
Prävention statt Reparatur
„Paradigmenwechsel in der Inneren Medizin“ lautete das Kongressmotto in Wiesbaden, „Prävention statt Reparatur“ die wesentliche Botschaft der Pressekonferenz. Dies werde inzwischen weit über die Fachwelt hinaus als bedeutsame Zukunftsfrage verstanden, so Kongresspräsidentin Prof. Dagmar Führer-Sakel. Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) habe Prävention als zentrales Handlungsfeld definiert, der Wissenschaftsrat Prävention und Gesundheitsförderung als systemrelevante Zukunftsaufgabe beschrieben, die Leopoldina eine nationale Präventionsinitiative gefordert.
Risiken früher erkennen
„Wir müssen uns stärker von einer Medizin lösen, die erst reagiert, wenn Krankheit bereits entstanden ist, und uns stärker hin zu einer Medizin entwickeln, die Risiken früh erkennt, Ursachen adressiert und Menschen dabei unterstützt, gesund zu bleiben“, betonte die Kongresspräsidentin.
Beiträge aus Schleswig-Holstein
Im Kongressverlauf spielten Präventionsthemen eine zentrale Rolle: etwa zur politisch diskutierten Zuckersteuer oder zum neu eingeführten Lungenkrebsscreening für langjährige Raucher. Die DGIM hat zum Kongress ein Sonderheft Prävention herausgegeben, an dem unter anderem auch Dr. Friederike Stölzel (onkologische Prävention) und Prof. Oliver Müller (Angiologie), beide vom UKSH-Campus Kiel, beteiligt waren. Auch während des Kongresses in Wiesbaden war Schleswig-Holstein umfangreich vertreten, unter anderem mit Projekten zur Sekundärprävention.

Andere Faktoren wie individuelles Ansprechen, Therapietreue, Dosierung oder Begleiterkrankungen seien entscheidend dafür, ob ein optimaler Blutdruck erreicht werde, so Prof. Joachim Weil.
Bluthochdruck: nicht auf Medikamente allein verlassen
Bluthochdruck wird häufig nicht ausreichend kontrolliert. Forschende um Prof. Joachim Weil von den Sana-Kliniken Lübeck werteten elektronische Patientenakten aus Deutschland aus, um zu verstehen, wie Patienten derzeit behandelt werden und wie gut ihre Blutdruckwerte eingestellt sind. Von fast 187.000 einbezogenen Patienten hatte rund die Hälfte kontrollierte und die andere Hälfte unkontrollierte Werte. Die meisten Patienten mit unkontrolliertem Blutdruck lagen im Bereich eines Bluthochdrucks Grad 1. Die eingesetzten Medikamentenklassen (Betablocker, Angiotensin‑Rezeptorblocker, Diuretika, Kalziumkanalblocker und ACE‑Hemmer) unterschieden sich zwischen gut und schlecht eingestellten Patienten kaum. Das deute darauf hin, dass andere Faktoren wie individuelles Ansprechen, Therapietreue, Dosierung oder Begleiterkrankungen entscheidend dafür seien, ob ein optimaler Blutdruck erreicht werde, so Weil in seiner Präsentation. Um Komplikationen zu vermeiden, müssten diese Einflussfaktoren stärker berücksichtigt werden.
Wie gut werden Leitlinien in der Praxis umgesetzt?
Ein weiteres Projekt: Die aktuellen Leitlinien empfehlen seit 2018, dass Menschen mit Typ‑2‑Diabetes und begleitenden Herz‑ oder Nierenerkrankungen frühzeitig moderne Medikamente wie GLP‑1‑Rezeptoragonisten und SGLT2‑Inhibitoren erhalten sollten, weil diese das Risiko für Herz‑ und Nierenkomplikationen deutlich senken. Um zu prüfen, wie gut diese Empfehlungen in der Praxis umgesetzt werden, haben Forschende um die Lübecker UKSH-Ärztin Julia Altrogge Daten von fast 68.000 Erwachsenen aus dem DPV‑Register (Diabetes-Patienten-Verlaufsdokumentation) ausgewertet. Etwa ein Viertel der Betroffenen hatte eine Herz‑Kreislauf‑Erkrankung, rund 14 % eine chronische Nierenerkrankung. Diese Patientengruppen waren im Durchschnitt älter, häufiger männlich und lebten schon länger mit Diabetes als Patienten ohne solche Begleiterkrankungen.
Ergebnisse ernüchtern
Trotz ihres hohen Risikos erhielten jedoch nur relativ wenige die empfohlenen Medikamente: Bei Herz‑Kreislauf‑Erkrankungen bekamen nur etwa ein Drittel SGLT2‑Inhibitoren und noch weniger GLP‑1‑Rezeptoragonisten. Bei chronischer Nierenerkrankung waren die Verordnungsraten sogar niedriger als bei Patienten ohne Nierenschäden. Die Ergebnisse zeigen eine deutliche Unterversorgung, so Altrogge bei ihrer Präsentation in Wiesbaden: Viele Hochrisikopatienten erhalten nicht die Therapien, von denen sie nachweislich profitieren würden. „Unsere Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit struktureller Maßnahmen zur Verbesserung der leitliniengerechten Versorgung.“





