
»Man zählt nicht mehr zum Kreis der Auserwählten»
Auch Ärztinnen und Ärzte sind von psychischen Erkrankungen betroffen – sprechen aber oft nicht darüber. Was sind die Gründe?
Dr. Astrid Freisen: Neben der Stigmatisierung von psychischen Erkrankungen im Allgemeinen ist meiner Ansicht nach ein wichtiger Grund das leider noch immer vermittelte Arztbild des „Halbgotts in Weiß“, der vor Gesundheit strotzt und dem Stress, Schichtarbeit und die mit dem Arztberuf verbundenen psychischen Belastungen, wie das Misslingen einer Behandlung oder der Tod von Patientinnen und Patienten, nichts anhaben können. An dessen glänzender „weißer Kittelrüstung“ alles abprallt. Bei meinen Veranstaltungen mit Studierenden habe ich erfahren, dass auch weiterhin im Studium vermittelt wird, dass es nur die Besten in diesen Beruf schaffen werden. Wenn man psychisch krank ist, zählt man nicht mehr zu diesem Kreis der Auserwählten. Gerade eine psychische Erkrankung wird auch heute noch viel zu oft als persönliche Schwäche angesehen – auch unter Ärztinnen und Ärzten, die es ja eigentlich besser wissen sollten. Aus Angst, als nicht belastbar und nicht stark genug zu gelten, werden deshalb psychische Erkrankungen verschwiegen, und Betroffene tendieren dazu Symptome zu verharmlosen, anstatt sich Hilfe zu suchen. Oft besteht auch die Angst, wegen einer psychischen Erkrankung die Approbation zu verlieren oder gar nicht erst zu erhalten. Auch deshalb wird oft lieber geschwiegen.
Welche Folgen hat dieses Schweigen oder Verheimlichen der eigenen Erkrankung für die Betroffenen?
Freisen: Das Verschweigen der Erkrankung, die Stigmatisierung und der Druck, unauffällig weiter funktionieren zu müssen, führen oft dazu, dass zu spät und zu selten professionelle Behandlung gesucht wird. Stattdessen greifen Ärztinnen und Ärzte zur Selbstmedikation oder zu Alkohol, um die Symptome zu unterdrücken. Daraus können dann weitere Probleme wie die Entwicklung einer Abhängigkeitserkrankung resultieren, und die zugrunde liegende psychische Symptomatik verschlimmert sich, weil keine adäquate Behandlung erfolgt.
Was könnte den betroffenen Ärztinnen und Ärzten aus Ihrer Sicht helfen, welche Angebote müssten geschaffen werden?
Freisen: Wichtig sind niedrigschwellige, auf Wunsch anonyme Beratungsangebote, um einen Schutzraum für betroffene Ärztinnen und Ärzte zu schaffen. Vertraulichkeit muss unbedingt garantiert sein. Verschiedene Ärztekammern bieten inzwischen solche Beratungsangebote an, oft mit dem Schwerpunkt Substanzabhängigkeit. Auch die Ärztekammer Schleswig-Holstein hat für Kolleginnen und Kollegen mit Suchtproblematik ein Interventionsprogramm. Im Rahmen einer Lotsenfunktion kann der Hilfsbedarf exploriert, und die weitere stationäre oder ambulante Behandlung geplant werden.
Meiner Ansicht nach sollte aber bereits im Studium klar benannt werden, dass Ärztinnen und Ärzte aufgrund hoher Belastungen im Beruf oft von psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Ängsten und Substanzabhängigkeit betroffen sind. Studierende sollten die Möglichkeit erhalten, Selbstfürsorge und Coping-Mechanismen zu erlernen und sich mit der eigenen Verletzlichkeit auseinanderzusetzen. Die Prävention psychischer Erkrankungen sollte stärker im Fokus stehen.
Sie selbst haben die Diagnose Bipolare Störung. Wann wurde die Diagnose gestellt und wo haben Sie Hilfe gesucht?
