Eine schlanke, mittelalte Frau im weißen Kittel lächelt in die Kamera.
Dr. Tonia Iblher ©Fotowerker, André Ganzer
Dr. Tonia Iblher ©Fotowerker, André Ganzer

Mit Netzwerk und Detektivarbeit zum Therapieerfolg

Dr. Tonia und PD Dr. Peter Iblher berichten von der Behandlung von Schmerzbetroffenen in der Praxis und der Klinik. Sie erleben zum Teil verzweifelte Patienten, können aber auch Zukunftsperspektiven eröffnen.

Esther Geisslinger

Herr PD Dr. Iblher, Sie sind Chefarzt des Schmerzzentrums am Ameos Klinikum auf Fehmarn und Sie, Frau Dr. Iblher, behandeln als Allgemeinmedizinerin in einer auf Schmerzbehandlung spezialisierten Praxis in Lübeck Schmerzpatienten. Was für Fälle, was für Menschen sehen Sie da?

Dr. Tonia Iblher: Wir sehen überwiegend Patienten, bei denen der chronische Schmerz eine eigene Erkrankung darstellt. Herausfordernd und spannend ist das breite Spektrum der Krankheitsbilder aus allen Fachbereichen, etwa Schmerzen des Bewegungsapparates, Kopf- und Nervenschmerzen, Endometriose, aber auch seltene Erkrankungen, wie Morbus Fabry oder Tumorschmerzen. Wir müssen uns in vielen Krankheitsbildern gut auskennen! Am Anfang braucht es den differenzialdiagnostischen Ansatz. Wir schauen alle Unterlagen durch und versuchen im Rahmen des Aufnahmegesprächs zu verstehen, warum dieser Patient diese Schmerzen hat und ob das alles zusammenpasst. Wir sehen auch immer wieder Fälle, in denen alles eine ganz andere Wendung nimmt, weil doch nochmal eine neue Diagnose gestellt wird. Es ist die Suche nach dem fehlenden Puzzleteil im Rahmen eines ganzheitlichen Denkansatzes. Bei diesem Ansatz lernen wir die Patienten zu Anfang schon sehr intensiv kennen.

PD Dr. Peter Iblher: Das gilt genauso für die Klinik: Fast wie in Detektivarbeit müssen wir im multimodalen Behandlungsteam das Krankheitsbild verstehen. Wir formulieren eine fundierte Behandlungshypothese und überführen diese in individuelle Therapieansätze. Teilweise sind unsere Patienten so krank, dass diese nicht mehr ambulant zu führen sind, weil Behandlungserfolge stagnieren oder Maßnahmen erforderlich sind, die nur stationär erfolgen können.

Wie geht es den Menschen psychisch, wenn sie bei Ihnen ankommen?

P. Iblher: Viele sind sehr belastet und verzweifelt, bis zum Lebensüberdruss. Oft sagen die Patienten in den Gesprächen, wir wären ihre letzte Hoffnung. Durch Schmerzen werden Menschen aus ihrem Leben gerissen, sie bekommen Probleme auf vielen Ebenen, beruflich, familiär und auch finanziell. Es geht dann nicht nur darum, nur den Schmerz zu behandeln, sondern den Menschen im Ganzen mit seinen Bedürfnissen zu sehen. Vielen Patienten können wir helfen, denen geht es besser und sie haben eine Zukunftsperspektive. Ich erinnere mich an einen Patienten, der weinend bei mir im Sprechzimmer saß, weil er aufgrund seiner Schmerzen nicht mehr mit seinem Enkel angeln gehen konnte. Also stand für uns im Vordergrund, ihm das wieder zu ermöglichen, und das haben wir geschafft.

Schmerz ist als Warnsignal des Körpers ja erstmal durchaus sinnvoll, um auf eine Wunde oder akute Störung hinzuweisen. Aber wenn er länger andauert, bräuchte es eigentlich rasch die richtige fachliche Hilfe. Klappt das in Schleswig-Holstein?

P. Iblher: Wir haben eine massive Unterversorgung! In Schleswig-Holstein dauert es im Schnitt über vier Jahre, bis chronischer Schmerz erkannt und adäquat behandelt wird. Dabei ist Schmerz eine Volkskrankheit: Jeder vierte Mensch in Deutschland leidet daran, Millionen von ihnen sind bei uns von lang anhaltenden, chronischen Schmerzen betroffen.

