
Präsident Henrik Herrmann vermisst die Antworten der Politik
Eine „Revolution“ sei nötig im Gesundheitswesen, hatte der damalige Bundesgesundheitsminister Prof. Karl Lauterbach (SPD) befunden. Eine „Revolte" kann Schleswig-Holsteins Kammerpräsident Prof. Henrik Herrmann tatsächlich erkennen: nämlich im zunehmenden Rückzug der direkt Beteiligten im Gesundheitswesen - der Ärztinnen und Ärzte und der Gesundheitsfachkräfte.
„Wir bilden primär genügend Gesundheitsfachkräfte aus, diese bleiben aber nicht lange im Beruf. Im ärztlichen Bereich haben wir hohe Teilzeitquoten", sagte Herrmann in seinem Bericht in der Kammerversammlung.
Schnelle Effekte, um über die nächsten Wochen zu kommen
„Nachvollziehbar" findet er das vor dem Hintergrund steigender Bürokratie und des Formalismus. Seine Einschätzung: „Wer glaubt, dass es einen wirklichen Bürokratieabbau im deutschen Gesundheitswesen geben wird, der wird enttäuscht werden." Der Normgeber werde stets Regularien aufstellen, die ein immer Mehr an Regeln und Formalismus mit sich bringen würden. Im Gesundheitswesen scheine das besonders ausgeprägt zu sein: „Ein gültiges Gesetz wird durch ein noch nicht gültiges Gesetz modifiziert, viele weitere sind in Arbeit, die wieder in immer kürzeren Abständen neue Regeln bringen, neue Überprüfungen." Für ihn stelle sich diese Vorgehensweise „fast schon als eine Art palliativmedizinische Symptomkontrolle unseres Gesundheitswesens dar - schnelle Effekte, um über die nächsten Wochen und Monate zu kommen."
Politik braucht Mut zu schmerzhaften Entscheidungen
Umfassende evolutionäre und nicht revolutionäre Konzepte kann Herrmann nicht erkennen. Der Kammerpräsident forderte, den systemischen Fehler anzugehen: Die Daseinsvorsorge sei zu finanzieren, eine strikte Krankenhausplanung umzusetzen - auch, wenn dies schmerzhafte Entscheidungen etwa zu Standortschließungen erfordere. Zudem seien eine Öffnung der Sektoren, Mittel für die Digitalisierung, die Einbindung von interprofessionellen Teams erforderlich. Herrmanns Ansage: „Im Vordergrund muss eine werteorientierte Medizin stehen, ein gesamtgesellschaftlicher Konsens, ein klares politisches Ziel- und nicht die Frage, wie überstehen wir das nächste Jahr." Eine Hoffnung: In der Ärztekammer hat sich eine Gruppe gebildet, die sich mit diesen Themen beschäftigt und dazu Empfehlungen erarbeitet. Im Rahmen der „Agilen Kammer" können daran noch weitere Ärztinnen und Ärzte mitwirken.
Kein Spielraum für finanzielle Förderung der Netze
Ein Thema, das eigentlich die KV betrifft, war auch in der Kammerversammlung präsent. Die künftige Finanzierung der Ärztenetze. Die KV hatte über die Finanzierung über ihren Strukturfonds, wie berichtet, kürzlich entschieden. Hausarzt Björn Steffensen, der sich in beiden Versammlungen von KV und Ärztekammer engagiert, hatte nach der Möglichkeit einer finanziellen Beteiligung der Kammer an der Netzarbeit gefragt. Herrmann verwies auf den ungleich kleineren Finanzrahmen der Ärztekammer und die schon bestehenden finanziellen Engagements etwa für den Patientenombudsverein. Die Ärztekammer unterstütze die Netzidee, eine finanzielle Förderung sei aber nicht möglich.


