Eine Frau und zwei Männer stehen auf einem Bahnsteig vor einem blauen Zug. Im Vordergrund stehen zwei Gitarren.
Bettina Schneider, Dr. Svante Gehring (Mitte) und André Bettin sind „Chain Link". © Stephanie Boisen
Bettina Schneider, Dr. Svante Gehring (Mitte) und André Bettin sind „Chain Link". © Stephanie Boisen

„Musik machen ist wie Meditation“

Wenn der Norderstedter Internist Dr. Svante Gehring eine Auszeit vom Alltag braucht, greift er zur Gitarre. Ob er gemeinsam mit Bandkollegen für den nächsten Auftritt probt oder neue Stücke entwickelt – Musik ist aus seinem Leben nicht wegzudenken.

Eike Ina Lamberty

Musik machen, das ist für mich der Ausgleich schlechthin“, sagt Dr. Svante Gehring. „Wenn ich die Gitarre in die Hand nehme oder auf der Handpan mit Klängen und Rhythmus experimentiere, ist das wie Meditation. Dann bin ich weg.“ Seit der niedergelassene Norderstedter Internist und Vorstandsvorsitzende der Ärztegenossenschaft Nord als 13-Jähriger Bekanntschaft mit seiner ersten eigenen Gitarre machte, begleitet das Saiteninstrument ihn durchs Leben. Nachdem er die ersten Akkorde auf der Akustikgitarre erlernt hatte, wechselte er zügig zur E-Gitarre. „Das ist ein bisschen knalliger, lauter, verzerrter, ich mochte das“, sagt er. Am liebsten spielt er eigene Stücke. „Ich mag es, kreativ zu sein, etwas ganz Neues hervorzubringen“, sagt er. 

„Chain Link“, eine musikalische Lebensreise
Das jüngste seiner „Babys“ heißt „Chain Link“, Kettenglied. Mit diesem Projekt betritt Gehring gemeinsam mit seinem langjährigen Freund und Bandkollegen André Bettin und dessen Lebensgefährtin Bettina Schneider jetzt ein neues künstlerisches Terrain, abseits der gewohnten Auftrittsroutine mit Rockbands. Als Trio „Chain Link“ haben die Drei ein gleichnamiges Bühnenstück entwickelt. Eingebettet in den Rahmen einer musikalischen Bahnreise nehmen sie ihr Publikum mit auf eine Zeitreise zu prägenden privaten und beruflichen Lebensstationen. 

Bettin (Leadgesang, Gitarre) und Gehring (Gitarre, Chorus) singen und musizieren in „Chain Link“ diesmal nicht nur, sie werden auch zu Schauspielern. Als adrett gekleideter Herr (Gehring) und eher provokant auftretender Rüpel (Bettin) mimen die beiden eine gemeinsame Reise mit zwei fiktiven „Damen“, verkörpert durch zwei Gitarren. Konzept und Dramaturgie der Rahmenhandlung stammen von Schneider, die als „Zugbegleiterin“ die Moderation zwischen den Stücken übernimmt. „Ohne Bettina hätten wir das Stück nicht auf die Bühne bringen können“, sagt Gehring. Denn die 57-Jährige steht seit mehr als drei Jahrzehnten auf und hinter der Theaterbühne. „Sie weiß, wie man aus einer Idee ein Stück macht, bringt die nötige Struktur hinein“, sagt Bettin.

Chain Link“ umfasst 14 Musikstücke, fast alle haben Gehring und Bettin selbst geschrieben. „Jeder hat Lieder aus seinem Leben beigetragen“, sagt Gehring. Die Stücke spiegeln privates Glück und berufliche Krisen, etwa die Geburt der Kinder oder belastende Tage auf Station, wenn nicht alle Patientinnen und Patienten gerettet werden können. „Unsere Lieder gab es schon, sie haben sich mit der Band weiterentwickelt“, sagt Gehring. Eins der ältesten Stücke habe er in den 80-er Jahren geschrieben. Er setzt sich darin mit der Frage auseinander, was nach einem Atomkrieg passiert. „Heute passt das leider wieder in die Zeit.“ 