T. Iblher: Natürlich hat nicht jeder Betroffene mit Schmerzen auch gleich ein chronisches Schmerzsyndrom. Aber generell ist die Lücke zwischen dem Erkennen und dem Zuweisen in Spezialkliniken oder -praxen zu lang. Selbst in Lübeck mit eigentlich guter Versorgung dauert es bis zu einem Jahr.

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„Wir haben eine massive Unterversorgung! In Schleswig-Holstein dauert es im Schnitt über vier Jahre, bis chronischer Schmerz erkannt und adäquat behandelt wird.”

PD Dr. Peter Iblher

Betroffene berichten oft, dass Ärzte ihr Leiden nicht ernst nehmen, nach dem Motto „Nehmen Sie eine Tablette und stellen Sie sich nicht so an“. Was ist Ihr Rat an die Kolleginnen und Kollegen, bei welchen Stichworten sollten sie aufmerksam werden?

T. Iblher: Ein Warnzeichen, bei dem Hausärzte aufhorchen sollten, ist, wenn der Schmerz das Denken einengt, wenn er raumgreifend wird und alle Bereiche des Lebens betrifft. Ich glaube, dass viele Kolleginnen und Kollegen gerne mehr Zeit für die Patienten hätten. Aber die Akutmedizin ist eben auf Effektivität und Wirtschaftlichkeit getrimmt. Darum ist die schmerzmedizinische Mitbehandlung bei chronischen Schmerzen entlastend und wertvoll: für Patienten und Kollegen. 

P. Iblher: Weitere Warnzeichen sind, wenn etablierte Therapieverfahren nicht greifen, wenn übermäßig und wahllos Medikamente, teilweise sogar ohne Wirksamkeit, geschluckt werden. Auch wenn Schmerzen länger als drei bis sechs Monaten bestehen, muss man hellhörig werden, dann ist die akute Warnfunktion des Schmerzes eigentlich weg. Und dann wäre der richtige Moment zu sagen: Dieser Patient gehört zum Schmerzmediziner. Das ist dann kein Eingeständnis eines Versagens, sondern vielmehr der folgerichtige Schritt. Da sind auch teilweise einige Kollegen nicht gut über die Möglichkeiten informiert.

Wenn die Menschen bei Ihnen angekommen sind, wie können Sie helfen? 

T. Iblher: Wir bauen ein Netzwerk auf. Was hilft, ist individuell: Medikamente, Physiotherapie, Psychotherapie. Für die Betroffenen ist wichtig zu erkennen, dass Schmerz ein Teil ihres Lebens ist, dass sie aber dennoch der Pilot ihres eigenen Schicksals bleiben. Das gelingt ambulant bei einigen, aber es sind rund 100 Stunden Therapie aller Art nötig, bis der Patient es verinnerlicht hat.

Und wenn es ambulant nicht klappt, hilft der Klinikaufenthalt?

P. Iblher: Es gibt wie gesagt Patienten, die kommen im ambulanten Bereich nicht von der Stelle oder sind zu krank, da kann die stationäre Behandlung helfen. Sie bekommen dort mit den stationären Möglichkeiten und insbesondere durch den engen Austausch der Schmerzexperten aus verschiedenen Fachbereichen eine Behandlungsintensität hin, die sie ambulant einfach nicht realisieren können. Es gibt auch gravierende akute Schmerzerkrankungen mit hohem Schmerzniveau, die sie kurzfristig stationär behandeln müssen. Die Erfolge sind dann aber auch nur die Grundlage, auf der es dann weiter geht. Da braucht es dann das erwähnte Netz im ambulanten Bereich.

Wie sind Sie beide selbst auf das Thema Schmerz gekommen?  

T. Iblher: Schon im Studium habe ich mich mit Akupunktur befasst und hatte viel Kontakt zu Schmerzpatienten. In der Allgemeinmedizin bleibt wenig Zeit, auf die Betroffenen einzugehen – man schreibt sie immer wieder krank, kommt aber nicht wirklich an die Wurzel. In der Schmerztherapie ist mehr Zeit, und sie setzt auf die Zusammenarbeit mit anderen. Diesen Austausch und die Erfahrung, Patienten im Team aufzufangen, genieße ich sehr. Lonesome Rider spielen ist nicht so meins.

P. Iblher: Ich war als Anästhesist am UKSH in Lübeck zunächst zuständig für die Behandlung von Akutschmerzen nach OP und dann in der Schmerzambulanz tätig. Den Patienten ging es schlecht, ich konnte sehr konkret helfen und Gutes tun. Dabei entdeckt man manchmal Gründe für Schmerzen, die andere übersehen haben. Dieses Detektivspielen macht mir Spaß – früher trug ich den Spitznamen Sherlock. 

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