
„Lernen, gute Gespräche zu führen“
Hat sich nach Ihrer Wahrnehmung in den vergangenen Jahren das Verhältnis zwischen Ärzten und Patienten geändert?
Vielleicht sind die Patientinnen insgesamt selbstbewusster geworden, was ich positiv finde. Sie wollen ihre eigenen Ansichten zu möglichen Ursachen und Behandlung von Krankheiten besprechen und verstehen. Dies nimmt mehr Zeit in Anspruch, aber letztendlich wünschen wir uns doch mündige Patient*innen. Durch mehr Patientinnen mit Migrationshintergrund kommen gelegentlich Verständigungsschwierigkeiten dazu. Hier hilft auch mal der Google-Übersetzer. In der Praxis in Kiel muss ich immer mal Englisch reden. Das hat aber auch den positiven Nebeneffekt, dass ich mein Englisch üben kann.
Welche Faktoren könnten dazu beigetragen haben?
Vielleicht hat es sich etwas dahin verändert, dass die Patientinnen sich mehr im Internet informieren. Durch die Zunahme digitaler Medien stehen mehr Informationen zur Verfügung, welche genutzt werden. Die Qualität der Informationen scheint sehr unterschiedlich zu sein, was diskutiert werden muss. Dem steht bei voller Praxis und enger Taktung der ständige Zeitmangel entgegen. Hier müssen wir lernen gute, effektive Gespräche und Beratung zu machen. Grundlagen dazu haben wir in der psychosomatischen Grundversorgung gelernt, sich weiter dazu zu informieren, hilft. Außerdem kommen mit neuen medizinischen Methoden neue Herausforderungen in der Beratung dazu, wie zum Beispiel die fachgebundene genetische Beratung bei Pränataldiagnostik oder neue Entwicklungen in der Tumortherapie.
Falls Sie eine geänderte Anspruchshaltung der Patientinnen und Patienten wahrnehmen: Wie wirkt sich das auf Ihr Verhältnis zu den Patienten aus?
In meiner Wahrnehmung steht nicht so sehr eine Anspruchshaltung im Vordergrund, sondern eine informierte Patientin, die sich schon selbst Gedanken gemacht hat, was ich gut finde. Nur wenn die Informationen nicht mit meinen übereinstimmen und darauf beharrt wird, wird es mühsam. Hier ist gute Gesprächsführung gefragt. Eventuell kommt es zum Kompromiss. Ich kann dann sagen: „Dies und das biete ich an, anderes müssen Sie anderweitig erfragen.“ Wichtig ist mir, dass die Stimmung gut bleibt.
Was erwarten Sie von der Patientin, damit die Arzt-Patientin-Beziehung nicht belastet wird?
Dass sie ehrlich bleibt und dass sie mich in meiner Rolle als Ärztin respektiert.
Wie haben Sie auf ein geändertes Arzt-Patientenverhältnis schon reagiert oder sich darauf eingestellt?
Ich versuche, auf zusätzliche Informationsmaterialien zu verweisen, gedruckt oder digital. Das heißt: Hinweis auf Quellen, die ich verlässlich finde. Wir haben vom Berufsverband hier gute Möglichkeiten. Z.B. die Website „Schwanger mit Dir“ inklusive Instagram Account, auf die alle Schwangeren mit einem Aufkleber im Mutterpass hingewiesen werden können, oder die Informationen, die über „Frauenärzte im Netz“ mit der Website der Praxis verlinkt werden können. Bei Tumorpatientinnen gibt es viele Infos von der Deutschen Krebshilfe, der Deutschen Krebsgesellschaft und auch Patient*innen-Infos in den Leitlinien. Wichtig sind für mich gelegentlich Informationen zu lokalen Beratungsstellen, Ambulanzen und Selbsthilfeorganisationen, besonders in psychisch belastenden Situationen, an die ich die Patientin weiter verweisen kann.





