
Schulbauchweh und ADHS aus dem Internet
Stress, Ängste, Zukunftssorgen – wenn Renke Döhren sich in seinem Umfeld umschaut, findet er kaum jemanden ohne Belastungen. Der Abiturient ist Landesschülersprecher der Gemeinschaftsschulen, die psychische Gesundheit seiner Altersgenossen treibt ihn und die Sprecher der anderen Schularten um: „In den vergangenen Jahren war das ein Hauptthema für uns“, sagt er. Rund jeder fünfte Jugendliche leidet laut Studien unter psychischen Auffälligkeiten, ein Teil davon kann sich zu Störungen oder Krankheiten ausweiten.
Döhren glaubt, dass die Zahlen sogar noch höher sein könnten: „Es gibt eine Dunkelziffer.“
Was der Schülersprecher beschreibt, beunruhigt auch die Lehrerschaft. „Einige Jugendliche leiden unter Angst- oder Essstörungen, verletzen sich vielleicht selbst. Im Unterricht ziehen sie sich zurück, während andere ihren Frust, ihre Wut und Verzweiflung nach außen zeigen“, sagt Kerstin Quellmann, selbst Lehrerin und Co-Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Für den Umgang sowohl mit der einen als auch mit der anderen Gruppe seien die Schulen „nicht gut aufgestellt“.

„Jeder Jugendliche ohne Abschluss ist einer zu viel.“
In den kinderärztlichen Praxen kommt die „Welle“, so nennt es Dr. Ralf van Heek, ebenfalls an. Viele Kinder kämen mit somatischen Beschwerden: „Die Jüngeren haben Bauchweh, die Älteren Kopf- oder Rückenschmerzen.“ Fehlt ein Kind häufiger wegen solcher Leiden, verlangt die Schule oft ein Attest. Dann sind die Kinderärzte gefordert. „Einfach das Attest auszustellen, ist natürlich das Gegenteil von dem, was wir wollen“, sagt der Pädiater.
Denn das Problem des Schulabsentismus, also das dauerhafte Fernbleiben vom Unterricht, wächst ebenfalls. „Jeder Jugendliche ohne Abschluss ist einer zu viel“, sagt Bildungsministerin Dr. phil. Dorit Stenke (CDU). Das Land hat dafür mehrere Programme aufgelegt, die Jugendlichen die Chance bieten, auf Umwegen den Abschluss zu erreichen. Auch die Kreise hätten Präventionsprogramme entwickelt, berichtet van Heek. „Aber wenn es ein ärztliches Attest gibt, das das Fehlen entschuldigt, dann greifen die nicht.“ Die kinderärztliche Praxis muss daher die Weichen auf dem Weg zur Hilfe stellen.
Körperliche Ursachen der Krankheit ausschließen
Zuerst gelte es auszuschließen, dass sich hinter dem „Schulbauchweh“ nicht doch eine körperliche Krankheit verbirgt. Diese Untersuchung sollte „sorgfältig, aber mit vernünftigem Aufwand“ verbunden sein, so van Heek: „Wir müssen Eltern und Kindern die Angst nehmen, aber auch ein Ende finden, wenn es Anzeichen für psychosomatische Faktoren gibt.“ Dann braucht es Hilfen, die es in Schleswig-Holstein durchaus gibt (s. auch Seite 11).
„Einfach das Attest auszustellen, ist natürlich das Gegenteil von dem, was wir wollen.“
Ein Punkt, an dem viele Akteure Handlungsbedarf sehen, sind die Sprachkenntnisse, mit denen Kindern eingeschult werden. Denn wenn sie im Unterricht nichts verstehen, sorgt das für Frust, der sich zu einer Erkrankung auswachsen kann. Es geht dabei nicht nur um Kinder mit Migrationshintergrund: Viele der Sechsjährigen sind zwar mit deutscher Muttersprache aufgewachsen, können aber „bestimmte Laute nicht richtig aussprechen oder tun sich schwer damit, längere Sätze zu bilden“, berichtete der NDR über die Schuleingangsuntersuchung im Sommer 2025.
