Eine Gruppe ueruopäischer und afrikanischer Ärzte und Ärztinnen stehen und sitzen in überwiegend grüner OP-Kleidung und schauen gemeinsam in ide Kamera. Viele von ihnen tragen einen Mundschutz, der unter dem Kinn hängt.
Das Via Cordium-Team aus Lübeck mit Kollegen des Kollegen des Kibuye Level 2 Teaching Hospitals. © privat
Das Via Cordium-Team aus Lübeck mit Kollegen des Kollegen des Kibuye Level 2 Teaching Hospitals. © privat

Machetenverletzungen gehören zum Alltag

Ein neunköpfiges OP-Pflege- und Ärzteteam der Lübecker Hilfsorganisation Via Cordium e.V. war kürzlich in Ruanda. Das Ziel: ein langfristiges operatives Hilfsprojekt aufzubauen. Die Plastische Chirurgin Dr. Laura Tomala berichtet von ihren persönlichen Eindrücken und erzählt, wie ein Projektaufbau gelingen kann.

Dr. Laura Tomala

Unser Team hat nach intensiver Vorbereitung das Kibuye Krankenhaus in Ruanda mit  fast 400 Kilogramm Gepäck an medizinischer Ausrüstung und Medikamenten erreicht. Wir hatten das Ziel, die Kollegen vor Ort kennenzulernen, voneinander zu lernen, gemeinsam zu operieren und Wissen weiterzugeben. Empfangen wurden wir am Flughafen bereits von Osee Ntavuka, dem Leiter der ruandischen Partnerorganisation Rwanda Legacy of Hope. Die langjährige Zusammenarbeit und das Vertrauen zur Partnerorganisation vor Ort, die enge Verbindung zum ruandischen Gesundheitsministerium hat, haben den Einsatz möglich. Denn Natavuka sagte eindeutig, dass unser Einsatz benötigt und gewünscht ist und sowohl die ruandische Hilfsorganisation als auch das Gesundheitsministerium diesen Einsatz fördert.

Nicht belehren, nur zeigen
Das Interesse am theoretischen und praktischen Austausch im Krankenhaus von Kibuye ist groß und so kommen OP-Pflege, Anästhesiepflege, Anästhesisten und Chirurgen zusammen – alle in einem OP-Saal. Bei unserem Unterricht ging es nicht darum zu belehren, sondern nur zu zeigen, wie wir es in Deutschland in unseren Kliniken machen. Operiert haben wir nach einer intensiven Sprechstunde, um die OP-Indikationen zu besprechen, die Patienten zu befragen und aufzuklären. Immer dabei: ärztliche Kollegen, die beim Übersetzen und Dokumentieren helfen.

Ein besondere Fall aus Ruanda: „Guca ikirimi“
In der Notaufnahme wird ein Kind vorgestellt, das im Rachen stark blutet. Das Kind ist bereits schwach, es hat Blut verloren auf dem weiten Weg in das Krankenhaus. Die Ursache der Blutung – „Guca ikirimi“. In einigen Regionen von Ruanda und auch benachbarten Ländern gibt es die Praktik der „Guca ikirimi“, die traditionelle Entfernung der Uvula, die von selbsternannten Heilern vorgenommen wird. Oft erfolgt diese Praktik unter unsterilen Bedingungen und mit einfachen Messern und Scheren, um unspezifischen Beschwerden wie Fieber, Husten oder Halsschmerzen vorzubeugen oder diese zu behandeln. Das ruandische Gesundheitsministerium geht gegen die traditionelle Uvulektomie, der ein Irrglaube zugrunde liegt und die zu heftigen Blutungen und Entzündungen mit möglicher Todesfolge führen kann, vor. Zudem ist die Übertragung von Infektionskrankheiten wie HIV möglich. Dem kleinen Patienten in Kibuye geht es bald besser, weil die Blutung zügig durch eine lokale Anwendung mit adrenalin-getränkten Tupfern gestoppt werden konnte.

Kinder fallen beim Spielen ins offene Feuer
Welche Patienten werden uns vorgestellt? Mathias Tomala, Spezialist für Bauchdeckenrekonstruktionen und Hernienchirurgie, werden Patienten mit diesen Erkrankungen vorgestellt. Da viele Frauen in Ruanda viele Kinder bekommen, sind Bauchdeckenprobleme und Brüche häufig. Ich selbst bin Plastische Chirurgin und Handchirurgin und sah vor Ort viele Patienten mit kontrahierenden Narben nach Verbrennungen, Keloiden, älteren unversorgten Handverletzungen. Die Verbrennungen sind häufig, besonders bei Kindern, die beim Spielen in offene Feuer fallen. Und da es in ganz Ruanda – ein Land so groß wie Belgien – keine Ärzte oder Ärztinnen für Handchirurgie gibt, ist die Versorgung dort nur eingeschränkt möglich. 

