Sieben Diskutierende sitzen auf einer Bühne vor einem schwarzen Vorhang und einer weißen Leinwand auf Stühlen.  Eine blonde Frau mit roter Jacke in der MItte des Podiums spricht in ein Handmikrofon.
Anja Walczak, Prof. Henrik Herrmann, Dr. Bettina Schultz, Dr. Dorit Stenke, Dr. Manuel Munz, Prof. Ulrike Ravens-Sieberer, Dr. Ralf van Heek (v.l.) © di
Anja Walczak, Prof. Henrik Herrmann, Dr. Bettina Schultz, Dr. Dorit Stenke, Dr. Manuel Munz, Prof. Ulrike Ravens-Sieberer, Dr. Ralf van Heek (v.l.) © di

Pädiater sorgen sich um Kinderseelen

Die komplexen psychischen Probleme zahlreicher Kinder standen im Mittelpunkt der BVKJ-Jahrestagung 2025 in Kiel. Deutlich wurde: Für Lösungen müssen interprofessionelle Ansätze her. Wie die gelingen könnten, wurde u.a. mit Bildungsministerin Dr. Dorit Stenke diskutiert.

Dirk Schnack

Vielen Kindern und Jugendlichen geht es psychisch noch immer schlechter als vor der Pandemie. Viele Eltern und die Pädiater erleben diese Probleme täglich – können allerdings weniger ausrichten als erforderlich, wenn sie auf sich allein gestellt sind. Nur im Zusammenspiel vieler Akteure können die komplexen Probleme gelöst werden. Wie ausgeprägt der Wunsch nach gemeinsamen Lösungen ist, zeigte die Zusammensetzung des Podiums, auf das der BVKJ-Landesvorsitzende Dr. Ralf van Heek neben Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Dr. Dorit Stenke und Wissenschaftlerin Prof. Ulrike Ravens-Sieberer (UKE) auch Kammerpräsident Prof. Henrik Herrmann, KV-Chefin Dr. Bettina Schultz, Anja Walczak vom Berufsverband für Kinder- und Jugendpsychiatrie und UKSH-ZIP-Chefarzt Dr. Manuel Munz gebeten hatte. Alle zeigten sich überzeugt, dass interprofessionelle Lösungen erforderlich sind.

Status Quo und Risikofaktoren
Ravens-Sieberer zeigte an den Ergebnissen der COPSY-Studie, wie ausgeprägt die Probleme sind. In der repräsentativen Studie wurde u.a. deutlich, dass die Kinder- und Jugendlichen Angst haben, dass die Krisen lange bleiben werden, das das Leben durch die aktuellen Krisen schlechter wird, dass die Familien sich weniger leisten können und dass die Krisen Hobbies, Schulabschlüsse und Wunschberufe verhindern. 
Welche Krisen machen den Kindern und Jugendlichen am meisten Sorgen? Hier stehen Kriege ganz oben auf der Liste, gefolgt von der Wirtschaft und dem Klima. Pandemien spielen bei den Sorgen inzwischen eine untergeordnete Rolle. Van Heek gab aber zu bedenken: „Die Pandemie hat in den Familien viel Resilienz gekostet.” 

Bei betroffenen Kindern und Jugendlichen zeigen sich u.a. depressive Symptome, Angstsymptome, geminderte Lebensqualität und psychische Auffälligkeiten. Eines der drängenden Probleme ist Einsamkeit. Laut Studie fühlen sich aktuell 21 Prozent aller Kinder und Jugendlichen einsam. Vor der Pandemie betrug dieser Anteil 14 Prozent. 
Als Risikofaktoren für psychische Probleme spielen Migrationshintergrund, beengter Wohnraum, psychisch belastete Eltern und geringe Bildung der Eltern eine wichtige Rolle. Kinder, auf die diese Faktoren zutreffen, haben ein deutlich erhöhtes Risiko. Ein doppelt erhöhtes Risiko haben Kinder mit niedrigem soziökonomischen Status. Als Schutzfaktoren spielen Zuversicht und Selbstwirksamkeit, gemeinsame Zeit in der Familie und soziale Unterstützung wichtige Rollen. Wer darauf zählen kann, hat laut Studie ein fünf- bis zehnfach verringertes Risiko. Deutlich wurde dennoch: Psychische Probleme ziehen sich durch alle Gesellschaftsschichten. 