60 Prozent der Vierjährigen brauchen Förderung
Um betroffene Kinder frühzeitig zu finden, lädt die Schulbehörde in Hamburg schon Vierjährige verpflichtend zum Test ein. So sollen Sprachfähigkeiten und Kompetenzen in sozialen Bereichen erfasst werden. In Schleswig-Holstein startete die heutige Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) ein entsprechendes Modellprojekt. In zehn Kitas in sozialen Brennpunkten wurden 188 Kinder getestet. Das erschreckende Ergebnis: Bei rund 60 Prozent fanden sich Defizite und Förderbedarf. Gemeinsam sprachen sich Priens Nachfolgerin Stenke und Sozialministerin Aminata Touré (Grüne) dafür aus, das Programm „Entwicklungsfokus Viereinhalb“ (EVi) fortzusetzen. „Wir wollen alle Kinder so stärken, dass sie den Schulstart gut hinbekommen“, sagt Touré.
Eine Reha kann den gesamten Lebensweg von Kindern und Jugendlichen positiv beeinflussen. Dr. Petra Schulze-Lohmann von der Landesvereinigung für Gesundheitsförderung in Schleswig-Holstein und Dr. Ralf van Heek, Vorsitzender des Landesverbandes der Kinder- und Jugendärztinnen in Schleswig-Holstein, berichten im Podcast, wann eine Reha hilft und wer sie bekommt.
Ralf van Heek sieht das Projekt mit gemischten Gefühlen: „Wir machen die Sprachstanderhebung längst – sie ist Teil der jährlichen Vorsorgeuntersuchungen.“ Diese Termine nehmen deutlich mehr als 90 Prozent der Eltern wahr, „eine Chance, flächendeckend alle Kinder zu erreichen“. Denn gerade Kinder aus Familien, in denen Probleme wie Armut oder Bildungsferne bestehen, fehlen in der Kita. „Wir sehen das mit Sorge“, sagt van Heek. Werden Sprachdefizite festgestellt, kann der Arzt bei einer körperliche Ursache Hilfe verordnen. Liegt es an sozialen Gründen, bleibt die Information in der Praxis – aus Datenschutzgründen. Natürlich sei das wichtig und das Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und Ärztin oder Arzt dürfe nicht beschädigt werden, betont van Heek. „Aber wäre es nicht jedenfalls möglich, wenn wir ein Formular ausfüllen könnten, mit dem Eltern die Förderung für ihre Kinder beantragen können?“
EVi: Skepsis in den Ministerien
Eine Nachfrage zeigte, dass die Fachleute in den Ministerien für Soziales und Bildung skeptisch bleiben: Die U-Untersuchungen in den pädiatrischen Praxen und die Prüfung in der Kita seien in ihrer diagnostischen Ausrichtung unterschiedlich, schließlich würden bei EVi auch soziale, motorische, mathematische, künstlerische und naturwissenschaftliche Kompetenzen getestet. Ob die Daten der Ärzteschaft genutzt werden könnten, müsse angesichts ihrer Sensibilität geprüft werden. Falls es ein anderes Verfahren gebe, müsse auch das Gesundheitsministerium eingebunden werden, heißt es in der Antwort – es bleibt also kompliziert. EVi soll ab dem Schuljahr 2028/29 landesweit verbindlich eingeführt werden, erreicht damit also zumindest die Kinder in den Kitas.
Laut Schulbarometer 2024 der Robert-Bosch-Stiftung empfinden 27 Prozent der Jugendlichen die eigene Lebensqualität als „gering“. Cybermobbing und die unerreichbare Messlatte, die Videos stets perfekt aussehender Menschen darstellen, wirken offenbar auf Mädchen besonders stark.