Viele Schnittwunden und Amputationsverletzungen
Es fehlt auch an Ausrüstung – mikrochirurgische Instrumente sind in Kibuye etwa nicht vorhanden. Viele Menschen können nicht in die Hauptstadt Kigali reisen, wo einige Spezialisten operieren, weil es zu weit und zu teuer ist. Sie haben auch keine Verwandten vor Ort, die sich nach der Operation um sie kümmern könnten. Was ich in Kibuye sehe und nicht in Deutschland? Machetenverletzungen. Macheten werden für die Landwirtschaft genutzt und sind sehr scharf, führen meist zu tiefen Schnittwunden und Amputationsverletzungen, die einer aufwändige Rekonstruktion bedürfen.

Eine Gruppe von Menschen lehnt hinter Paketen mit Ausrüstung. Sie stehen unter einem Überdachung mit der Aufschrift Referral Hospital.
Angekommen – auch das große Gepäck hat das Krankenhaus in Kibuye vollständig erreicht. © privat
Ärztinnen und Ärzte aus Lübeck und Ruanda sitzen an einem lagen, hölzernen Tisch
Frühbesprechung der Chirurgen: Bevor in den Tag gestartet wird, beten die Ärzte kurz - trotz unterschiedlicher Religionszugehörigkeiten. Bei den Fallvorstellungen findet ein intensives Teaching der Assistenten statt. © privat
Eine Gruppe von 5 Operateuren während der OP beugen sich über einen nicht sichtbaren Patienten.
One-to-One Teaching im OP © privat
Fünf Menschen in grüner OP-Kleidung und mit Mundschutz blicken auf einen Bildschirm.
Fortbildung für das Anästhesie-Team, hier unter Anleitung von Dr. Veronika Dudeck, Dr. Jaqueline Bruhn und Manuela Hellwig-Lourenco (v.l.) © privat

Drohnen bringen Ausrüstung
Wir stehen vor dem Krankenhaus nach einem langen OP-Tag. Plötzlich zeigt sich am Himmel ein tief fliegendes unbekanntes Flugobjekt. Es kommt näher und über dem Krankenhaus kann man es erkennen – ein sehr kleines Flugzeug. Über dem Krankenhaus wirft es ein Paket ab, das an einem kleinen Fallschirm auf dem Gelände landet. Die Recherche ergibt, dass ein privates Unternehmen durch autonom fliegende Drohnen die medizinische Versorgung in Ruanda enorm verbessert hat. Seit 2016 bringen die Mini-Flugzeuge Blutkonserven, Impfstoffe und spezielle Medikamente in entlegene Gebiete des Landes. 

Ein Land im Aufbruch
Wir haben gut ausgebildete Ärzte und Pfleger kennengelernt, es gibt eine gute Basisversorgung für alle – abgesichert durch eine Krankenversicherung. Es ist zu spüren, dass sich die Menschen von dem traumatischen Erlebnis des Völkermordes an den Tutzi im Jahr 1994 befreien möchten, hin zu einem modernen afrikanischen Land. Die positiven Veränderungen haben auch das Gesundheitssystem verändert, denn durch die guten Arbeits- und Lebensbedingungen kommen viele Ärzte der umliegenden Länder zum Arbeiten nach Ruanda, unter anderem aus dem Sudan, Burundi und Äthiopien.

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Murakoze – danke!
Am Ende kann ich sagen: Murakoze – es bedeutet „Danke“ auf Kinyanruanda und heißt wörtlich übersetzt „Du hast gearbeitet“. Ja, wir haben gearbeitet, aber auch so viel Freude und Dankbarkeit zurückbekommen. Unser Herz schlägt für unsere Kolleginnen, Kollegen und Kibuye. 

Via Cordium e.V.
Die Lübecker Hilfsorganisation wurde 2015 durch eine Gruppe von Ärzten und Lehrern in Lübeck anlässlich der Erdbeben in Nepal gegründet. Die Hilfsprojekte in aller Welt werden stets mit lokalen Hilfsorganisationen gemeinsam umgesetzt. Die medizinischen und sozialen Einsätze finden auf Augenhöhe mit den Betroffenen statt, als Freundschaftsprojekte. Der unabhängige Verein wird ausschließlich durch Spenden finanziert und legt Wert auf geringe administrative Kosten, damit die Spenden eins zu eins in die Projekte fließen. Aktuelle Projekte finden in Deutschland, Ukraine, Nepal, Mustang und Tansania statt. Weitere Informationen auf www.via-cordium.com

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