
Mitgestalten, nicht nur begleiten
Eine Ärzteschaft, die KI mit Skepsis betrachtet, mit Bedenken zu verhindern oder zu verzögern versucht oder ganz offen ablehnt? Das Dialogforum der Bundesärztekammer für junge Ärztinnen und Ärzte am Vortag des Deutschen Ärztetags zeigte, dass das Gegenteil der Fall ist. „KI konkret im ärztlichen Alltag“ hieß der diesjährige Titel des Dialogforums, das auf breite Resonanz stieß – nicht ausschließlich bei jungen Ärztinnen und Ärzten. Die allerdings gaben den Ton an in einer sogenannten Fish-Bowl-Diskussion, bei der sich Teilnehmende mit einer Frage oder einem Statement zur Diskussionsrunde setzen und etwas beitragen konnten. Ihre Statements zeigten, wie konstruktiv sie sich mit dem Thema beschäftigen. Ein Auszug aus ihren Beiträgen:
- „Wichtig ist die Qualität der Daten, mit der wir die KI füttern“, gab eine junge Klinikärztin zu bedenken. Sie verwies darauf, dass sonst zum Beispiel der Gender-Gap in der Medizin oder die Diskriminierung einzelner Bevölkerungsgruppen nicht beseitigt wird. KI bietet aus ihrer Sicht die Chance auf eine individuellere Medizin – und auf eine gerechtere.
- „Ist es zu verantworten, KI nicht einzusetzen“, fragte eine andere Ärztin – für Berlins Kammerpräsidenten Dr. Peter Bobbert eine rhetorische Frage. Ein „das darf nicht sein“ in Bezug auf KI ist für ihn keine Option. Für ihn ist klar, dass die Aussicht, dass KI zu besseren Überlebenschancen oder Therapieerfolgen beitragen kann, eine Ablehnung dieser Innovation ausschließt.
- „Wie gehen wir damit um, wenn die KI in der Praxis plötzlich im Beisein des Patienten etwas Auffälliges anzeigt und die Technik rot blinkt? Ich musste lernen, dass ich den Patienten darauf vorbereite“, berichtete ein niedergelassener Dermatologe. Wie kommunizieren Ärztinnen und Ärzte so etwas gegenüber den Patienten? Bei dieser Frage sieht der Dermatologe auch die Kammern gefragt.
- „Lassen Sie uns den geschützten Raum Sprechzimmer bewahren“, mahnte eine Hamburger Hausärztin. KI-Lösungen, die Gespräche aufzeichnen und das Gesprochene anschließend in Arztbriefe und Therapievorschläge verfeinern, hält sie im Hinblick auf die oft sensiblen Gespräche für bedenklich. Hausärztin Dr. Julia Fritz, Vorsitzende der Vertretung der sächsischen Jungen Ärzte, verwies aber auf die jederzeit bestehende Möglichkeit, sich gegen eine Aufzeichnung zu entscheiden.

„KI kann unsere Arbeit verbessern – wenn wir sie verantwortungsvoll integrieren und das Patientenwohl konsequent im Blick behalten.“
So aufgeschlossen die Mehrzahl der Ärztinnen und Ärzte der KI in der Medizin begegnen, wurde doch klar, dass dies nicht selbstverständlich ist. Ein Arzt in Weiterbildung berichtete aus seinem Klinikalltag, in dem er bei Hinweisen auf mögliche Verbesserungen durch KI von der Oberärztin zu hören bekommt, dass er sich auf die medizinischen Inhalte seiner Weiterbildung konzentrieren möge. Seine nüchterne Bestandsaufnahme: „Ich erlebe täglich Digitalverweigerer in der Klinik.“
Systemabstürze sorgen für Ärger
Ein Grund dafür, dass KI im deutschen Gesundheitswesen noch nicht weiter ist, sind nach Überzeugung einer Teilnehmerin die Systemabstürze – Technik funktioniert nicht komplikationsfrei und sorgt damit für Frust. Ein anderer möglicher Grund ist die Frage der Finanzierung. Deutlich wurde auch, dass die Schnittstellen fehlen – insbesondere zwischen den Sektoren. Ein Appell eines jungen Arztes aus einer kleineren Klinik: KI darf nicht nur an den Universitätsstandorten und großen Kliniken Einzug halten. Die kleineren Häuser seien mindestens genauso stark darauf angewiesen.
SH-Delegierte begrüßen KI-Debatte und Dialogforum
Auch bei den schleswig-holsteinischen Delegierten stießen KI und das Dialogforum auf Resonanz.
Dr. Victoria Witt sagte: „KI wird die ärztliche Arbeit tiefgreifend verändern – deshalb müssen wir ihre Entwicklung aktiv mitgestalten, statt sie nur zu begleiten. Der Ärztetag hat klar betont: Die Verantwortung für medizinische Entscheidungen bleibt ärztlich, Empathie und Beziehung sind unverzichtbar. KI kann unsere Arbeit verbessern – wenn wir sie verantwortungsvoll integrieren und das Patientenwohl konsequent im Blick behalten.“





