
Kompetenzbasierte Weiterbildung implementieren
Weiterbildungsverbünde existieren bislang vor allem in der Allgemeinmedizin. Im Projekt „Weiterbildungsverbund Pädiatrie“, das durch das Landesgesundheitsministerium gefördert worden war, loteten das UKSH, Campus Lübeck, das Klinikum Itzehoe und sieben Kinderarztpraxen aus, ob und wie die Qualität der pädiatrischen Weiterbildung ebenso wie die Versorgungssicherheit mithilfe der Verbundstrukturen verbessert werden könnten.
Verlässliche Strukturen schaffen
Wesentliche Erkenntnisse des sozialwissenschaftlich begleiteten Projekts: Vor allem müssten verlässliche Strukturen geschaffen werden, sagte Dr. Christoph Weiß-Becker, in Husum niedergelassener Kinderarzt, Ausbildungsbeauftragter des schleswig-holsteinischen Berufsverbands der Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzte (BVKJ) und Initiator des Projekts. Das gelte sowohl für die personelle Planbarkeit der Einsätze in beiden Sektoren als auch für eine offene, wertschätzende Feedbackkultur. Gerade die differenzierte Rückmeldung könne den Weiterzubildenden mehr Sicherheit in ihren Kompetenzen geben, sagte Weiß-Becker. „In der Weiterbildung geht es viel um Austausch und Vertrauen.“
Die regelhafte Rotation zwischen Klinik und Praxis sei eine große Herausforderung unter den aktuellen gesundheitspolitischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Jetzt gehe es darum, eine kompetenzbasierte Weiterbildung nachhaltig zu implementieren. „Das ist der Anfang, nicht das Ende. Die Verbundarbeit soll sich verstetigen“, sagte der Kinderarzt.

„Wir brauchen die Beschreibung von anvertraubaren professionellen Tätigkeiten für die wichtigsten Handlungskompetenzen, die jeder Facharzt beherrschen muss.“
Ärztekammerpräsident Prof. Henrik Herrmann bekräftigte diesen Ansatz. „Die eigentliche Arbeit beginnt jetzt“, sagte er. Die neuen Erkenntnisse müssten landesweit ausgerollt und ins Alltagsgeschäft integriert werden. „Wir brauchen Veränderungsprozesse und was Sie gemacht haben, ist ja ein Veränderungsprozess. Das ist das wesentliche Ergebnis“, bilanzierte Herrmann. Im nächsten Schritt gehe es um die rechtliche und organisatorische Stärkung von Weiterbildungsverbünden, möglicherweise gesetzlich verankert. „Wir brauchen eine strukturierte Planung der Rotation und die koordinierte Vermittlung von Weiterbildungsinhalten.“
Mehr Peer-Teaching
Herrmann forderte in seinem Referat neben einem fest verankerten Peer-Teaching nach dem Vorbild der Schweiz mehr Ausrichtung auf praktische Fachkompetenz. „Wir brauchen die Beschreibung von anvertraubaren professionellen Tätigkeiten für die wichtigsten Handlungskompetenzen, die jeder Facharzt beherrschen muss.“ Die didaktischen Konzepte seien häufig veraltet und zu theoriebasiert. Man müsse die Weiterbildungsinhalte kritisch unter dem Aspekt prüfen, was ein Facharzt brauche, um sich niederzulassen oder um einen stationären Patienten „über die Nacht zu bringen“, so Herrmann. Darüber hinaus müsse die ärztliche Tätigkeit des Weiterzubildenden auch in der ambulanten Praxis als ärztliche Leistung abgerechnet werden können.

„Gehaltvolle und regelmäßige Weiterbildungsgespräche führen nachweislich zu höherer Berufszufriedenheit bei den Weiterzubildenden.“
Soziologin Dr. Irene Somm, die das Projekt wissenschaftlich begleitet hatte, bilanzierte die Veränderungen im „überlasteten System“, den Status quo und Lösungsansätze. Sie empfahl, das expansive Lernen zu fördern und die Feedbackkultur zu stärken. „Gehaltvolle und regelmäßige Weiterbildungsgespräche“ führten nachweislich zu höherer Berufszufriedenheit bei den Weiterzubildenden. Die Lehrenden wiederum bekämen dadurch einen guten Überblick, „wo es hakt“.
Kliniken wollen Modell weiterführen
Beide beteiligten Kliniken wollen die Weiterbildung im Verbund weiterführen. „Ich bin begeistert von dieser Art der Wissensvermittlung. Wir wurden der Vielfalt unserer Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung viel gerechter“, sagte Oberärztin Dr. Martina Kohl vom UKSH Lübeck. Wie Herrmann forderte sie, das Curriculum anzupassen und nicht nur Fachwissen, sondern vor allem Fähigkeiten zu bewerten.
Referentin Dr. Laura Rampf, als Kinderärztin sowohl am Klinikum Itzehoe als auch in einer Hamburger Praxis tätig, brach eine Lanze für strukturierte Supervision: „Die Zeit für Nachbesprechung ist immer knapp, wir sollten sie uns als Befugte aber nehmen“, sagte Rampf. Denn sie gewährleiste eine effiziente und begründete Übertragung von Verantwortung. „Das ist sehr wertvoll.“
Kollege Dr. Henning Nommels, Weiterbilder in einer Husumer Praxis mit 4,5 Kassensitzen, teilte diese Erfahrung. Die Praxis habe montags und freitags feste Zeiten für Supervision und strukturiertes Feedback eingerichtet. Das Modell sei allerdings nur in größeren Praxen umsetzbar. Man benötige genug Kolleginnen und Kollegen, die den laufenden Betrieb aufrechterhielten. „Strukturierte Supervisionszeit führt dazu, dass Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung schneller in Handlungskompetenzen kommen, das lässt sich über die Dokumentation nachweisen“, sagte Nommels.

