
Parkinson: Schutz vor Erkrankung ist möglich
„Wir brauchen Sie!“ Mit diesem ungewöhnlichen Einstieg begann Prof. Daniela Berg, Direktorin der Neurologie am UKSH Campus Kiel, die Pressekonferenz anlässlich des Jahreskongresses der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) Mitte November in Berlin. Mit „Sie“ waren die zahlreichen anwesenden und zugeschalteten Journalistinnen und Journalisten gemeint, die die wesentliche Botschaft von DGN-Präsidentin Berg an die Öffentlichkeit tragen sollen: Es ist möglich, viele Menschen vor einer Parkinson-Erkrankung zu bewahren! Denn neben zielgerichteten präventiven Ansätzen biete der eigene Lebensstil große Möglichkeiten sich zu schützen, so Berg: Ausreichend Schlaf von sechs bis acht Stunden pro Nacht, gesunde Ernährung und regelmäßige körperliche Aktivität lassen das Erkrankungsrisiko um 40 bis 60 Prozent sinken. „Eine Chance, die man nutzen sollte“, sagte die Kieler Neurologin.
Zielgerichtete Therapien sind in der Entwicklung
Parkinson ist laut Berg „die am schnellsten zunehmende neurologische Erkrankung“, in Deutschland leben aktuell 300.000 bis 400.000 Menschen mit der Bewegungsstörung. Medikamente, die den Dopaminmangel ausgleichen, lassen in ihrer Wirksamkeit im Laufe der Zeit nach, die Tiefe Hirnstimulation und auch der MRT-gesteuerte Hochfrequenzultraschall bieten weitere Therapieoptionen. „Diese Methoden kommen aber nicht für alle Betroffenen infrage und sind auch mit möglichen Nebenwirkungen und Limitierungen in der Langzeitwirksamkeit behaftet", erklärte die Parkinson-Expertin. In der Entwicklung befinden sich Zell- und Gentherapien sowie Therapien mit Antikörpern und sogenannten Small Molecules. „Die pharmakologischen Entwicklungen sind rasant. Mit dem besseren Verständnis der Pathomechanismen wird es zunehmend möglich, zielgerichtete Therapien zu entwickeln, die kausal in das Krankheitsgeschehen eingreifen."
„Umweltschutz ist auch Gesundheitsschutz"
Doch besser sei es, die Krankheit gar nicht erst ausbrechen zu lassen, so Berg – angesichts des altersbedingt erwarteten deutlichen Anstiegs neurodegenerativer Krankheiten. Dafür müsse man „krankheitsauslösende Mechanismen verstehen“ und „zielgerichtete präventive Ansätze entwickeln“. Die Zusammenhänge zwischen dem Exposom, also allen Stoffen, denen Menschen im Laufe des Lebens ausgesetzt sind, und Parkinson müssten erforscht und Menschen über umweltbedingte oder durch Noxen verursachte Gesundheitsrisiken aufgeklärt werden. Bekannte Noxen, die das Parkinson-Risiko erhöhen, sind Pestizide, Lösungsmittel, Schwermetalle und Luftverschmutzung. „Natürlich ist man als einzelner Mensch relativ machtlos diesen Einflüssen ausgesetzt, aber es zeigt deutlich, dass Umweltschutz auch Gesundheitsschutz ist und wir die Politik hier sensibilisieren müssen", erklärte Berg. Mit eigenen Lebensstilinterventionen ließe sich dagegen eine Menge erreichen. Eine mediterrane Diät mit verminderter Salzzufuhr reduziere nachweislich das Parkinson-Risiko, mit ausreichend Schlaf und Bewegung könne man seine persönliche Bilanz positiv gestalten.
Derzeit arbeitet Berg gemeinsam mit einer internationalen Forschungsgruppe an einem Score, mit dem sich das persönliche Exposom-Risiko besser einschätzen lässt. „Es wird noch etwas dauern, bis dieser routinemäßig eingesetzt werden kann. Wir hoffen, anhand des Scores persönlich zugeschnittene Präventionsempfehlungen erarbeiten zu können."
Ehrenmitgliedschaft für Prof. Günther Deuschl
Ein weiterer Kieler Parkinson-Experte wurde beim DGN-Kongress mit der Ehrenmitgliedschaft ausgezeichnet: Prof. Günther Deuschl, Vorgänger Bergs als Klinikleiter am UKSH, entwickelte bereits 1998 eine erste Klassifikation der verschiedenen Tremorformen und leitete die weltweit erste kontrollierte Studie zur Tiefen Hirnstimulation. Deuschl war von 2006 bis 2008 DGN-Präsident und wurde 2018 zum ersten Seniorprofessor der Christian-Albrecht-Universität Kiel ernannt (siehe Meldung in Personalien).