Wir wollen echte Musik.“

Dr. Svante Gehring

Musikalische Vorbilder habe er nicht, sagt Gehring. „Ich habe gern Reggae gehört, fand die Stones gut. Aber gespielt haben wir eher Rock und Balladen. Ich bin da ziemlich offen.“ Für Bettin spielte Peter Maffay eine prägende Rolle. „Ich finde seine musikalische Entwicklung toll“, sagte der leitende Anästhesiepfleger eines Hamburger Krankenhauses. Für beide zählt es, dass die Musik authentisch ist, handgemacht. Dem Halbplayback, das selbst etablierte Bands etwa beim Hamburger Reeperbahnfestival nutzten, könnten sie nichts abgewinnen. „Da springt der Funke nicht über“, sagt Gehring. „Wir wollen echte Musik.“

Musik in der Tradition der Singer-Songwriter
Wenn überhaupt, orientiere er sich am ehesten an Musikern wie dem kalifornischen Singer-Songwriter Chuck Prophet, zufällig genau so alt wie er selbst. Zwei der vier nicht selbst komponierten Stücke des Programms „Chain Link“ stammen aus dessen Feder, die beiden anderen sind Hits von Billy Idol und der kalifornischen Band Incubus.

Die Idee zu „Chain Link“ entstand 2025. Schneider hatte Gehring und Bettin bei einem Wohnzimmerkonzert bei gemeinsamen Freunden erlebt und bot an, ein Schauspielkonzept für einen musikalische Bühnenauftritt zu entwickeln. Das nahmen die Musiker gern an, zumal sich ihre bisherige Band „Rope Team“, Seilschaft, allmählich auflöste. „Wir wollten uns künstlerisch weiterentwickeln, mal etwas anderes ausprobieren. Da passte das gut“, sagt Gehring.

Auftritte an besonderen Orten
Bei ihren Auftritten ist der Band eine besondere, authentische Atmosphäre wichtig. „Am liebsten spielen wir an Orten, die eigentlich einem anderen Zweck dienten“, sagt Bettin. Besonders gern erinnern sie sich an den Auftritt in der Halle 424, einer ehemaligen Stückgut-Umschlaghalle im Hamburger Oberhafen. „Das war einfach eine tolle Stimmung, der Saal war voll, da würden wir gern nochmal auftreten.“ Begeistert sind sie auch vom Helenenhof, einem früheren Bauernhof im Quickborner Ortsteil Renzel, wo heute regelmäßig Kulturveranstaltungen stattfinden. Voraussichtlich im Herbst wollen sie dort einen ursprünglich für März geplanten Auftritt nachholen. 

Auch das zweite künstlerische Projekt, an dem das Trio derzeit feilt, soll noch in diesem Jahr im Helenenhof auf die Bühne kommen. „LisbethsWerk“ dreht sich um die Figur der Märchenerzählerin Lisbeth. Verkörpert wird sie von Bettina Schneider, die das Stück auch geschrieben hat und Regie führt. Anders als bei „Chain Link“ sind hier Text und Dramaturgie vorgegeben. Gehring und Bettin stehen vor der Herausforderung, außergewöhnliche Geräuschkulissen und kreative Klangwelten für die Märchenerzählung zu entwickeln. „Da haben wir viel Arbeit vor uns, da polieren wir noch“, sagt Gehring. „Es macht unheimlich viel Spaß.“ 

Bewegung lindert Lampenfieber
Lampenfieber haben alle auch nach Jahrzehnten auf der Bühne noch. „Und es wird immer schlimmer“, sagt Schneider. „Denn je länger man es macht, umso besser weiß man ja, welche Katastrophen passieren können.“ Gehring bekämpft die Aufregung vor den ersten Akkorden mit Bewegung. Besonders schlimm sei es vor einem Wohnzimmerkonzert gewesen, zu dem er viele befreundete – und durchaus kritische – Musiker eingeladen hatte. „Da bin ich den ganzen Nachmittag vorher durch die Gegend getigert.“ Bettin setzt auf gründliche Vorbereitung: „Ich übe und kann das dann zuverlässig abrufen.“ 

Wer mehr über Gehrings Musik wissen möchte, findet auf Spotify Aufnahmen der Band „Rope Team“, in der er viele Jahre lang mit dem Lübecker Arzt Sven Soecknick aufgetreten ist. Unter dem Titel „Tell me“ und dem Bandnamen „Rope Team“ können einzelne Titel abgerufen werden. Mit seiner Begeisterung für Musik als Ausgleich zum oft anstrengenden ärztlichen Alltag befindet Gehring sich in Schleswig-Holstein in guter Gesellschaft. So organisiert der Chirurg Dr. Martin Blümke, Klinikmanager am Westküstenklinikum, in seiner Freizeit das Festival „Rock am Töschen“.

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