Mit Audio-beitrag
Dr. Claas-Olsen Behn
Dr. Claas-Olsen Behn ©Esther Geißlinger
Dr. Claas-Olsen Behn ©Esther Geißlinger

KI in der Medizin: mehr Chance als Risiko?

Bringen KI-Anwendungen eine Revolution oder Evolution für den Gesundheitssektor? Diese Frage stand im Mittelpunkt des diesjährigen Norddeutschen Dialogs, zu dem die Barmer Ersatzkasse nach Kiel eingeladen hatte. Die Fachleute auf dem Podium, darunter Staatssekretär Dr. phil. Olaf Tauras (CDU), sahen vor allem Chancen, benannten aber auch Risiken.

Esther Geißlinger

KI ist längst da. Als Beispiel nannte Tauras das Präventionsprogramm zur Früherkennung von Brustkrebs, QuaMaDi, bei dem ein Programm die Röntgenbilder scannt. Vernünftig, denn Bildverarbeitung „kann die KI heute schon besser als Menschen“, sagte Prof. Philipp Rostalski, Direktor der Fraunhofer-Einrichtung für Individualisierte und Zellbasierte Medizintechnik (IMTE) in Lübeck. Doch eingesetzt werde die KI noch selten: „Das Vertrauen fehlt.“ Zurzeit testen Rostalski und sein Team in einer simulierten Umgebung die Automatisierung der Intensivstation. Dabei hat eine KI alle Daten im Blick, sieht Auffälligkeiten, warnt oder steuert selbst ein Gerät nach. Denkbar ist auch, dass die KI einen Roboterarm bewegt. Dabei sei es wichtig, Vertrauen zu erzeugen: „Wir müssen erklären, was hinter den Kulissen passiert, wie die KI zu einer Entscheidung kommt.“

Abläufe in der Notaufnahme optimieren

Denn KI ist vieles, aber auch „intelligent“? „Intelligent ist, was das Problem gut löst“, definierte es Dr. rer. nat. Mattis Hartwig. Der Geschäftsführer der Firma singularIT aus Lübeck berichtete vom Projekt APONA, bei dem seine Firma mit dem UKSH zusammenarbeitet. APONA will die Abläufe in der Notaufnahme verbessern: „Patienten bleiben zu lange da, weil es kein Bett für sie gibt“, sagte Hartwig. Um das zu ändern, lernte ein Programm aus Daten früherer Fälle, welche Menschen mutmaßlich stationär aufgenommen werden und sucht bereits nach einem freien Bett, während der Patient noch untersucht wird.    

Wo kann KI der Medizin helfen, Prof. Kai Wehkamp?

Künstliche Intelligenz: Ein Mega-Thema nicht nur in der Medizin, mit dem sich Internist Prof. Kai Wehkamp schon seit vielen Jahren beschäftigt. In der jüngsten Kammerversammlung der Ärztekammer diskutierte er mit den Delegierten über die größten Herausforderungen. Anschließend verriet er im Podcast, was ihn persönlich am Thema fasziniert, wo er die größten Potenziale sieht und warum nicht überall KI drinsteckt, wo es für Laien nach KI aussieht.

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Potenzielle Risiken erkennen

Aus Daten die Zukunft lesen – das kann auch die Assistenzsoftware „MAIA“, kurz für Medical Artificial Intelligence Assistant, die im UKSH Kiel im Einsatz ist. Sie verarbeitet die Krankenakte und die aktuellen Werte und weist auf künftige Probleme hin, etwa Nierenversagen oder Sturzgefahr. Hinter dem Projekt steht u.a. Dr. Claas-Olsen Behn, der „Datenfluss-Manager“ des UKSH Kiel. Er sieht große Chancen durch KI, warnt aber vor dem Glauben, neue Technik werde alle Probleme auf einen Schlag lösen: „Das Risiko ist, dass wir die Umsetzbarkeit überschätzen.“ Auch er plädierte dafür, zu erklären, wie ein Programm zu einer Einschätzung kommt. Denn manchmal beruhten richtige Ergebnisse auf falschen Annahmen: „Während der Corona-Pandemie konnte die KI verlässlich sagen, wie schwer erkrankt ein Patient ist. Sie nutzte dafür aber keine Vitalfunktionen, sondern zählte, wie viele Kabel an dem Patienten hingen.“

Es kommt also auf gute Daten an – und daran scheitert manche Anwendung, etwa beim Schreiben von Arztbriefen. Denn neben der modernen KI stehen „Geräte, die aus IT-Sicht uralt sind, und da gibt es Schnittstellen-Probleme“, sagte Behn. Entsprechend teile sich die Belegschaft in zwei Lager: „Die einen setzen es trotzdem ein, die anderen winken ab und warten, bis das System ausgereift ist.“ 

KI-Zukunftsvision: mehrsprachige Anamnese am Telefon 

Ähnlich gespalten sei es in den Praxen der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte, sagte Dr. Bettina Schultz, Vorstandschefin der KV Schleswig-Holstein. Sie betonte: „Die Mehrzahl ist aufgeschlossen, vor allem wenn sie merken, dass Technik die Mitarbeitenden entlastet.“ Es gebe zahlreiche Anwendungen: „Wenn eine KI die telefonische Anamnese übernehmen könnte und das in jeder Sprache – so eine Hilfe wäre zum Niederknien.“

Dr. rer. oec. Bernd Hillebrandt, Landesgeschäftsführer der Barmer in Schleswig-Holstein, ist überzeugt, dass die Technik nicht aufzuhalten sei: „Uns werden Fachkräfte fehlen, wir brauchen mehr Effizienz.“ 

Für ihn war es der letzte Abend in dieser Funktion: Hillebrandt geht in Rente. Die Zeit in Kiel sei die beste in seinem Berufsleben gewesen, sagte der Fast-Ruheständler, der noch bis in den Herbst auf dem Posten bleiben und einen guten Übergang ermöglichen will. Wer ihm nachfolgen wird, stand zur Tagung im Juni noch nicht fest.    

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