
„Nutznießer-Wortwahl sprengt jeden Rahmen"
„Nutznießer“ des Systems Gesundheitswesen: Die Formulierung von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat Wellen in der Öffentlichkeit geschlagen. Zu recht, findet Schleswig-Holsteins Kammerpräsident Prof. Henrik Herrmann. In seinem Bericht in der jüngsten Kammerversammlung stellte er die Äußerung des Kanzlers an den Beginn. Dass „ausgerechnet diejenigen, die mit einer reinen Sparpolitik über unser Gesundheitswesen nach Rasenmäherprinzip herziehen, jetzt die Ärzteschaft der Nutznießung bezichtigen, sprengt jeden Rahmen“, sagte Herrmann.
Profitieren Ärztinnen und Ärzte von der Leistung, die andere erbringen?
Wie abwegig die Wortwahl in diesem Zusammenhang war, zeigte der Präsident anhand die Bedeutung des Wortes, wie der Duden sie beschreibt: Nutznießer profitieren von der Leistung, die andere erarbeiten. Andere Synonyme klingen noch schlimmer: Parasit, Schmarotzer oder Abstauber.
Herrmann erinnerte in diesem Zusammenhang auch an die Situation in der Pandemie, als Mitarbeitende im Gesundheitswesen noch beklatscht und als absolut systemrelevant bezeichnet wurden. Ohne sie, hieß es damals, wäre die Corona- Pandemie nicht beherrschbar gewesen und hätte noch sehr viel mehr Todesfälle mit sich gebracht. „Wie löcherig doch das politische Gedächtnis ist. Jetzt sind wir also diejenigen, die das System ausnehmen, um uns zu bereichern und die dafür verantwortlich sind, das 500 Milliarden jährlich ausgegeben werden müssen“, sagte Herrmann.
Weitere Themen der Kammerversammlung
Mit welchen „Leuchttürmen" beschäftigt sich derzeit die Ärztekammer neben ihren Routineaufgaben? Hierzu gab der kaufmännische Geschäftsführer Christoph Fülscher in der Versammlung einen Überblick. Die ärztliche Geschäftsführerin Dr. Gisa Andresen fasste die wichtigsten Ergebnisse des World Cafés aus der vergangenen Sitzung zusammen.
Ärzteschaft sollte sich stärker in die Gesundheitspolitik einbringen
Für ihn ist es „unvorstellbar, wie einer der obersten Repräsentanten unseres politischen Systems, ausgestattet mit Richtlinienkompetenz, sich zu dieser Aussage hat hinreißen lassen“. Doch zeigt es vielleicht auch den Zeitgeist an? Fest steht für den Präsidenten, dass sich die Ärzteschaft noch mehr im gesundheitspolitischen Raum einbringen muss und sich „nicht von politischen Ideologen, von Theoretikern und von Finanziers steuern lassen“ sollte.
Ärzte drängen auf Weichenstellungen
Herrmann erinnerte daran, wie die Ärzteschaft in den vergangenen Monaten immer wieder gemahnt hatte, dass entscheidende Weichenstellungen erfolgen müssen, um eine hochwertige Gesundheitsversorgung aufrechterhalten zu können. „Gerade aus der Ärzteschaft kommt der Ruf nach echten Strukturreformen, nach grundlegenden Veränderungen in unserem Gesundheitswesen, nach verstärkter interprofessioneller Zusammenarbeit, nach Überwindung von Grenzen und Sektoren, nach einer Versorgungssteuerung, nach einer werteorientierten Medizin, die nicht alles zu jederzeit sofort möglich machen kann, sondern gezielt eine notwendige Behandlung schnell zulässt und bei anderen, nicht vorderdringlichen Maßnahmen sich Zeit lassen kann", sagte Herrmann in der Kammerversammlung.
Politik muss Konsequenzen der Gesetzgebung durchdenken
Der Präsident erinnerte die Politik daran, dass zeitlich gestaffelte Abfolgen in der medizinischen Versorgung in der praktischen Versorgung unumgänglich seien. „Ob dies mit dem neuen Bundesgesundheitsminister möglich und politisch durchsetzbar ist, werden die nächsten Monate zeigen", so Herrmann. Er wünscht sich vom neuen Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann, dass dieser die genannten Reformen wirklich angeht und dabei die Expertise derjenigen, die „sich im praktischen Leben mit versorgungsrelevanten Themen auseinandersetzen" einbezieht. Herrmann forderte die Politik auf, dabei mit Bedacht heranzugehen und die Konsequenzen der Gesetzgebung zu durchdenken. „Es geht nicht darum, für 12 oder 18 Monate eine Lösung zu finden, sondern darum, mittel- bis langfristig ein sozial ausgewogenes, finanzierbares Gesundheitswesen in Deutschland zu sichern und weiterzuentwickeln."
„Wir müssen uns den Themen in Ruhe widmen"
An Mahnungen von Seiten der Ärzteschaft habe es in der Vergangenheit nicht gefehlt. „Seit Jahrzehnten sprechen wir von sektorübergreifend, seit Jahrzehnten sprechen wir von Prävention, seit Jahrzehnten steigen die Mittel im Gesundheitswesen an, seit Jahrzehnten haben wir einen enormen medizinischen Fortschritt mit immer besseren diagnostischen, interventionellen und therapeutischen Möglichkeiten. Es ist an der Zeit, sich genau diesen Themen in Ruhe zu widmen und eine Strategie für die nächsten 5 bis 10 Jahre aufzustellen", betonte Herrmann.






