeichnung begreifen
Dr. Eva Schulze Heuling aus der Notaufnahme des UKSH in Kiel wünscht sich, dass mehr Arbeitgebende im Gesundheitswesen Maßnahmen ergreifen. „Wie kommen wir dahin, dass das Thema Gewaltprävention als Auszeichnung begriffen wird?“, lautet ein Ansatz, der aus ihrer Sicht verfolgt werden sollte. Sie wünscht sich, dass Vorgesetzte als Vorbilder agieren: „Haltung und Führung durch Vorgesetzte sind wichtig. Aber es braucht auch Konsequenzen nach Vorfällen“, so Schulze Heuling. Konsequenzen, stellte sie klar, nehmen Gewaltausübenden die Macht und den Opfern die Ohnmacht. Ohne Konsequenzen würden manche Fehlverhalten nicht einstellen. „Es muss also auch gefragt werden, welche Signale man senden möchte, welche Anreize man für welches Verhalten schaffen oder abschaffen möchte.“

Prof. Doreen Richardt im Gespräch
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„Das Thema gehört zum Onboarding bei Neuzugängen: An wen kann man sich wenden bei Gewalt und Machtmissbrauch?“

Prof. Doreen Richardt

Prof. Doreen Richardt unterstützte diesen Ansatz. „Es ist frustrierend, wenn auf eine Meldung über eine Grenzverletzung nichts passiert“, sagte sie. Weil dies dennoch bei manchen Arbeitgebern der Fall ist, will die Ärztekammer als Plattform für den Austausch dienen, zugleich aber auch Ansprechpartner bieten. Auf der Homepage sind Hilfsangebote und Ansprechpersonen für Betroffene genannt. 
Aus Sicht Richardts wäre es wünschenswert, wenn schon bei der Einstellung über Gewaltprävention nachgedacht wird und neue Kolleginnen und Kollegen informiert werden, wo sie Hilfe bekommen könnten: „Das Thema gehört zum Onboarding bei Neuzugängen: An wen wen kann man sich bei Gewalt und Machtmissbrauch wenden?“

Pflicht zur Gewaltprävention
„Es müsste verpflichtend sein, dass man sich damit beschäftigt“, meint auch Marco Sander. Der Pflegewissenschaftler und die wissenschaftliche Mitarbeiterin Anna Dammermann von der Sektion für Forschung und Lehre in der Pflege an der Uni Lübeck nahmen ebenfalls am Runden Tisch teil – Gewalt betrifft schließlich nicht nur die ärztlichen Gruppen, sondern alle Berufe im Gesundheitswesen. Aus Sicht Dammermanns sollte Gewaltprävention im Sinne der Fürsorgepflicht gegenüber Mitarbeitenden und des Versorgungsauftrags gegenüber den Patientinnen und Patienten für Arbeitgeber selbstverständlich sein. Ihre Erfahrung ist allerdings: Viele Arbeitgeber beschäftigen sich erst mit dem Thema Gewalt, wenn schon etwas vorgefallen ist. 

Sören Schmidt-Bodenstein sitzt neben Dr. Gisa Andresen.
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„Das Thema muss schon Chefsache sein. Die Führungsebene muss dahinter stehen.“

Sören Schmidt-Bodenstein

Muss man sich im akutstationären Bereich anders schützen als in Langzeiteinrichtungen oder in der Praxis? Sander plädierte dafür, Awareness für das Thema zu schaffen, unabhängig vom jeweiligen Setting oder den Gründen: „Das Phänomen Gewalt ist das gleiche, auch wenn der Grund ein anderer sein kann.“ Er ging auf das oft vorgebrachte Argument ein, dass Gewaltprävention zusätzliches Personal binde, das dann etwa in der Patientenversorgung fehlen könnte. Sander dazu: „Mehr Personal allein ist nicht das Thema. Es geht um Haltung.“

