Ein schlanker Mann in dunklem Anzug und weißem Hemd posiert vor weißem Hintergrund in einem Foyer.
Prof. Alexander Katalinic © Guido Kollmeier
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Prof. Alexander Katalinic © Guido Kollmeier

„Qualität des Hautkrebs-Screenings ist nicht ausreichend“

Der Nutzen des für Versicherte kostenlosen Hautkrebs-Screenings ist umstritten. Eine aktuelle Analyse von Melanom-Sterblichkeitsraten unter maßgeblicher Beteiligung der Universität Lübeck zeigt nun: Statistisch lässt sich für Deutschland kein Vorteil durch das Screening nachweisen.

Uwe Groenewold

2008 führte Deutschland ein bundesweites Hautkrebs-Screening ein: eine visuelle Ganzkörperuntersuchung alle zwei Jahre für Menschen ab 35 Jahren – unabhängig vom individuellen Risiko. Rund 32 Prozent der Anspruchsberechtigten nutzen diese kostenlose Vorsorge, die seit Langem wegen eines zweifelhaften Nutzens und hoher Kosten umstritten ist. Eine aktuelle Studie aus JAMA Dermatology, an der maßgeblich die Institute für Krebsepidemiologie sowie Sozialmedizin und Epidemiologie der Universität Lübeck und Epidemiologen aus Niedersachsen beteiligt waren, belegt: Die Analyse von Melanom-Sterblichkeitsraten in Deutschland und neun Nachbarländern zeigt keinen statistisch nachweisbaren Vorteil für Deutschland seit Einführung des Screenings. Die Mortalität sinkt zwar – aber das tut sie in allen Ländern, also auch dort, wo es gar kein bevölkerungsweites Screening gibt. Lübecks Institutsleiter Prof. Alexander Katalinic ordnet im Interview mit dem Schleswig-Holsteinischen Ärzteblatt die Ergebnisse der Studie ein und gibt einen Ausblick.

Was war der Anlass, das seit Langem in der Kritik stehende Hautkrebs-Screening erneut wissenschaftlich zu überprüfen?

Die aktuelle Diskussion hat uns dazu bewogen, die Entwicklung der Melanom-Sterblichkeit in Deutschland noch einmal näher unter die Lupe zu nehmen. Hautkrebs und das Hautkrebs-Screening (HKS) sind für unser Institut seit vielen Jahren ein wichtiges Forschungsfeld. Wir haben hier mehrere Forschungsprojekte wie die SCREEN-Studie oder das Innovationsfonds-Projekt PERTIMO durchgeführt und Ergebnisse zum Thema publiziert. Dabei interessiert uns besonders die Frage der Wirksamkeit eines HKS. Das HKS wird in der entsprechenden S3-Leitlinie einerseits empfohlen, weil es Evidenz zur Wirksamkeit gibt, aber anderseits sind in Deutschland keine positiven Effekte eines HKS zu erkennen. 

Wie ist dieser Widerspruch zu erklären?

Es gibt in der Medizin immer wieder Beispiele, in denen eine Intervention unter Idealbedingungen wirksam ist, sich auf Bevölkerungsebene der gewünschte Effekt nicht einstellt. Das HKS scheint unter Idealbedingungen wirksam zu sein; das hat das in Schleswig-Holstein durchgeführte SCREEN-Modellprojekt gezeigt. Im Zuge der nationalen Umsetzung des HKS konnten vergleichbare Effekte jedoch nicht beobachtet werden. 

Woran liegt das?

Das kann verschiedene Gründe haben: Die Umsetzung vom Modellprojekt in die Regelversorgung ist nicht ausreichend gelungen, die Teilnahmeraten um die 30 Prozent sind zu niedrig, es gehen die „falschen“, sprich gesünderen Menschen zum Screening oder die Qualität des Screenings ist einfach unzureichend. Fakt ist, dass trotz prinzipieller Wirksamkeit des Hautkrebsscreenings ein bevölkerungsweiter positiver Effekt derzeit nicht erkennbar ist. 