Freisen: Erstmalig stand die Diagnose 2006 im Raum, nach einer schweren depressiven Episode mit ausgeprägten Suizidgedanken, die letztlich zu einer stationären Aufnahme geführt hatten. Damals war ich noch nicht bereit, meine wiederkehrenden Hochs im Sommer als Hypomanien zu akzeptieren und dadurch anzuerkennen, dass ich nicht nur von rezidivierenden Depressionen betroffen war, sondern von einer Bipolaren Störung. Dies führte dazu, dass ich die mir verordnete stimmungsstabilisierende Medikation aufgrund von Nebenwirkungen absetzte und nur noch ein Antidepressivum ohne Phasenprophylaxe einnahm. 2010 erlebte ich dann eine so heftige manische Phase, dass das Verleugnen der Bipolaren Störung nicht mehr möglich war. Das war für mich ein Wendepunkt, weil ich nun für die richtige Behandlung bereit war. Nach einem Klinikaufenthalt fand ich einen empathischen, nicht wertenden ambulanten Psychiater, der mich professionell und unterstützend begleitete und mich nicht aufgrund meiner Diagnose stigmatisierte.
Was hat Ihnen am meisten geholfen?
Freisen: Neben der richtigen Medikation und einer guten psychiatrischen Begleitung war und ist für mich der Austausch mit anderen Betroffenen sehr wichtig. Zunächst traute ich mich das nur anonym in einem Online-Forum. Von anderen zu hören, dass sie in ihren manischen Phasen ebenfalls verstörende Dinge getan hatten, war etwas ganz anderes, als es nur in einem Lehrbuch zu lesen. Ich machte mich also auf die Suche nach Selbsthilfegruppen für psychisch erkrankte Ärztinnen und Ärzte, konnte aber keinerlei Angebote finden. 2014 gründete ich dann mit zwei Kolleginnen eine Gruppe für „Selbst Betroffene Profis“ innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Bipolare Störungen (DGBS e.V.), also für Menschen, die als Profis im Gesundheitswesen tätig und selbst von einer Bipolaren Störung betroffen sind. Neben Telefon- und Mailberatung bieten wir den Austausch in regelmäßig stattfindenden Online-Selbsthilfegruppen an. Seit 2014 ist unsere Gruppe kontinuierlich gewachsen und umfasst nun mehr als 80 Mitglieder. Für unsere Arbeit sind wir 2019 mit dem Antistigma-Preis der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychosomatik und Nervenheilkunde DGPPN ausgezeichnet worden.

„Man zählt nicht mehr zum Kreis der Auserwählten “
Warum haben Sie ein Buch darüber geschrieben?
Freisen: Ich will mit meinem Buch über die Bipolaren Störungen aufklären und dadurch zur Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen beitragen. Ich möchte zeigen, dass es jeden treffen kann, und dass Betroffene nicht an ihrer Erkrankung schuld sind und sich dafür nicht schämen müssen. Genauso wichtig ist es mir aber auch zu vermitteln, dass die Diagnose einer psychischen Erkrankung nicht das Ende bedeutet, sondern dass Betroffene bei adäquater Behandlung ein zufriedenes Leben führen können. Ich nutze meine Erfahrungen als Betroffene, Psychiaterin und Angehörige, um die Bipolarität aus verschiedenen, manchmal gegensätzlichen Perspektiven zu beleuchten.
Wie haben Kolleginnen und Kollegen auf Ihre Erkrankung reagiert?