Debatte in die Öffentlichkeit holen
Mit dabei war auch Sören Schmidt-Bodenstein: Der Leiter der TK-Landesvertretung ist auch Vorsitzender der Landesvereinigung für Gesundheitsförderung Schleswig-Holstein. Seine Krankenkasse unterstützt das Projekt „Partizipative Entwicklung eines Konzeptes zur Gewaltprävention“ (PEKo), über das Dammermann und Sander ein Buch geschrieben haben. Schmidt-Bodenstein wünscht sich eine Kampagne mit Testimonials, die für das Thema sensibilisieren und es in die Öffentlichkeit tragen. „Eine öffentliche Debatte trägt zur Enttabuisierung bei.“ Von der Ärztekammer wünscht er sich mit Blick auf deren Multiplikatorwirkung Hinweise auf Präventionsmöglichkeiten. Für ihn steht außerdem fest: „Das Thema muss Chefsache sein.“ Eine wirksame Gewaltprävention ohne eine dahinter stehende Führungsebene könne er sich schwer vorstellen. 

Allerdings kommt es auch auf das Team an, wie die Diskussion am Runden Tisch zeigte. Ein Team, dass einem Vorgesetzten klare Grenzen nach Überschreitungen setzt, kann nach Erfahrungen der Teilnehmenden viel bewirken. Richardt sprach in diesem Zusammenhang von der „Wertesystematik“ im Team: „Überschreitungen dürfen von unten nicht toleriert werden. Dann hat der Machtmissbrauch von oben  keine Chance.“ 
 

Marco Sander
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„Mehr Personal allein ist nicht das Thema. Es geht um Haltung.“

Marco Sander

Helfen würde es auch, wenn es einen Konsens zum Gewaltbegriff gebe – so könnten Verharmlosungen vermieden werden. Was also ist Gewalt? Sander, Dammermann und Kolbe haben sich im Anschluss an den Runden Tisch verständigt und sind sich einig: „Gewaltdefinitionen sind individuell, haben keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit und sind nie abgeschlossen.“ Ein partizipativ entwickeltes Gewaltverständnis ist für sie der erste Schritt, sich dem Thema zu nähern, zu sensibilisieren und sicherzustellen, dass alle über Ähnliches sprechen.  Und: Gewaltdefinitionen dienen als Arbeitsgrundlage, Präventionsmaßnahmen zu entwickeln und Nachsorgekonzepte zu erstellen. So definieren sie Gewalt: 

Gewalt im Gesundheitswesen ist ein komplexes und oft mehrdeutiges Phänomen, das nicht nur offensichtliche körperliche Übergriffe umfasst. Darunter fällt jede Handlung, Unterlassung oder Struktur, durch die einer Person physischer, psychischer, sozialer oder wirtschaftlicher Schaden, Leid oder Benachteiligung zugefügt wird – unabhängig davon, ob dies bewusst oder unbewusst geschieht. Sowohl unterstützungsbedürftige Menschen als auch Angehörige und Beschäftigte im Gesundheitswesen können von Gewalt betroffen sein oder sie ausüben – etwa infolge von Stress, Unwissenheit oder aus struktureller Überforderung heraus.

Formen von Gewalt sind unter anderem:

  • körperliche (z.B. grobes Anfassen)
  • freiheitsentziehende Maßnahmen (z.B. Entzug von Hilfsmitteln, wie Rollatoren oder Brille)
  • psychische (z. B. Machtmissbrauch, Demütigungen, Mobbing/Cybermobbing)
  • Vernachlässigung (z. B. mangelhafte Versorgung, bewusstes Ignorieren)
  • sexualisierte Gewalt (z.B. anzügliche Bemerkung)
  • Verletzung der Intimsphäre (z.B. Visite während Körperpflege)
  • finanzielle Ausbeutung (z.B. Überreden zu Geschenken, Zugriff auf eigenes Vermögen begrenzen)
  • strukturelle und systemische Gewalt (z. B. durch Personalmangel, unflexible Vorgaben der Tagesstruktur)

