
Nah am Patienten und die eigene Chefin sein
Eine der Ärztinnen, die den Schritt in die Niederlassung gewagt haben, ist die Kardiologin Dr. Ronja Westphal. Sie wechselte im Januar 2025 aus leitender Position in die Selbstständigkeit, kündigte dafür ihre langjährige Chefarztposition in den Segeberger Kliniken. Warum? „Ich habe gern in der Klinik gearbeitet“, sagte sie im Podcast des Schleswig-Holsteinischen Ärzteblattes. Allerdings habe sie in den letzten Jahren gemerkt, dass ihr in ihrer Funktion der direkte Kontakt zum Patienten fehlte. „Es wurde immer administrativer, organisatorischer und ich war eigentlich nur noch diejenige, die beratend tätig war.“ Sie habe vor der Wahl gestanden, früher als geplant in den Ruhestand zu gehen oder nochmal eine andere Herausforderung zu suchen. „So hat sich der Weg in die Niederlassung ergeben.“
Sie entschied sich für eine Tätigkeit in Berufsausübungsgemeinschaft, teilt sich den kardiologischen KV-Sitz mit zwei hausärztlichen internistischen Kollegen und vier angestellten Ärztinnen und Ärzten. „Das klappt sehr gut. Wir vertreten uns gegenseitig. Das ist ein riesengroßer Vorteil gegenüber einer alleinstehenden Praxis“, sagt sie. Für diese Konstellation habe sie ihre Schwester, ebenfalls Kardiologin, und ihren Vorgänger angestellt.
Zwar sei der bürokratische Aufwand, der sie in der Klinik zunehmend ärgerte, auch im Praxisalltag hoch, aber: „In der Niederlassung kann ich für meinen Bereich einfacher Entscheidungen treffen. Ich muss mich nicht mit so vielen Abteilungen abstimmen wie in der Klinik, beispielsweise wenn es um Zertifizierungsprozesse und Qualitätsmanagement geht.“

„Politisch hilfreich wäre es, dass wir längerfristige Planungssicherheit bekommen, auch über Legislaturperioden hinaus.“
Wie hat Westphal die wirtschaftliche Unsicherheit erlebt, die als weitere hohe Hürde für Niederlassungswillige gilt? Das sei ein Thema für sie gewesen, sie habe hohen Respekt vor dem finanziellen Risiko des Wechsels gehabt, sagt sie. „Man gibt einen unglaublich sicheren Job auf.“ Auch Krankheit und Abwesenheit seien in der Klinik geregelt gewesen – in der Praxis müsse sie das selbst organisieren. „Was man einkalkulieren muss, ist, dass die erste Quartalsabrechnung mit einer Verzögerung von ungefähr sechs Monaten kommt.“ Die laufenden Kosten müssten also zunächst überbrückt werden, ebenso müsse die Übernahme des KV-Sitzes finanziert werden. „Es gab viele Gespräche mit den Banken“, beschreibt Westphal die Vorbereitungen.
Sie könne gut nachvollziehen, dass Jüngere vor diesem Hintergrund zögerten. „Aber wir haben ein sehr gutes und sicheres Gesundheitssystem“, sagt sie. Das ermögliche es auch jüngeren Einsteigern, „relativ schnell zu einer Zufriedenheit zu kommen“.
Wirtschaftlichkeit im Blick behalten
„Das Thema Wirtschaftlichkeit spielt eine Rolle, immer im Blick zu haben: Wo stehe ich eigentlich gerade?“ Mithilfe der Praxissoftware könne sie in Echtzeit den Stand der Leistungsnachweise sehen. „Wir sehen durch die moderne Unterstützungstechnik kontinuierlich, was wir verdienen. Und dadurch kann man gegensteuern“, sagt die Kardiologin. „Gerade wenn man einsteigt, kommen unglaublich viele Kosten auf einen zu, die man nicht ganz überblicken kann. Als Unternehmer muss man das wieder reinkriegen.“ Dieser Gemengelage müsse man sich beim Schritt in die Selbstständigkeit stellen.
Wie könnten die Bedingungen für Niederlassungswillige aus ihrer Sicht verbessert werden? „Politisch hilfreich wäre es, dafür zu sorgen, dass wir längerfristige Planungssicherheit bekommen, auch über Legislaturperioden hinaus“, antwortet Westphal. Sie plädierte für Stabilität, Verbindlichkeit und Transparenz in diesem Bereich.
Kritisch sehe sie den Aufkauf von Praxen durch Investoren. Da gehe viel medizinische Entscheidungskompetenz verloren, wenn man Entscheidungen – etwa über die Sinnhaftigkeit einer Gelenksprothese – unter dem wirtschaftlichen Druck durch den gewinnorientierten Investor treffen müsse. „Das ist eine schwierige Entwicklung in der Medizin. Der Investor sieht nur die Diagnose, nicht den individuellen Patienten“, sagt Westphal.