„Eine geordnete, strukturierte Weiterbildung im Verbund trägt zur Qualität der Versorgung bei.“
Eine geordnete, strukturierte Weiterbildung im Verbund trägt zur Qualität der Versorgung bei“, sagte Dr. Georg Hillebrand, Ärztlicher Direktor des Klinikums Itzehoe und Chefarzt der dortigen Kinderklinik. Damit das gelingt, sei es gut, „sich gegenseitig im Verbund zu kennen“, sagte Hillebrand. Das betreffe sowohl die Schwerpunkte und Strukturen der Kliniken und Praxen als auch die Ansprechpartnerinnen und -partner. Beide Sektoren sollten Wochentage und Zeiten verbindlich festlegen, Urlaube mit bedenken und die Rotation arbeitsvertraglich regeln.
Hilfreich sei außerdem eine rechtzeitige Kommunikation unter den Partnern gegen Ende der Rotation. So könne die Klinik den Wiedereintritt der Weiterzubildenden besser planen und die Praxis eine Nachbesetzung organisieren. Der Klinikchef machte keinen Hehl aus der Mehrbelastung für die Klinikverwaltung durch Rechnungsstellung, Finanzierungsfragen und Vertragsmanagement. Trotzdem seien die Klinikleitungen im Land der Verbundweiterbildung gegenüber positiv eingestellt.
Deutlich wurde bei der anschließenden Podiumsdiskussion, dass Verlässlichkeit, Flexibilität, Pragmatismus und Offenheit für neue Konzepte gefragt sind, damit die Verbundweiterbildung funktioniert und die Versorgung verbessert werden kann.
Debatte um Finanzierung
Einer der Knackpunkte: das liebe Geld. Zwar fördert die KVSH die ambulante pädiatrische Facharztweiterbildung pro Jahr mit 5.800 Euro pro Monat und Weiterzubildendem für 16 Vollzeitstellen pro Jahr. Doch die Nachfrage explodiert: „Bis vor zwei Jahren war das ein Selbstgänger“, sagte Daniel Jacoby, Abteilungsleiter bei der KVSH, bei der Podiumsdiskussion. „Jetzt gehen die Zahlen durch die Decke, das können wir nicht bedienen.“
Für Herrmann berührt das erneut die Frage, warum die ärztliche Tätigkeit, die Weiterzubildende erbringen, nicht über den Praxisinhaber vergütet werden kann. „Dann hätte ich die Möglichkeit, Weiterzubildende länger in der Praxis zu haben und könnte gleichzeitig die Versorgung verbessern“, sagte er. „Das müssen wir anders denken.“
Doch selbst wenn das möglich wäre, lasse sich auf diesem Weg nicht das Gehalt eines Arztes in Weiterbildung refinanzieren, entgegnete ein niedergelassener Arzt im Publikum. „Wir sind ja budgetiert und können das nicht ausreichend abrechnen.“
Ambulante Weiterbildung nicht als Pflicht
Einhellig warnten Referenten und Podiumsgäste davor, die ambulanten Anteile der kinderärztlichen Fachweiterbildung verpflichtend zu machen, wie es etwa in Hessen der Fall ist. „Entscheidend sind die Inhalte, diese definieren den Ort der Weiterbildung“, sagte Kammerpräsident Herrmann. Zum einen wollten Pädiater sich spezialisieren und ohnehin in der Klinik bleiben oder forschen. Zum anderen könne es sonst passieren, dass aufgrund mangelnder Weiterbildungsplätze und starrer Vorgaben das (Förder-)geld aufgebraucht sei, bevor die Weiterbildung abgeschlossen werden konnte.





