In einem Labor zeigt eine Ausbilderin drei Besucherinnen, wie Auszubildende an einem Dummy (im Vordergrund) praktische Kompetenzen erwerben.
Bei einem Rundgang durch die Laborräume bekamen die Gäste einen Eindruck vom Alltag in der Überbetrieblichen Ausbildung. © Christian Augustin
Bei einem Rundgang durch die Laborräume bekamen die Gäste einen Eindruck vom Alltag in der Überbetrieblichen Ausbildung. © Christian Augustin

„Kompetenz entsteht durch Tun“

Ausprobieren statt auswendig lernen. Nicht nur wissen, sondern auch können: Mit diesem Ansatz ging die Überbetriebliche Ausbildung (ÜBA) von Medizinischen Fachangestellten an der Akademie der Ärztekammer Schleswig-Holstein 1986 an den Start.

Eike Ina Lamberty

Bei der Feier zum 40-jährigen Bestehen wurde deutlich, dass das erfolgreiche Modul nicht nur für die MFA, sondern für die medizinische Versorgung insgesamt wertvoller denn je ist. „Medizinische Fachangestellte sind das Rückgrat der Versorgung, ohne sie können wir diese nicht sicherstellen“, stellte Prof. Henrik Herrmann, Präsident der Ärztekammer Schleswig-Holstein in seinem Grußwort klar. Dass diese Berufsgruppe in Schleswig-Holstein mit der ÜBA besonders kompetenzorientiert und praxisnah ausgebildet wird, liegt nicht zuletzt an der ÜBA. Diese gibt es in ähnlicher Form bundesweit sonst nur noch in Hessen und Berlin.

Der geistige „Vater“ des Modells, der damalige Ärztekammer-Geschäftsführer Dr. Dr. Karl-Werner Ratschko, war unter den Ehrengästen der Feier in Bad Segeberg. Unter dem provokanten Motto „Theorie ist verboten“ habe Ratschko damals die ÜBA angestoßen. Die Idee: Ausprobieren, aus Wissen Können machen und aus diesem Können berufliche Sicherheit gewinnen. Sowohl Herrmann als auch Segebergs Bürgermeister Toni Köppen würdigten den innovativen Ansatz. Theorie könne an der Berufsschule gelehrt werden, sagte Köppen. „In der ÜBA dürfen auch mal Fehler gemacht werden – aus denen man ja lernt.“

„Theorie ist verboten“
Den außergewöhnlichen Praxisbezug der Überbetrieblichen Ausbildung an der Akademie der Ärztekammer unterstrich auch Sabina Baraucke-Schulz. Die Koordinatorin der ÜBA ist seit Januar 1987 und damit fast vom ersten Tag an dabei. Ihre Rollen wechselten, sie nutzte auch selbst die vielen Weiterbildungsmöglichkeiten der Akademie, übernahm immer mehr Verantwortung. Das Ratschko’sche Theorie-„Verbot“ sei der „Gamechanger“, der die ÜBA zu etwas ganz Besonderem mache, sagte Baraucke-Schulz in ihrem Rückblick auf vier Jahrzehnte ÜBA. „Das ist Ausdruck einer Haltung. Bis heute tragen die Ausbilderinnen diesen Satz weiter.“ Erfolgreiche Ausbildung lebe vor allem von den Menschen, die sie gestalteten, nicht nur von Strukturen. Das Credo: „Menschen nicht nur etwas beibringen, sondern ihnen etwas zutrauen und sie auf ihrem Weg begleiten.“

Eine Frau im festlichen Kleid spricht mit einem Mikrofon in der Hand vor einer beleuchteten Wand, neben ihr ein blau-rot-weißes Blumengebinde.
Sabina Baraucke-Schulz © Christian Augustin

„Menschen nicht nur etwas beibringen, sondern ihnen etwas zutrauen und sie auf ihrem Weg begleiten.“

Sabina Baraucke-Schulz

Fachwissen sei nicht unwichtig, zähle aber erst dann, wenn es spürbar sei, so die Koordinatorin. Kompetenz entstehe nicht durch Zuschauen, sondern durch Tun. „Am Ende bleibt nicht ,Ich habe es gelernt’, sondern ,Ich kann es’“, sagte Baraucke-Schulz. Für diese Entwicklung habe Ratschko den Grundstein gelegt. „Sie haben nicht verwaltet, Sie haben ermöglicht.“

Baraucke-Schulz bilanzierte die Meilensteine seit Gründung der ÜBA: Die erste praktische Abschlussprüfung in der Ärztekammer 1994, der Umbruch 2006, als aus der Arzthelferin die Medizinische Fachangestellte wurde. „Aus einem Assistenzberuf wurde ein Gesundheitsberuf mit eigenständigen Kompetenzen.“ Im Rahmen der Überbetrieblichen Ausbildung habe nicht nur Ausbildung stattgefunden, sondern die Akademie habe in Kooperation mit der Agentur für Arbeit auch Umschulungsmaßnahmen umgesetzt und Wiedereingliederungsmaßnahmen ermöglicht, sagte Baraucke-Schulz.