Als wichtigen Faktor für eine erfolgreiche Niederlassung wertet die Kardiologin die möglichst gute Vernetzung mit den ärztlichen Kolleginnen und Kollegen in der Region. „Wenn man glaubt, als Einzelkämpfer durchkommen zu können, ist das keine gute Idee.“ Es sei enorm wichtig, sich auf kleinem Dienstwege austauschen zu können. Sie selbst profitierte von ihrer jahrzehntelangen ärztlichen Tätigkeit in Bad Segeberg.
Ihr Tipp für die Niederlassung in einer unbekannten Region: „Es ist wichtig, sich schon im Vorwege Gedanken zu machen, Netzwerke bereits zu schaffen, während man die Praxis noch einrichtet.“ Hilfreich sei es, sich beim Chefarzt der nächstgelegenen Klinik vorzustellen und die Wege der schnellen Einweisung abzuklären. Und sich in regionale Ärztezirkel einzubringen.
Gelassener und entspannter
Bislang habe sie den Schritt nicht bereut, „weder aus finanzieller noch aus privater beruflicher Entscheidung heraus. Alle, die mich kennen, erleben mich deutlich gelassener und entspannter.“ Denn in die „Verdienstabrechnung“ müsse man nicht zuletzt den Freizeitwert als Niedergelassene einkalkulieren: „Die Sprechzeiten kann jeder für sich bestimmen.“ In der Regel seien Mittwoch- und Freitagnachmittage frei, Feiertage sowieso. „Als Chefärztin hatte ich Hintergrunddienste, musste an Weihnachten und Feiertagen einspringen – das fällt jetzt weg.“
Auch in der Praxis sei die Arbeitsbelastung hoch, aber: „Die Patienten sind am Ende des Tages raus“, verdeutlicht sie. Man habe tatsächlich Feierabend, während einem in der Klinik noch spät der eine oder andere durch den Kopf gehe, weil man ihn am nächsten Tage wiedersehe. „Ich empfinde es als sehr angenehme Tätigkeit und ich habe Glück gehabt.“
Start in die Selbstständigkeit steht an
Anders als Westphal hat die Rendsburger Allgemeinmedizinerin Irina Kroytor den Schritt in die Niederlassung noch vor sich. Sie wird 2026 gemeinsam mit einer befreundeten, derzeit ebenfalls angestellten Kollegin die Hausarztpraxis ihrer Mutter übernehmen. Bislang ist sie dort angestellt. Mit Blick auf den Schritt in die Selbstständigkeit ein Vorteil – so habe sie feststellen können, ob eine ärztliche Tätigkeit in der allgemeinpraktischen Kleinpraxis langfristig etwas für sie sei. „Ich erhoffe mir von der Niederlassung, im für mich überschaubaren Rahmen eine aus meiner Sicht adäquate Versorgung der Patienten aufzubauen und meine Arbeitsbedingungen selbst zu gestalten“, beschreibt sie ihre Erwartung.
Gleichzeitig fremdele sie mit der Vorstellung, die mütterliche Praxis in neue Hände zu geben und unter jemand Unbekanntem angestellt zu sein – oder die Praxis zu schließen. „Es reizt mich vielmehr, die Praxis weiterzuentwickeln und mich darin zu verwirklichen.“ Sorgen bereite ihr die „kritische Finanzierung unseres Gesundheitswesens, so Kroytor. „Ich frage mich, ob das Kassenarztsystem dem standhalten wird.“
Aus dem Angestelltendasein nimmt Kroytor wertvolle Erfahrungen mit, nicht zuletzt in der administrativen und finanziellen Praxisführung. „Diese Aspekte spielen bei der Entscheidung zur Niederlassung auch eine sehr wichtige Rolle.“ Um für diese Herausforderungen gewappnet zu sein, vertieft Kroytor sich mit ihrer zukünftigen Praxispartnerin in die Grundlagen der Abrechnung und Organisation und nutzt Angebote der Ärztekammer und der Kassenärztlichen Vereinigung zu diesem Thema.
Darüber hinaus engagiert sie sich aktiv in den Gremien der ärztlichen Selbstverwaltung, sowohl als Mitglied des Ausschusses für angestellte Ärzte, im Zulassungsausschuss der KVSH als auch als stellvertretende Landesvorsitzende im Hartmannbund. „Einerseits lerne ich viel über politische und administrative Abläufe, aber vor allem vernetze ich mich innerhalb der Selbstverwaltung und Ärzteschaft, um an Informationen und Hilfe zu gelangen.“ Gleichzeitig hoffe sie, im Rahmen ihres Engagements auch das System mitgestalten zu können.
