
„Ich erlebe den Beruf als sehr sinnstiftend“
Dr. Christine Heisterkamp liebt ihren Beruf. Als freiberufliche forensische Gutachterin pendelt die Lübecker Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie Tag für Tag zwischen Gesprächen mit Probanden – oft in Untersuchungsgefängnissen oder forensischen Kliniken –, dem Aktenstudium am heimischen Schreibtisch und Verhandlungen bei Gericht. Denn auf ihre fachärztliche Einschätzung kommt es dort an.
Justiz braucht psychiatrischen Sachverstand
„Die psychiatrischen und psychologischen Sachverständigen sind für uns unverzichtbar“, sagt der Kieler Oberstaatsanwalt Dr. Achim Hackethal. „Bei der Frage der Schuldfähigkeit, der Prognose mit Blick auf die Gefährlichkeit, der Frage der Unterbringung in einer Klinik oder der Sicherungsverwahrung sind wir immer auf medizinische Expertise angewiesen.“ Auch die Beurteilung von Zeugenaussagen sei ohne psychologischen Sachverstand nicht zu lösen, wenn man es beispielsweise mit Menschen mit einer Borderline-Erkrankung, Kindern oder hochbetagten, demenzkranken Opfern zu tun habe.

„Die psychiatrischen und psychologischen Sachverständigen sind für uns unverzichtbar.“
Seit Beginn der Coronapandemie verschärfe sich die Lage stetig, sagt Hackethal. Konkret beziffern lasse sich das nicht, aber „wir haben den Eindruck dass gerade im Bereich der Tötungs- und der schweren Gewaltdelikte mehr Menschen mit psychiatrischen Vorerkrankungen aktiv werden“. Entsprechend steige die Zahl der Verfahren, in denen über Schuldfähigkeit und Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus geurteilt werden müssen. „Hier brauchen wir mehr Gutachter.“
Verfahren werden immer komplexer
Gleichzeitig seien die Verfahren komplexer geworden. Mehr Ermittlungsmöglichkeiten, mehr Daten und dadurch längere Hauptverhandlungen, in denen die wenigen verfügbaren Sachverständigen – Hackethal spricht von „immer denselben“ fünf bis zehn, auf die etwa die Staatsanwaltschaft Kiel zurückgreife – entsprechend länger gebunden seien. „Die stehen dann für andere Gutachten nicht zur Verfügung.“ Das deckt sich mit der Aussage von Gutachterin Heisterkamp: Jeden zweiten Auftrag müsse sie aus Zeitgründen mittlerweile ablehnen, sagt sie.
Sollte der Mangel nicht behoben werden, sieht Hackethal Konsequenzen auf die Gesellschaft zukommen: „Es kann beispielsweise dazu kommen, dass wir Verfahren nicht fristgerecht durchführen können und deshalb Menschen aus formalen Gründen aus der Untersuchungshaft entlassen müssen. Mit den damit verbundenen Risiken.“ Aus seiner Sicht noch problematischer sei es, dass unter der zeitlichen Überforderung der wenigen Sachverständigen möglicherweise die Qualität der Gutachten leide. „Dann könnten wir bei den Prognosegutachten, also der Beurteilung der Gefährlichkeit von Menschen, zu falschen Ergebnissen kommen – und das meine ich in beide Richtungen. Das ist etwas, was die Gesellschaft sehr schnell spüren kann.“

„Als Gutachterin lernt man schnell, dass die eigene Lebenswirklichkeit nicht einfach als allgemeingültig angesehen werden kann.“
Gutachterinnen wie Heisterkamp haben also eine enorme Verantwortung. Für die Opfer, die Beschuldigten und für die Gesellschaft. Wie geht sie damit um? „Ich bereite mich sorgfältig auf jede Verhandlung vor und tausche mich regelmäßig mit Fachkollegen aus.“
An mindestens drei Tagen pro Woche ist die Ärztin in Hauptverhandlungen eingebunden, an den anderen Tagen führt sie Explorationen durch. Konkret heißt das: „Ich suche die Probanden in Haftanstalten in Schleswig-Holstein, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern oder in verschiedenen Kliniken des Maßregelvollzugs auf – oder lade Probanden, die nicht festgesetzt worden sind, in meine Praxis ein.“ Angst habe sie noch nie während einer Exploration verspürt, im Gegenteil: „Ich gehe wertschätzend mit meinen Probanden um. Es sind Menschen, und Menschen haben mehrere Seiten.“ Manche Lebensgeschichten verliefen sehr schwierig und viele ihrer Probanden litten an schweren psychischen Erkrankungen. „Als Gutachterin lernt man schnell, dass die eigene Lebenswirklichkeit nicht einfach als allgemeingültig angesehen werden kann.“
„Gerade bei Gewaltdelikten muss man sich als Gutachter auch sehr mit seinen eigenen Affekten auseinandersetzen, um neutral bleiben zu können.“
Die Zusatzbezeichnung forensische Psychiatrie ist detailliert in der Weiterbildungsordnung geregelt. Der praktische Einstieg als Sachverständige vor Gericht ist aber nicht einfach und kann mit Berührungsängsten verbunden sein. Wie gelang Heisterkamp der Einstieg? „Durchs Machen“, sagt sie. Sie habe erfahrene Kollegen begleitet, viel gefragt, die Möglichkeit der Supervision in der Forensischen Klinik Neustadt genutzt. „Ich habe die Kolleginnen und Kollegen als sehr hilfsbereit und unterstützend erlebt, auch das Feedback von Juristen war sehr wertvoll.“
Professioneller Austausch senkt Fehlerrisiko
Einen professionellen Austausch unter Fachkolleginnen und -kollegen hält auch Dr. Wilhelm Tophinke, Chefarzt des AMEOS Klinikums für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie in Neustadt und langjähriger forensischer Gutachter, für eine wesentliche Voraussetzung qualitativ hochwertiger Gutachten. „Fehler passieren dann, wenn man ein Gutachten schreibt, ohne sich auszutauschen“, sagt der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, erfahrene Forensiker, Suchtmediziner und Ethikberater. „Man bringt eigene Affekte hinein, übersieht Sachen und kann sich in diesem Spannungsfeld zwischen Psychiatrie, Juristerei und der Vermittlung des eigenen Wissens verlieren.“ Die hohe mediale Aufmerksamkeit bei strafrechtlichen Gutachten erhöhe den Druck zusätzlich.