Herausforderung Lockdown
Dann der Lockdown 2020, Ausnahmezustand. Die ÜBA sei handlungsfähig geblieben, habe in kürzester Zeit digitale Lernmodelle implementiert. „Heute verbindet die ÜBA digitales Lernen mit praktischem Training.“ Dass die Idee der ÜBA auch diese Herausforderung erfolgreich gemeistert habe, sei vor allem das Verdienst von Akademieleiterin Cornelia Mozr. Mit „Weitblick, Beharrlichkeit und Vertrauen“ habe diese Bewährtes weitergeführt und Neues umgesetzt, sagte Baraucke-Schulz. Ebenso würdigte sie die Ausbilderinnen und die Kolleginnen der Verwaltung: „Ihr gebt dieser Idee jeden Tag ein Gesicht.“

Und welche Rolle spielen die MFA für die aktuelle medizinische Versorgung? Sind sie „unverzichtbar, unterschätzt, unterbezahlt?“– so die Fragestellung der anschließenden Podiumsdiskussion. Einig war das Podium sich nur im ersten Punkt: „Ohne MFA ist der Arzt in der Praxis nichts“, postulierte Dr. Jens Stegemann, in Bad Segeberg niedergelassener Allgemeinmediziner.

Wertschätzung und Anleitung zahlen sich aus
Heikler ist die Frage der Wertschätzung, das wurde in den Beiträgen deutlich. „MFA müssen deutlich mehr wertgeschätzt werden als es vielerorts der Fall ist“, sagte Dr. Sabine Menke, in einer Praxis angestellte Gynäkologin aus Flensburg und langjähriges Mitglied in zahlreichen Prüfungsausschüssen. Es gebe Praxen, „die arbeiten noch wie vor 30 Jahren, da hängt die MFA nur am Telefon“.

Grundsätzlich aber, das machte unter anderem Dr. Gisa Andresen, ärztliche Geschäftsführerin der Ärztekammer deutlich, sei die Bedeutung der Wertschätzung den Ärztinnen und Ärzten durchaus bewusst. Das Motto einer aktuellen Kampagne der Bundesärztekammer und Kassenärztlichen Bundesvereinigung „Von Beruf wichtig“ müsse verbreitet werden. „Es gilt, die Auszubildenden so zu betreuen, dass sie im Beruf bleiben wollen.“ Das hänge vor allem an einer strukturierten Anleitung innerhalb der Praxis, bestätigte Hannelore Ruge-Wenzel, selbst MFA und Mitglied des Berufsbildungsausschusses und der Prüfungsausschüsse MFA der Ärztekammer. „Sie müssen richtig angeleitet werden, sonst verlieren sie die Motivation.“

Ehrenmedaille für Dr. Sabine Menke 
Die Ärztekammer Schleswig-Holstein zeichnete die Gynäkologin Dr. Sabine Menke aus Flensburg für ihr langjähriges ehrenamtliches Engagement aus. Sie erhielt die Ehrenmedaille im Rahmen des Tages der Akademie.

Eine kurzhaarige, weißhaarige Frau mit Brille hält eine Urkunde und eine Medaille neben sich hoch und lächelt in die Kamera.

Das sei vielen Ärztinnen und Ärzten nicht ausreichend bewusst, merkte Dr. Frank Niebuhr, niedergelassener Arzt im Ruhestand, selbstkritisch an. „Gerade ältere Ärzte gehen ganz selbstverständlich davon aus, dass die MFA ,halt da sind’“, sagte er. Es fehle ein Leitbild, ein Plan, wie die Geschäfte zu führen seien.

Dr. Christine Schwill widersprach: „Ich empfinde die Wertschätzung gegenüber den MFA in meiner Praxis als sehr hoch. Wir kommen doch nur weiter in der Versorgung, wenn wir ein Team sind.“ Nach Ansicht von Menke ist es für die Attraktivität neben der interprofessionellen Zusammenarbeit mit flachen Hierarchien hilfreich, die Arbeitszeiten zu flexibilisieren und an die Bedürfnisse von berufstätigen Frauen mit Kindern anzupassen.

Idee: Zeremonie zum Abschluss der Ausbildung
Wie wichtig es für Praxen ist, sich als attraktiver Arbeitgeber zu positionieren, belegen die Zahlen. Zurzeit gebe es noch etwa 9000 mehr MFA als entsprechende Arbeitsplätze, sagte Jörn Krüger, Direktor des Schleswig-Holsteinischen Instituts für Berufliche Bildung. Doch bis spätestens 2040 werde sich das Verhältnis umdrehen. „Dann werden etwa 6000 MFA fehlen.“ Auch wegen dieses Mangels werde es unverzichtbar sein, die MFA gemäß ihren Qualifikationen einzusetzen und Aufgaben an sie zu delegieren.

Auf positiven Widerhall stieß der Vorschlag von Stegemann, den Abschluss der Ausbildung mit einer feierlichen Zeremonie nach dem Vorbild von Freisprechungen im Handwerk zu würdigen. Ebenso regte er an, dass die Ärztekammer Zertifikate für nachweislich gute Arbeitsbedingungen entwickeln könne, etwa als „Familienfreundlicher Arbeitgeber“.

In der Frage der Bezahlung wurde deutlich, dass sowohl über- als auch untertariflich bezahlt wird. Und dass das GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz eine höhere Entlohnung erschwere. „Wir als Ärzte haben da keine Planungssicherheit, wir würden gern mehr zahlen, vor allem an besonders engagierte MFA-Kolleginnen“, sagte Schwill.

Vorträge illustrierten Kompetenzrollen und Perspektiven der MFA
Abgerundet wurde die festliche Veranstaltung durch zwei Festvorträge. Ruge-Wenzel und Menke zeigten die Kompetenzrollen und insbesondere die Perspektiven für die MFA auf, die von beruflicher Weiterqualifikation bis hin zu einem akademischen Studium mit Bachelor- und Masterabschluss reichen. Zum Abschluss stellte Mirja Ehresmann, Leiterin Schulentwicklung und Bildung für nachhaltige Entwicklung des Landesseminars Berufliche Bildung, anschaulich die Vermittlung des Lehrprinzips des handlungsorientierten Lernens dar.

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