Wichtig: Gewalt ist oft nicht sichtbar. Was als Gewalt empfunden wird, hängt von individuellen, kulturellen und gesellschaftlichen Faktoren ab. Die Wahrnehmung der Betroffenen steht im Mittelpunkt. Ein bewusster und sensibler Umgang mit dem Thema ist entscheidend für ein respektvolles und gesundes Miteinander. Achtsamkeit, Offenheit und kritische Selbstreflexion sind die ersten Schritte zur Gewaltprävention.“
 

Diskutiert wurde am Runden Tisch auch die Frage, in welchen Fällen eine Meldestelle für gewalttätige Übergriffe helfen könnte. Für Kolbe kommt es auf die Intention dieser Stelle an. Essenziell für jeden Menschen im medizinischen System wäre aus ihrer Sicht ein niedrigschwelliger Zugang. „Manchmal geht es tatsächlich nur darum, dass einem wertschätzend zugehört wird, manchmal geht es um die Umsetzung weitreichender Konsequenzen wie Hausverboten oder Anzeigen“, gab Kolbe zu bedenken. Eine Meldestelle zur Erfassung der Vorfälle könne schon helfen zu zeigen, wie relevant und verbreitet das Thema ist. So könnten mehr Ressourcen für die Prävention und Intervention generiert werden, damit gewaltvolle Situationen reduziert und Betroffene unterstützt werden könnten. 
 

Prof. Henrik Herrmann
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„Wir müssen die Arbeitgeber fragen: Kümmert Ihr Euch um das Thema?"

Prof. Henrik Herrmann

Fest steht: Bislang sind solche Meldestellen nicht weit verbreitet – auch, weil das Thema im Gesundheitswesen noch tabuisiert wird. Was hat der Austausch bewirkt? Für Kammerpräsident Herrmann wurde deutlich, wie groß der Hilfebedarf beim Thema Gewalt im Gesundheitswesen ist. Zu den zahlreichen  Ideen und Ansätzen meinte er anschließend: „Wir brauchen wahrscheinlich alles.“
Für Richardt haben sich die Erwartungen an den ersten Runden Tisch erfüllt: „Das Gespräch hatte eine Dynamik, das Themenspektrum reichte von physischer Gewalt bis zu Machtmissbrauch. Wir hatten einen offenen Dialog und sind uns einig, dass die Ärztekammer Plattform für weitere Gespräche sein wird. Betroffenen Ärztinnen und Ärzten wollen wir als Kammer einen geschützten Raum bieten.“

Anna Dammermann
©Jörg Wohlfromm

„Viele Arbeitgeber beschäftigen sich erst mit dem Thema Gewalt, wenn schon etwas vorgefallen ist."

Anna Dammermann

Dr. Gisa Andresen, ärztliche Geschäftsführerin der Ärztekammer und als frühere leitende Oberärztin mit dem Thema im Klinikalltag vertraut, hob die bestehenden Angebote unterschiedlicher Institutionen hervor. Das sei zwar zu begrüßen, aber: „Jeder macht Seins, und meist wissen die anderen nichts davon.“ Es gelte, die Angebote bekannter zu machen und zu vernetzen. Auf der Homepage der Ärztekammer folgt mit der Nennung von Hilfsangeboten ein weiterer Schritt. Das nächste Gespräch am Runden Tisch in Bad Segeberg wurde bereits vereinbart. 

Prof. Doreen Richardt: Unsere Mittel gegen Gewalt

Gewalt im Gesundheitswesen wird medial immer mehr zum Thema. Die Ärztekammer Schleswig-Holstein arbeitet mit anderen Akteuren an präventiven Lösungen und bietet Vernetzung. Warum das wichtig ist und was außerdem helfen könnte, beantwortet Vize-Präsidentin Prof. Doreen Richardt im Podcast.

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