
Mobile Ethikberatung hat sich etabliert
Ein Patient mit mehrfacher körperlicher und geistiger Behinderung wurde aus einem stationären Aufenthalt mit der Maßgabe entlassen, dass es bei einer erneuten Einweisung nur noch eine rein palliative Begleitung geben würde. Der Hausarzt hatte eine andere Einschätzung über die weiteren Schritte, die für seinen Patienten erforderlich wären.
Eine an Demenz erkrankte Patientin hatte sich den Arm gebrochen, die sie betreuende Tochter lehnte eine stationäre Einweisung aber ab. Eine Ärztin, die vertretungsweise zur Patientin gerufen wurde, hielt das für falsch.
Behandelnde in der Wahrnehmung ihrer Verantwortung unterstützen
In beiden Fällen wandten sich die Ärzte an die MEGSH. Sie nahmen zunächst telefonisch Kontakt auf, um ihre ethischen Bedenken zu schildern. „Wir möchten Behandelnde in der Wahrnehmung ihrer Verantwortung unterstützen sowie gemeinsam Handlungsoptionen erarbeiten und bedenken. In vielen Fällen kommt es zu Folgegesprächen, sei es telefonisch, in Präsenz vor Ort oder in Form von Videokonferenzen mit mehreren Beteiligten“, sagte der erste Vorsitzende des Vereins, Sebastian Heinlein. Hauptberuflich ist Heinlein Palliativpflegefachmann und Ethikbeauftragter beim Palliativnetz Travebogen in Lübeck.

„Wir möchten Behandelnde in der Wahrnehmung ihrer Verantwortung unterstützen sowie gemeinsam Handlungsoptionen erarbeiten und bedenken."
Akteure haben den Reflexionsraum vermisst
Das Themenspektrum der unabhängigen Beratungen der MEGSH ist breit gefächert. Dazu gehören beispielsweise Fragen zur Therapiezielklärung, zu lebensverlängernden Maßnahmen, zur künstlichen Ernährung, zum Umgang mit Todeswünschen und zur Umsetzung von Patientenverfügungen.
Die mobile, also außerklinische Ethikberatung stößt wohl auch deshalb auf Resonanz, weil die Akteure den hier gebotenen Reflexionsraum zuvor vermisst haben. Es wird nicht nur eine punktuelle Intervention angeboten, sondern bei Bedarf wiederholte, niedrigschwellige Unterstützung. Es können mehrere Beteiligte eingebunden werden, die Position der Angehörigen spielt eine wichtige Rolle.
Ergänzendes Angebot zu den bestehenden Strukturen
Heinlein gehört zu den Akteure der ersten Stunde der MEGSH, in der sich Pflegende, Ärztinnen und Ärzte, Angehörige weiterer Berufe im Gesundheitswesen sowie Einrichtungen wie die Ärztekammer Schleswig-Holstein zusammengeschlossen haben. Die MEGSH bindet die bestehenden Strukturen und Institutionen der Ethikberatung und Gesundheitsversorgung im Land in ein spezifisches Netzwerk ein und ergänzt es. Beratend wird der Verein tätig, wenn vor Ort keine Ethikberatungen verfügbar sind.
Wichtige Meilensteine erreicht
In den fünf Jahren seines Bestehens hat der rein ehrenamtlich geführte Verein eine Reihe wichtiger Meilensteine erreicht. Im Gespräch mit dem Schleswig-Holsteinischen Ärzteblatt hob Heinlein folgende Punkte hervor:
- Gründung: Um ein funktionierendes, landesweites Angebot zu schaffen, das arbeitsfähig ist, mussten zahlreiche rechtliche und infrastrukturelle Hürden genommen werden – von der Vereinsgründung bis zur Schaffung der Erreichbarkeit.
- Etablierung: Aus den zuvor nur vereinzelten Beratungen wurde ein gebündeltes Angebot geschaffen, das seinen Platz in Schleswig-Holstein gefunden hat. Die Zahl der Beratungen steigt seit der Gründung kontinuierlich, seitdem gab es bis zur Jahresmitte 2026 insgesamt 69 Anfragen.
- Vernetzung: Der Verein konnte Kontakte zu zahlreichen Stellen landesweit knüpfen und steht in Kontakt mit Betreuungsvereinen, Behörden, Politik und zahlreichen Trägern des Gesundheitswesens. Heinlein stellte klar: „Wir wollen kein Solitär sein, sondern suchen den Austausch.“
- Impulse: Neben den Ethikberatungen leistet der Verein auch Aufbauhilfe und Unterstützung, wenn sich lokal weitere Ethikberatungen etwa bei Hospizvereinen bilden. Zugleich berät der Vorstand der MEGSH in anderen Bundesländern, wenn dort Pendants entstehen.
Der Verein wurde 2022 mit dem Förder- und Anerkennungspreis Ethik der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin ausgezeichnet.
Keine hauptamtliche Unterstützung
Nicht erreicht wurde eine ursprünglich angedachte hauptamtliche Unterstützung. Über die damals noch bestehende Pflegeberufekammer sollte zumindest eine telefonische Anlaufstelle geschaffen werden. Mit Auflösung der Pflegeberufekammer entfiel diese Möglichkeit. Ehrenamtlich kommen die Beteiligten an ihre Grenzen und können zum Beispiel auch deutlich weniger für die Öffentlichkeitsarbeit investieren. Trotz der Beschränkung auf ehrenamtliche Akteure: Die Beratungstätigkeit soll darunter nicht leiden - Heinlein strebt ein organisches Wachstum an.
Kontakt
Mobile Ethikberatung im Gesundheitswesen für Schleswig-Holstein (MEGSH)
Telefon: 0451 583490-40
E-Mail: kontakt(at)megsh.de
Homepage: www.megsh.de