Freisen: Die Reaktionen waren sehr unterschiedlich und reichten von unterstützend bis ablehnend. Generell hatte ich den Eindruck, dass mir weniger zugetraut wurde als vor dem Bekanntwerden meiner Erkrankung. Wirklich thematisiert wurde das allerdings weder von mir, noch von meinen Kolleginnen und Kollegen oder meinen Vorgesetzten. Für mich war enorm wichtig, dass ich meine Arbeitsstelle nicht verloren habe, sondern nach Absolvierung der Facharztprüfung nur acht Monate nach meiner schweren Manie einen unbefristeten Arbeitsvertrag erhalten habe. Das hat mir in dieser Situation sehr viel Sicherheit gegeben, ohne die meine Genesung bestimmt anders verlaufen wäre.
Warum werden so viele Bipolare Störungen bis heute nicht behandelt?
Freisen: Das Hauptproblem besteht darin, dass zwischen den ersten Symptomen und der Diagnose der Erkrankung immer noch sieben bis acht Jahre liegen. Oft wird die Fehldiagnose einer rezidivierenden Depression gestellt, weil Betroffene nur in der Depression Kontakt zum Gesundheitssystem aufnehmen, da sie sich in der (Hypo)Manie ja gut und glücklich fühlen und keine
Krankheitseinsicht haben. Die erste Kontaktaufnahme erfolgt wegen der langen Wartezeiten meist nicht mit einem Facharzt oder einer Fachärztin, sondern mit der Hausarztpraxis. Dort wird dann zwar ein Antidepressivum verordnet, aber oft nicht nach manischen Symptomen gefragt. Eine bessere Schulung der Allgemeinmedizinerinnen und -mediziner wäre hilfreich. Dasselbe trifft für die Ausbildung der Psychotherapeutinnen und -therapeuten zu, die ebenfalls oft Ansprechpartner für Menschen mit rezidivierenden Depressionen sind. Da Bipolare Störungen lange als nicht mit Psychotherapie behandelbarbar galten, erhalten sie in der Ausbildung wenig Raum und werden deshalb auch im psychotherapeutischen Behandlungskontext oft nicht erkannt.
Warum ist diese Krankheit so stark stigmatisiert?
Freisen: Die Bipolaren Störungen zählen zu den schweren psychiatrischen Erkrankungen. Sie gelten als nicht heilbar und haben einen chronischen Verlauf. Sie führen zu Beeinträchtigungen in der Alltagsführung, im Berufsleben und in sozialen Beziehungen. Insbesondere in manischen Phasen können Symptome auftreten, die nicht mit sozialen Normen vereinbar sind wie z.B. Promiskuität oder aggressives Verhalten. Bei schweren Verläufen können psychotische Symptome auftreten, die für das Umfeld unerklärlich und bedrohlich wirken. Die oft undifferenzierte Berichterstattung über prominente Betroffene, wie z.B. Britney Spears, die sich die Haare abrasiert oder Kayne West/Ye, der größenwahnsinnig und unberechenbar erscheint, befeuern die Stigmatisierung weiter.
Was wäre Ihr Rat an Kollegen mit einer psychischen Erkrankung?
Freisen: Mein wichtigster Rat ist es, sich selbst ernst zu nehmen und die eigene Gesundheit zu priorisieren, anstatt dem Bild des unverwundbaren Arztes entsprechen zu wollen. Sich Hilfe zu suchen, anstatt im Stillen zu leiden oder sich mit Selbstmedikation heilen zu wollen. Hätte ich mein eigenes Wohlbefinden höher gewertet als meine berufliche Funktionalität und mich früher um adäquate Hilfe bemüht, wäre mir im Rückblick einiges erspart geblieben. Aber eine psychische Erkrankung passte nicht in meinen Lebensentwurf. Und so habe ich Symptome ignoriert und heruntergespielt, mich irgendwie zusammengerissen und weiter gemacht. Aber psychische Erkrankungen verschwinden nicht, nur weil man sie ignoriert. Vielmehr ist oft das Gegenteil der Fall: sie werden stärker oder chronifizieren sogar. Deshalb ist Selbstfürsorge so wichtig. Wir sollten unsere eigene Gesundheit genauso ernst nehmen wie die Gesundheit unserer Patienten.