Einig sind sich alle Beteiligten, dass es sich bei den psychischen Leiden im Jugendalter um ein gesellschaftliches Phänomen handelt, das gemeinsam angegangen werden muss. Ein oft diskutiertes Thema ist die Mediennutzung. Kinderärzte wünschen sich, dass zumindest die Kleinsten vom Geflimmer verschont werden, der BVKJ hat dazu die Initiative „Bildschirmfrei bis drei“ ins Leben gerufen. Auf Antrag Schleswig-Holsteins diskutierte der CDU-Bundesparteitag über Social-Media-Verbote für bestimmte Altersgruppen. Stenke sieht ein „Vollzugsdefizit“ auf Seiten der Plattformen: Sie seien schon jetzt in der Pflicht, Altersgrenzen durchzusetzen, sagte sie dem Schleswig-Holsteinischen Ärzteblatt. Zugleich appellierte sie an Eltern, ihre Verantwortung für die psychische und soziale Gesundheit anzunehmen: „Sie sind Vorbilder für das Medienverhalten ihrer Kinder.“
Social-Media-Verbot umstritten
Fachleute sehen die Frage eines Verbots differenziert: „Es scheint so zu sein, dass Social-Media-Nutzung die Probleme bei denen, die ohnehin unsicher oder traurig sind, durch Algorithmen und Filterblasen verstärkt“, sagt Dr. Manuel Munz, Leiter der Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik des Kindes- und Jugendalters am Kieler ZIP. „Wer fit ist, zieht durchaus Nutzen daraus.“ Andrea Rothenburg, Filmemacherin und Vorsitzende des Vereins „Psychiatrie in Bewegung“, hält ein Verbot für aus der Zeit gefallen: „Viertklässler sollen Power-Point-Präsentationen machen, mit 16 dürfen Jugendliche wählen. Man kann das Internet nicht verbieten, sondern muss Medienkompetenz vermitteln.“ Auch aus Sicht der Jugendlichen bringt ein Verbot nicht viel: Werde das Handy aus der Schule verbannt, werde das Problem „aus der Schule in den Alltag danach verdrängt, und dort ist es ist abhängig vom Elternhaus, wie damit umgegangen wird“, sagt Schülersprecher Renke Döhren. „Wir müssen aufklären, statt zu verbieten.“ Denn Smartphones und die vielen Apps darauf ließen sich nicht aus dem Alltag verdrängen.
„Gerade bei ihnen (Jungen) dürfen psychische Erkrankungen nicht weiter stigmatisiert werden.“
Gleichzeitig wird zunehmend immer deutlicher, wie sich die Reizüberflutung durch Bilder und zugespitzte, teils falsche Nachrichten auf Heranwachsende auswirken. Laut Schulbarometer 2024 der Robert-Bosch-Stiftung empfinden 27 Prozent der Jugendlichen die eigene Lebensqualität als „gering“. Cybermobbing und die unerreichbare Messlatte, die Videos stets perfekt aussehender Menschen darstellen, wirken offenbar auf Mädchen besonders stark. Der jüngste DAK-Kinder- und Jugendreport zeigt, dass in Schleswig-Holstein 68 von 1.000 der 15 bis 17-Jährigen wegen einer Angststörung ambulant oder stationär behandelt werden. Die Zahl jugendlicher Mädchen, die zeitgleich an einer Angststörung und einer Depression litten, erhöhte sich 2024 im Vergleich zu 2019 um rund 107 Prozent. Die Behandlungszahlen jugendlicher Mädchen mit Depressionen stiegen 2024 im Vergleich zu 2019 um gut 18 Prozent.
Jungen brechen Therapie früher ab
Aber auch Jungen leiden. „Gerade bei ihnen dürfen psychische Erkrankungen nicht weiter stigmatisiert werden“, sagt Oliver Soyka, Chefarzt der Fachklinik für Junges Leben der Diakonie Nord-Nord-Ost in Lübeck. Seit 15 Jahren widmet sich die Station „Poseidon“ den männlichen Jugendlichen. Denn die stehen unter besonderem Druck, glauben tradierte Rollenbilder erfüllen zu müssen, holen sich später Hilfe als Mädchen, brechen Therapien früher ab, berichtete Sonia Ludewig, leitende Psychologin der Fachklinik, bei einem Symposium aus Anlass des 15. Gründungstages. Die Station arbeitet nach den Prinzipien der Dialektisch-Behavioralen Therapie, die für Borderline-Symptome entwickelt wurde.
So wichtig es ist, die schwer Betroffenen – darunter Kinder mit Traumata, etwa nach Gewalt in der Familie oder einer Flucht – rechtzeitig zu erkennen und ihnen zu helfen, so wichtig ist es gleichzeitig, normale Zustände nicht zu pathologisieren. Denn das passiere durchaus, sagt Lehrerin Kerstin Quellmann. Getriggert etwa durch Influencer, die auf Social-Media-Plattformen von eigenen Krankheiten erzählen, „gehen die Jugendlichen stark in die Selbstbeobachtung, und am Ende haben dann alle ADHS“. Dann sei es Aufgabe von Lehrkräften, Eltern und Ärzteschaft, „aufzuklären, dass es in Ordnung ist, nicht ständig guter Laune zu sein und dass man mal müde sein darf – ganz ohne Depressions-Diagnose“.





