Seehospiz II auf Amrum (Ansichtskarte um 1910) ©Jüttemann
Seehospiz II auf Amrum (Ansichtskarte um 1910) ©Jüttemann
Seehospiz II auf Amrum (Ansichtskarte um 1910) ©Jüttemann

Mit Seeluft und Salzwasser gegen Skrofulose und Rachitis

Kinder mit Skrofulose und Rachitis waren in Berlin und anderen Großstädten im 19. Jahrhundert kein seltenes Bild. Damit sie sich erholen konnten, wurden u.a. in Schleswig-Holstein sogenannte „Seehospize" gebaut. Medizinhistoriker Prof. Andreas Jüttemann wirft einen Blick auf ihre Entstehung und ordnet ihre Bedeutung ein.

Prof. Andreas Jüttemann

Im 19. Jahrhundert litten in deutschen Großstädten vor allem Kinder aus ärmeren Familien an Krankheiten, die durch die äußerst schlechte soziale Situation und mangelnde gesundheitliche Versorgung bedingt waren. Neben der Tuberkulose, deren Ausbreitung insbesondere durch Ernährungsmangel und unzureichende Wohnverhältnisse begünstigt wurde, waren Skrofulose und Rachitis in den Armenvierteln Berlins und der Hansestädte ein großes Problem.

Um diesen Krankheiten vorzubeugen oder sie zu bekämpfen, wurden besondere Einrichtungen geschaffen. Unterernährte, geschwächte und kranke Stadtkinder sollten sich vor allem zur Vor- und Nachsorge in den am Meer gelegenen Seehospizen erholen. Bereits in der Antike war die Heilkraft des Meeres bekannt. Seeluft und Salzwasser sah man als Heilsbringer an.

Auch die Angst vor der wütenden Arbeiterschicht spielte eine Rolle
Neben den medizinischen Gründen für die Errichtung spezieller Anstalten, im norddeutschen Raum „Seehospize“ genannt, spielten auch gesellschaftspolitische Erwägungen eine Rolle. Adelige und reiche Großbürger und -bürgerinnen finanzierten die Gründungen von Kureinrichtungen und übernahmen die Kosten für den Aufenthalt. Bauprojekte konnten durch Spenden ermöglicht werden. Die Motive für diese Wohltätigkeit waren durchaus vielfältig: zum einen steigerte es das gesellschaftliche Ansehen der Fördererinnen und Förderer, zum anderen hatten großbürgerliche Kreise Angst, dass sich die Arbeiterschicht, in der Hunger, Armut und viele Krankheiten insbesondere bei Kindern – die Kindersterblichkeit war sehr hoch – weit verbreitet waren, aufgrund von Verzweiflung und Wut über ihre desolate Lage immer stärker für die damals noch neuen sozialdemokratischen und sozialistischen Ideen begeisterte.

1883 eröffnete das Seehospiz in Wyk auf Föhr
Der Marburger Arzt Friedrich Wilhelm Beneke (1824-1882) gründete neben einer bestehenden Einrichtung auf Norderney auch im Ort Wyk auf Föhr ein erstes nordfriesisches Seehospiz. Es konnte am 15. Mai 1883, also erst nach seinem Tode, mit Plätzen für 35 Jungen und 50 Mädchen eröffnet werden. Hier sollten vor allem Kinder aus den preußischen Städten Berlin und Altona die Möglichkeit bekommen, sich von ihrem häuslichen Umfeld zu erholen.

Die Wyker Anstalt wurde im Jahr 1901 auf 157 Betten erweitert, die im Berichtsjahr mit 54 Berliner Kindern belegt wurden. Auf Föhr wurden in den folgenden Jahren mehrere kleinere Seehospize und Kinderheilstätten gegründet. Besonders hervorzuheben ist das im Juni 1909 eröffnete Kinder-Erholungsheim „Haus Schöneberg“ mit 110 Betten im Ortsteil Boldixum, gegründet von der heute zu Berlin gehörenden Stadt Schöneberg. Die Einrichtung wurde später sogar direkt dem städtischen Berliner Auguste-Viktoria-Krankenhaus (heute Vivantes) zugeordnet und noch 1960 als „Berliner Kinderheilstätte Schöneberg“ (für Kinder mit Asthma, Allergien und Bronchitis) bezeichnet. 

Im Jahr 1923 übernahm die Stadt Hamburg Benekes Seehospiz auf Wyk, das fortan „Hamburger Kinderheim“ hieß. Es existiert noch heute als Haus „Meerzeit“ der Rudolf-Ballin-Stiftung.

Bodelschwinghs Initiative für ein Seehospiz auf Amrum
Ebenso beliebt war die Nachbarinsel Amrum für den Bau von Seehospizen. Hier entstanden nördlich von Norddorf mehrere Häuser für Kinder. Auf Initiative des bekannten Bielefelder Theologen Friedrich von Bodelschwingh (1831–1910) wurde 1890 das erste Haus in Fertigbauweise errichtet. Vornehmlich skrofulöse Kinder, aber auch erholungsbedürftige erwachsene Kurgäste konnten sich hier erholen. Da sich dieses Kurangebot großer Beliebtheit erfreute, ließ Bodelschwingh auf Amrum weitere Häuser dieser Art errichten. Im Jahre 1990 beendete die Westfälische Diakonissenanstalt den Betrieb, 2001 erfolgte der Abriss der historischen Gebäude. Heute erinnert ein Gedenkstein an das Amrumer Seehospiz.

Plätze reichten nicht für umfassende Hilfe
Den Seehospizen kommt aber – ähnlich wie den Tuberkulose-Heilstätten – nur eine symbolische Bedeutung bei der Bekämpfung der Skrofulose und Rachitis zu. Es konnten um 1890 in den deutschen Seehospizen etwa 1.000 leicht erkrankte Kinder pro Jahr verpflegt werden. Im Vergleich zur großen Anzahl von Kindern aus sozial schwachen Familien, die häufig in den großen Städten in Armut lebten, war dies eine verschwindend geringe Zahl.

Vor dem Ersten Weltkrieg gab es über 20 Seehospize, in denen aber auch nur 6.000 Kinder pro Jahr behandelt werden konnten. Die Plätze in den Seehospizen reichten aber nicht, um die vielen kranken Kinder, vor allem aus den sozial unteren Schichten gesundheitlich zu versorgen. Gegen Ende der 1920er Jahre wurde auch die hervorragende Wirkung von Vitaminpräparaten bekannt. Vor allem die Verabreichung von Vitamin D (Vigantol) wurde ab 1927 Standard. Auch Höhensonnentherapien ersetzten Seehospizkuren.

Die Diagnose Rachitis oder Skrofulose bei Kindern kam spätestens nach der Wirtschaftswunderzeit immer seltener vor. Ärztinnen und Ärzte empfahlen immer seltener einen Aufenthalt in einem Seehospiz. Viele Häuser waren aber inzwischen zu Ferienheimen umgewandelt worden. Die temporär große Bedeutung der Kuraufenthalte und die große Leistung der betreuenden Fachkräfte sollte aber nicht unterschätzt werden. 

Eine ausführlichere Darstellung der Seehospiz-Geschichte findet sich hier: Jüttemann, A. (2022): „Salz und Brod macht Wangen roth.“ Die deutschen und österreichischen Seehospize für skrofulöse und rachitische Kinder, 1873–1914. In: Scheutz, M; Vanja, C. & Weiß, A.C. (Hrsg.): Zwischen Pädagogik und Heilkunst. Kinderversorgung von der Renaissance bis zur Gegenwart. Leipzig: Universitätsverlag; S. 213-250.

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