
Nicht mutig genug für Innovationen?
Schleswig-Holstein besitzt viel innovatives Potential, nur mit der Umsetzung hapert es manchmal: So lautete das Fazit der gesundheitspolitischen Jahrestagung der TK-Landesvertretung, zu der sich rund 200 Fachleute aus Medizin, Gesundheitswirtschaft und Politik in Kiel versammelten. Der Wunsch der Teilnehmenden: Einfach loslegen, auch wenn Fragen erst zu 80 Prozent geklärt sind.
Tolle Ideen, made in Schleswig-Holstein
Der schlanke Roboterarm bewegt sich zielstrebig über den Körper des Patienten. Dann stoppt der Arm, die an seinem Ende angebrachte Sonde beginnt mit der Ultraschalluntersuchung. „ARUS“, kurz für „Automatisiertes Robotisches Ultraschallsystem“, heißt diese Entwicklung des Instituts für Robotik und Kognitive Systeme der Universität Lübeck. ARUS hat gelernt, wie ein menschlicher Körper aussieht, und kann dieses Wissen auf jeden Patienten anwenden. Das System findet das Organ, das untersucht werden soll, und kann die Ultraschallbilder standardisiert und reproduzierbar erfassen.
Per Film bekamen die Gäste einen Einblick in diese Technik, dann berichtete Mit-Erfinder und Medizintechnik-Ingenieur Georg Männel auf der Bühne von den Erfolgen, aber auch Hürden auf dem Weg zu einem innovativen Start-up. Wer hat die Rechte am Patent, wie kann eine Firma aus dem Uni-Betrieb ausgegründet werden? „Die Reise ist lang, und es braucht Kapital“, sagte Männel.
Vier Wochen für die Entwicklung, Jahre zur Marktreife
Von ähnlichen Erfahrungen berichteten auch andere Gründer, die ihre Projekte bei der Tagung vorstellten. Tadeusz Nikitin von der Splitbot GmbH hat eine KI-Hilfe entwickelt, die in Pflegeheimen eingesetzt werden kann. Direkt am Bett kann die Pflegekraft die KI fragen, welches Medikament oder welches Vorgehen sinnvoll ist – die Datenbasis sind die eigenen Werte der Pflegebedürftigen. „Wir haben den Chatbot in vier Wochen entwickelt“, sagte Nikitin. Aber bis die Technik wirklich auf dem Markt ist, wird noch Zeit vergehen. Immerhin befindet sich die Heim-KI in der Testphase, auch öffentliche Fördermittel fließen. Ein ganz anderes Projekt verfolgt Dr. Leon von Brasch. Er berichtete von Plänen, eine Tagesklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, die im Kreis Segeberg etabliert werden soll, digital zu unterstützen.
Positives Leitbild hilft
Prof. Kai Wehkamp, Professor an der Medical School Hamburg und früher Internist am UKSH, machte auf ein generelles Problem aufmerksam. „In anderen Ländern, etwa den USA, herrscht ein anderer Schwung bei Innovationen. Die fangen auch an, wenn sie nur 80 Prozent haben.“ In Deutschland und Schleswig-Holstein seien eigentlich alle Voraussetzungen da, aber „man wünscht sich manchmal mehr Mut“. Hilfreich wäre dabei ein positives Leitbild. Bei Amazon etwa werde ein Ergebnis formuliert, als sei es bereits vorhanden. Dann erst machen sich Arbeitsgruppen daran, den Weg zu entwickeln. „Man kann von Amazon halten, was man will – aber das machen sie gut“, sagte Wehkamp.
Digitale Souveränität: eine Frage der Haltung
Schleswig-Holsteins Landesregierung hat ein Ziel formuliert: Das Land will digital unabhängig von den großen US-Firmen werden. „Wir müssen unsere digitale Souveränität wahren“, sagte Gesundheitsministerin Kerstin von der Decken (CDU). Die Umstellung im laufenden Verwaltungsbetrieb sei nicht einfach, aber dank der nun genutzten Open-source-Software spare das Land Milliionen an Lizenzgebühren und behalte die Kontrolle über die Daten seiner Bürgerinnen und Bürger. Jörg Brüggemann vom Digital-Hub SH führt das weiter aus: Während Firmen-Software nur wenige Personen reicher mache, helfe die Mitarbeit an Open Source-Technik allen Nutzern, ihre Arbeitsabläufe zu erleichtern. „Eine Frage der Haltung“, betonte Brüggemann.
Künstliche Intelligenz: Ein Mega-Thema nicht nur in der Medizin, mit dem sich Internist Prof. Kai Wehkamp schon seit vielen Jahren beschäftigt. Im Podcast verrät er, was ihn persönlich am Thema fasziniert, wo er die größten Potenziale sieht und warum nicht überall KI drinsteckt, wo es für Laien nach KI aussieht.
„Weltoffener Lokalpatriotismus"
Wie innovative Lösungen tatsächlich in die Krankenhäuser und Praxen kommen, diskutierte eine Podiumsrunde. Sören Schmidt-Bodenstein, Leiter der TK-Landesvertretung, sprach vom „weltoffenen Lokalpatriotismus“, der in Schleswig-Holstein herrsche. Dank innovativer Ideen sei es möglich, große Fördersummen aus Bundes- oder EU-Töpfen nach Schleswig-Holstein zu holen. Die TK unterstützt zudem über Modellverträge die Einführung neuer Techniken.
Patienten sind offen für neue Techniken
Von solchen neuen Techniken profitieren die Patienten des Venenzentrums Lübeck. Die meisten seien offen für neue Anwendungen, etwa bei der Beseitung von Krampfadern, berichtete dessen leitende Ärztin, Dr. Katharina Moser-Notbom. Auch die E-PA mache vieles einfacher: „Wir machen viele Fotos, die sofort digital verarbeitet werden und in die Akte eingehen.“ Aber sie nutzte die Bühne auch, um auf die Sorgen der Niedergelassenen hinzuweisen: „Ich muss Miete und Löhne zahlen, ich kann keine Patienten behandeln, ohne Geld dafür zu bekommen.“
Sören Schmidt-Bodenstein erinnerte daran, dass viele Fragen im Gesundheitssystem von den beteiligten Akteuren gemeinsam entschieden würden. Das sei zwar nicht immer einfach und dauere lange, aber es gelingt am Ende meist, für alle Seiten gute Lösungen zu finden.
Die schwierige Finanzierung von Innovationen
Aber die Beteiligten waren auch einig, dass es für Innovation mehr privates Kapital brauche. Wo das zu finden ist, erklärte Oliver Schacht von Life Science Nord: Es werde viel gespendet oder gestiftet, aber oft in Kunst oder Kultur statt in Hightech. „Aber in jeder Familie, auch bei Menschen mit viel Geld, gibt es Betroffenheit und emotionale Gesundheitsthemen, sei es Krebs, Demenz oder Rheuma.“ Es sei wichtig, Innovationen mit solchen Geschichten zu verbinden. Das Branchennetzwerk Life Science Nord betreue zahlreiche Start-ups und freue sich über weitere Gründer, sagte Schacht. Auch wenn die Idee erst zu 80 Prozent ausgereift ist.
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