„Es ist sehr hilfreich, sich supervidieren zu lassen. Um mit Situationen fertigzuwerden, die einen menschlich mitnehmen.“
Deshalb gründete er den gutachterlichen Austausch in Neustadt, bietet dort und in seinen regelmäßigen Seminaren in der Klinik einen Raum für offene Gespräche. „Gerade bei Gewaltdelikten, die sehr widerwärtig sein können, muss man sich als Gutachter auch sehr mit seinen eigenen Affekten auseinandersetzen, um neutral bleiben zu können.“ Das sei mitunter schwierig. „Und zumindest in solchen Gruppen kann man sich ehrlich machen und sagen, wie man das wirklich findet.“
Klinik-Mitarbeiterin Antonia Wegwerth bestätigt diese Einschätzung. „Es ist sehr hilfreich, sich supervidieren zu lassen. Um mit Situationen fertig zu werden, die einen ja menschlich mitnehmen. Gewalt, Zwänge, Sexualdelikte, Kindesmissbrauch.“ Die Rechtspsychologin steht noch am Anfang ihrer gutachterlichen Karriere. Sie erinnert sich lebhaft an ihre erste Begutachtung. „Ein sehr Distanz geminderter älterer Mann versuchte, mir einen Schuh auszuziehen. Früher wäre ich vermutlich schreiend weggelaufen.“ Mit ihrer Erfahrung aus dem täglichen Umgang mit den forensischen Patienten – es gibt in der forensischen Abteilung in Neustadt keine Patientinnen – habe sie ihn einfach gebeten, damit aufzuhören – „und das hat er dann getan“.
Hohe Verantwortung – hohe Wertschätzung
Viel Arbeit, hohe Verantwortung, die tägliche Konfrontation mit menschlichen Abgründen: Was fasziniert die Forensiker trotz dieser Herausforderungen an dem Beruf? „Ich habe eine tiefe Neugierde am Menschen und ich mag die Arbeit im Gericht. Wir werden als Sachverständige sehr wertgeschätzt“, sagt Heisterkamp. Wie Tophinke hebt sie die Freiheit hervor, sich als Gutachter die (Arbeits-)Zeit selbst einteilen zu können – und nicht zuletzt die Honorierung. „Ich erlebe den Beruf als sehr sinnstiftend“, sagt Heisterkamp. „Ist das jemand, der dauerhaft gefährlich ist für die Gesellschaft oder nicht? Das finde ich sehr unmittelbar.“
„Man kann forschen, sich mit Lebensgeschichten auseinandersetzen“, sagt Tophinke. Manchmal gleiche der Beruf einer Detektivarbeit. Man arbeite mit vielen Quellen, müsse viel lesen, wissenschaftlich auf der Höhe der Zeit bleiben. „Es braucht Flexibilität, Spaß an unvorhersehbaren Situationen und eine Offenheit, sich auch mit bildungsfernen Menschen auseinanderzusetzen.“ Und es bleibe interessant, so der Forensiker: „Ich hatte in 40 Berufsjahren in der Psychiatrie keinen einzigen langweiligen Tag.“
Tophinke kritisiert System Forensik
Allerdings macht Tophinke keinen Hehl aus seiner strukturellen Kritik am System Forensik, spricht von einem „Verantwortungsverschiebebahnhof“. Nach mehr als 25 Jahren als freier Gutachter wechselte er deshalb 2022 wieder in die Klinik. „Ich hatte das Gefühl, dass ich für die Menschen, mit denen ich als Gutachter zu tun habe, mehr herausholen kann, wenn ich in der Klinik arbeite. Ungefähr bei der Hälfte der Patienten hätte man eine Einweisung vermeiden können, wenn vorher richtig interveniert worden wäre.“