Warum wurden in der Studie Zahlen aus Deutschland mit neun Nachbarländern verglichen, die kein bevölkerungsweites Screening anbieten?

Der Grundgedanke unserer Studie ist recht einfach: Wenn das HKS so wirkt, wie es auf Basis von Simulationsstudien zu erwarten wäre, müsste die Melanom-Sterblichkeit in Deutschland rückläufig sein. Da diese auch von anderen Faktoren abhängen kann wie etwa den neuen Immuntherapien, war eine Vergleichspopulation erforderlich. Es lag nahe, benachbarte Länder zu wählen, die kein HKS, aber eine ähnliche Gesundheitsversorgung haben. Die Hypothese war, dass sich die Melanom-Sterblichkeit in Deutschland positiver entwickelt als bei den Nachbarn.

Wie wurde die Melanom-Sterblichkeit berechnet? Kam in allen Ländern ein identisches Verfahren zur Anwendung?

Todesursachen werden in Europa hoch standardisiert erhoben und sind über die Europäische Kommission beziehungsweise WHO verfügbar. Um Unterschiede in der Altersstruktur zwischen den Ländern auszugleichen, wurden die Mortalitätsraten altersstandardisiert. Im zeitlichen Verlauf wurde für Deutschland und die Nachbarländer der Mortalitätstrend ermittelt und jeweils zusammengefasst.

In allen untersuchten Regionen ist die Sterblichkeitsrate gesunken. Welche Faktoren könnten diesen allgemeinen Rückgang erklären?

Hier diskutieren wir zwei Faktoren. Zum einen gibt es seit mehr als zehn Jahren mit den Immuntherapien neue Therapieoptionen. Wir konnten in einer Publikation zeigen, dass sich das Überleben nach Hautkrebs seit den 2010er Jahren verbessert hat. Zum anderen gibt es auch in den Nachbarländern Aktivitäten im Bereich Hautkrebs, etwa Aufmerksamkeitskampagnen wie den Melanoma-Day. 

Was bedeutet es nun, dass die Analyse keinen statistisch signifikanten Unterschied in der Melanom-Sterblichkeit zwischen Deutschland und den Kontrollländern ergeben hat? 

Die Ergebnisse zeigen, dass die Mortalitätsentwicklung in Deutschland und den Nachbarländern nahezu identisch ist. In der Konsequenz heißt das: Das HKS in Deutschland war nicht in der Lage, die Melanom-Sterblichkeit weiter zu senken, als dies durch Therapien oder Aufmerksamkeitskampagnen möglich ist. 

Welche Rolle spielt die niedrige Teilnahmequote beim Screening? Andersherum gefragt: Wäre die Melanom-Sterblichkeit bei einer höheren Beteiligung eventuell stärker rückläufig?

Eine hohe Teilnahmerate ist ein wichtiger Faktor für die Wirksamkeit eines bevölkerungsbasierten Screenings. Aber wenn die Untersuchungsqualität nicht stimmt, dann wird auch eine höhere Teilnahme die Melanom-Sterblichkeit nicht senken können.

Ergebnisse aus Schleswig-Holstein wurden in der aktuellen Studie ausgeschlossen. Warum?

In Schleswig-Holstein hat das SCREEN-Modellprojekt unter unserer Leitung bereits im Jahr 2003 begonnen, es war die seinerzeit weltweit größte Untersuchung zum HKS mit mehr als 360.000 Teilnehmern. Das damalige HKS unterschied sich deutlich vom heutigen Screening – es waren mehr Ärztegruppen beteiligt und es gab eine große Aufmerksamkeitskampagne. Um zu vermeiden, dass solche Faktoren die Beurteilung des heutigen HKS verfälschen, wurden Ergebnisse aus Schleswig-Holstein konsequenterweise ausgeschlossen.