Herausforderungen für die Schulen
Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Dr. Dorit Stenke stellte klar, dass vielen Kindern heute die Unterstützung von zu Hause fehlt, die sie eigentlich benötigen. Dies führe zu höheren Herausforderungen für die Schulen, die sich auf drei Ziele fokussieren:

  • Leistungs- und Kompetenzvermittlung. Wie hoch diese Hürde ist, zeigt eine hohe Zahl an Grundschülern, die Grundkenntnisse im Rechnen und Schreiben nicht erreiche.
  • Wohlbefinden und Persönlichkeitsentwicklung
  • Herstellung und Sicherung von Chancengerechtigkeit

Um diese Ziele zu erreichen, wünscht sich Stenke ein stärkeres Ineinandergreifen der verschiedenen Hilfesysteme. Ein Problem ist dabei, dass Kinderinteressen in verschiedenen Ministerien eine Rolle spielen, u.a. im Bildungs-, Gesundheits- und Sozialministerium.  

Problem Datenschutz
Zum Teil scheitern die Bemühungen der einzelnen Akteure aber auch an gesetzlichen Bestimmungen wie etwa Datenschutz. Viele Daten, die in den pädiatrischen Praxen vorliegen, dürfen von dort nicht an andere Akteure übermittelt werden. Kammerpräsident Prof. Henrik Herrmann betonte zwar die Bedeutung des Datenschutzes, stellte aber klar: „Wenn Datenschutz zum Nachteil gereicht, darf er nicht über allem stehen." Als Beispiel wurden Fälle genannt, in denen der Hilfebedarf von Kindern nicht erfüllt werden kann, weil pädiatrische Praxen den Bedarf an früher Hilfe nicht an die erforderlichen Stellen melden dürften. Herrmann sieht darin ein ethisches Problem und zugleich ein gesundheitliches Risiko für die Kinder: „Diese Fördermaßnahmen müssen frühestmöglich einsetzen.”

Ein anderes Probleme sind die Kapazitäten im pädiatrischen und im psychiatrischen Bereich. Anja Walczak vom Berufsverband der für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (bkjpp) wünscht sich, dass stärker vorgebeugt wird, damit der Bedarf in den Praxen sinkt. Sie ist überzeugt, dass mehr qualifizierte Förderkräfte in den Schulen diesen Bedarf senken könnten.
Dazu muss aus Sicht viele Pädiater aber der Fokus auf die Qualifizierung der Kräfte gelenkt werden. Sie bezweifeln, dass die Qualifizierung der eingesetzten Schulbegleiter ausreichend ist für die komplexen Probleme der Kinder. 

Resümee
Einfache Lösungen, das machte die Diskussion deutlich, kann es für die Probleme nicht geben. Als unerlässlich sehen es die bei der Tagung anwesenden Berufsgruppen an, sich enger untereinander abzustimmen. Die Bereitschaft dazu wurde von allen Anwesenden betont. Zugleich sehen sie die eingesetzten Mittel nicht immer wirksam eingesetzt. Ravens-Sieberer forderte gezieltere Interventionen statt Förderung mit der Gießkanne. Deutlich wurde auch, was nicht hilft: polemische Äußerungen, die eine ganze Generation abwerten und in Schubladen stecken.  Das Bild einer „klagsamen" jungen Generation, der alles zu anstrengend sei, ist aus Sicht Ravens-Sieberers nicht berechtigt. 

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