Mutter prägt positives Bild der eigenen Praxis
Ein entscheidender Faktor für den Schritt in die Niederlassung sei das Vorbild der Mutter: „Ich bin als Kind einer Hausärztin groß geworden und habe erlebt, wie sehr meine Mutter es geschätzt hat, organisatorische Abläufe selbst gestalten und Entscheidungen eigenständig treffen zu können“, sagt Kroytor. Auch wenn die Mutter viel Lebenszeit und Energie für die Praxis aufgewendet habe, sei der Arztberuf für diese weiterhin der schönste Beruf. „Durch ihr Vorbild sind für mich alle Facetten der Niederlassung greifbar und transparent. So fühlt sich dieser Schritt immer noch sehr groß an, aber ich weiß, was auf mich zukommt und das nimmt Ängste.“
Sie war Chefärztin und hat sich trotzdem für die Niederlassung entschieden: Heute ist sie gelassener und entspannt, sagt sie. Was ihr sonst noch an der eigenen Praxis gefällt und warum sie den Schritt gewagt hat, berichtet Kardiologin Dr. Ronja Westphal im Podcast.
Welche Rolle spielt die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bei ihrer Entscheidung? „Längerfristig spielt diese Vorstellung eine wichtige Rolle“, schreibt Kroytor. „Gleichzeitig mache ich mir keine Illusionen, dass gerade die Phase der Planung und Übernahme sehr viel Zeit erfordern, die ich der Familie wegnehme.“
Die hohe Berufszufriedenheit in eigener oder gemeinsamer Praxis teilen andere neu im Norden niedergelassene Ärztinnen und Ärzte: So bezeichnet die Lübecker Internistin Dr. Frauke Stock die Einzelpraxis in einem Interview mit dem „Nordlicht“, dem Magazin der KV, als „glücklichste Arbeitsform“. Sie könne es nur empfehlen. „Es gibt einem viel und neben den negativen Einschränkungen überwiegt das Positive“. Andere Kollegen der im „Nordlicht“ veröffentlichten Portraitserie loben die Vielfalt, den wertschätzenden, längerfristigen Patientenkontakt, die Entscheidungsspielräume als selbstständiger Unternehmer.
Beruf, Familie und Freizeit unter einen Hut bekommen
Ebenso spiele die Möglichkeit, Beruf, Familie und Freizeit gut unter einen Hut zu bekommen, eine Rolle. „Es war für mich notwendig, meinen Arbeitsplatz selbst zu strukturieren, zu organisieren und auf meine Bedürfnisse anzupassen“, wurde die Oststeinbeker Allgemeinmedizinerin Jeanette Buckow zitiert. „Als dreifache Mutter bin ich schlicht und ergreifend eine schlechte Arbeitnehmerin.“
Selbstverständlich gebe es große administrative und finanzielle Herausforderungen, das räumen alle ein. Aber zum einen lohne sich der Schritt in die Selbstständigkeit „trotz elender Überbürokratisierung und behördlicher Gängelung“. Zum anderen gebe es schon jetzt genug Patienten, die einen Hausarzt benötigten, und perspektivisch wachse der Bedarf. Mit Blick auf diese Situation spricht Stefan Leidhold, frisch in Großhansdorf niedergelassener Arzt für Psychosomatik, selbstironisch vom „inhärenten Verarmungswahn, der viele von uns erst einmal plagt, wenn wir abwägen, ob wir uns niederlassen“.
Neben dieser internen „Bremse“ nennt Leidhold die fehlenden Kassensitze als wesentliche Hürden bei der Niederlassung. Für ihn gab es ausgerechnet im Bereich Finanzierung eine Überraschung: „Schwierig war auch der Umgang mit der Bank, da die erwarteten Kosten für eine Niederlassung zu gering waren, sodass mir in Aussicht gestellt wurde, ich müsste schon einen viel größeren Kredit aufnehmen, damit es sich für die Bank lohnt“, schreibt er auf Anfrage des Schleswig-Holsteinischen Ärzteblattes.
Demografische Entwicklung eröffnet Planungsspielräume
Die immer wieder vonseiten der Politik und der Verbände geäußerte Sorge vor einem drohenden Ärztemangel, weil etwa ein Drittel der schleswig-holsteinischen Hausärzte in den kommenden Jahren aus Altersgründen in den Ruhestand gehen werden, teilen die selbstständigen Mediziner nicht unbedingt. Im Gegenteil: Diese Entwicklung könne Niederlassungswilligen sogar komfortable Planungsspielräume eröffnen, hieß es. „Insgesamt gibt es viele Kollegen, die in den Ruhestand gehen, sodass man mit der Planung der Selbstständigkeit die freie Auswahl hat“, wurde Lorenz Kaak, Allgemeinmediziner in Osterrönfeld, im „Nordlicht“ zitiert.
Und was ist das Schönste an der Tätigkeit in eigener Niederlassung? Jeanette Buckow formuliert es so: „Der tägliche Kontakt mit den Patienten, viele unterschiedliche Persönlichkeiten, hochinteressante Lebensläufe und die Möglichkeit, den Menschen bei ihren Sorgen und Nöten Hilfe anbieten zu können, sei es ein Erkältungsmedikament, ein Wundverband oder einfach mal nur zuhören.“