In der Schlussfolgerung der Studie heißt es, dass die Ursachen der schlechten Performance untersucht werden sollten. Welche Hypothesen haben Sie selbst?

Leider fehlt es hier an guten Daten, weil es für das HKS kein Qualitätsmanagement gibt, so wie wir das beim Brustkrebs-Screening kennen. Viele Fragen sind offen: Werden alle Screeningteilnehmer von Kopf bis Fuß untersucht? Klappt die Zweistufigkeit des HKS mit Überweisung von Haus- zu Hautarzt? Reicht die einmalige Schulung der Screeningärzte, um Hautkrebs mit ausreichender Sicherheit zu erkennen? Wie soll ein Screeningarzt wissen, ob seine Performance gut ist, wenn es keine systematische Rückmeldung zu erhobenen Auffälligkeiten gibt? Die Gründe sind sicher multifaktoriell, aber insgesamt scheint die Qualität des HKS nicht ausreichend hoch zu sein.

Was also tun? Halten Sie ein risikobasiertes Screening aus epidemiologischer Sicht für sinnvoller als das aktuelle universelle Modell?

Wenn wir mit dem aktuellen Modell bedeutsame Effekte erreichen wollen, müsste neben einer Qualitätssteigerung auch die Teilnahmerate gesteigert werden – mindestens verdoppelt. Aber schon jetzt sind die Hautarztpraxen voll, wie soll das gehen? Mit einem risikoadaptieren Screening, dass etwa 30 Prozent der Bevölkerung mit dem höchsten Risiko adressiert, könnten dagegen rund 80 Prozent aller Hauttumore entdecken werden. Ich plädiere daher dafür, ein risikoadaptiertes Modell zu entwickeln und zu evaluieren.

Was lässt sich – auch mit Blick auf die angespannte Finanzlage im deutschen Gesundheitssystem – aus den Ländern lernen, die auch ohne Screening sinkende Mortalitätsraten verzeichnen?

Ein „Weiter so“ mit dem HKS in Deutschland halte ich anhand fehlender Effekte und hoher Kosten von mehr als 200 Millionen Euro pro Jahr für nicht vertretbar. Andere Länder zeigen, dass es zumindest hinsichtlich der Sterblichkeit auch ohne HKS geht. Dennoch bin ich überzeugt, dass man das HKS mit einer intelligenten Risikoadaption unter Einbindung neuer, KI-basierter Technologien so verbessern kann, dass die Melanom-Sterblichkeit weiter gesenkt werden kann und weitere positive Effekte wie eine deutliche Kostensenkung erreicht werden können.

Was sollten Hausärztinnen und Hausärzte aus den Studienergebnissen für ihre Praxis ableiten?

Folgt man der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin DEGAM, bekräftigen unsere Ergebnisse deren Sondervotum in der S3-Leitlinie: „Es soll kein anlassloses HKS angeboten werden.“ Soweit würde ich jedoch nicht gehen. Ich würde mich freuen, wenn unsere Ergebnisse dazu führen, dass wir das HKS gemeinsam noch einmal überdenken und verbessern, bevor es einfach abgeschafft wird.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Studie
In der vergleichenden Wirksamkeitsstudie „Population Skin Cancer Screening and Melanoma Mortality Rates“ (JAMA Dermatology, 2026, DOI: 10.1001/jamadermatol.2026.1527) mit Bevölkerungsdaten aus Deutschland (79,1 Millionen Menschen) und neun Nachbarländern (164,8 Millionen Menschen) wurden Trends der altersstandardisierten Melanom-Sterblichkeitsraten zwischen 2009 und 2022 verglichen. Es wurde kein statistisch signifikanter Unterschied in der jährlichen prozentualen Veränderung der Melanom-Sterblichkeit festgestellt, Deutschland lag im Durchschnitt (-1,8 % jährlich) sogar noch hinter den Nachbarländern (-2,2 % jährlich). Aktuell sterben am kutanen Melanom rund 1900 Männer und 1300 Frauen jährlich in Deutschland.

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