eine junge brünette Frau im blauen Blazer steht sprechend hinter einem Rednerpult.
Elisabeth Hahn ©Eike Ina Lamberty
Elisabeth Hahn ©Eike Ina Lamberty

Wenn das Essen zur Qual wird

Die psychische Belastung von Kindern und Jugendlichen ist hoch und steigt weiter. In der Folge nehmen laut Studien insbesondere Essstörungen zu. Bei der 3. Kommunalen Gesundheitskonferenz des Kreises Pinneberg nahmen Fachmediziner, Psychotherapeuten, Pädagogen und Suchtberater diese Entwicklung in den Fokus.

Eike Ina Lamberty

Die Anzahl der wegen einer Essstörung stationär behandelten Mädchen und jungen Frauen im Alter von zehn bis 17 Jahren hat sich zwischen 2003 und 2023 verdoppelt. Schleswig-Holstein und Hamburg führen dabei – bezogen auf die Zahl der Einwohner – gemeinsam mit weiteren Stadtstaaten die Liste an. Anorexia nervosa, Bulimia nervosa und Binge-Eating-Störung haben schwere körperliche Folgen: Schäden an Zähnen und Organen, Osteoporose, Herz-Rhythmus-Störungen, zerebrale Atrophie. Etwa 15 Prozent der Betroffenen sterben an ihrer Anorexie.

Detailliert nannte Elisabeth Hahn, Fachärztin für psychosomatische Medizin und Oberärztin an der Schön Klinik Bad Bramstedt, in ihrer Präsentation im Kreishaus Elmshorn Zahlen und Fakten zu einem Krankheitsbild, das zehnmal mehr Mädchen und Frauen als Männer betrifft. „Jedes fünfte Kind zeigt im Alter von zehn Jahren Anzeichen für eine Essstörung“, sagte Hahn. Eine Magersucht beginnt bei Mädchen in den meisten Fällen im besonders verletzlichen Alter zwischen 15 und 19 Jahren. Im Alter von 16 Jahren zeigt mehr als jedes dritte Mädchen Hinweise auf eine Erkrankung, während die Zahl der davon betroffenen Jungen sich annähernd halbiert hat.

Schlanke, etwa 30jährige Frau in Bluse und Strickjacke, referiert an einem Mikrofon.
Wiebke Heins ©Eike Ina Lamberty

„Eltern kommen in großer Sorge, da ist viel Aufregung, Angst und Hilflosigkeit.“

Wiebke Heins

Die Bulimie, bei der die Betroffenen unkontrollierte Essanfälle mit Erbrechen und exzessivem Sport kompensierten, um nicht zuzunehmen, setze bei ca. 80 Prozent der Betroffenen mit etwa 22 Jahren ein. Oft gehe eine Anorexie in eine Bulimie über. Die auf die gesamte Lebenszeit bezogene häufigste Störung sei Binge Eating. Zwischen 1,9 und 3,5 Prozent der Frauen und 0,3 bis 2,1 Prozent der Männer erkrankten daran.

Frühe Warnzeichen: Clean Eating, Kalorienzähler-Apps
„Eine Anorexie muss behandelt werden, die geht nicht von allein weg“, sagte Hahn. Und zwar je eher, desto günstiger sei die Prognose. Bei Jugendlichen liege die Heilungschance bei 70 Prozent. Doch woran können Angehörige, Lehrer oder Freundinnen erkennen, dass jemand an einer Essstörung, insbesondere einer Anorexie, erkrankt sein könnte? Und wie können sie das für sensible Thema ansprechen? „Zu Essstörungen gehört Ambivalenz, es geht immer eher über Empathie als über Druck“, sagte Hahn. Es helfe Betroffenen oft schon, wenn man zeige, dass man ihren Leidensdruck sehe, selbst wenn sie selbst keine Einsicht in ihre Erkrankung zeigten.

Allerdings sei der Umgang mit den Patientinnen selbst für erfahrene Behandler schwierig, sagte Hahn. „Man fühlt sich hilflos.“ Umso belastender sei die Situation für Angehörige. „Eine Anorexie ist oft qualvoll anzuschauen. Da ist es schwer, geduldig zu bleiben und die Nerven zu behalten.“

Frühe Warnzeichen könnten das sogenannte Clean Eating, die Fixierung auf Kalorien- und Schrittzähler-Apps, das Vermeiden von Mahlzeiten, Rückzug und hohe Reizbarkeit sein, sagte Hahn. Rascher Gewichtsverlust, ein Body Mass Index (BMI) unter 17,5 kg/m2, Schwindelgefühle, Kälte, Körperbild-Verzerrung, Zwangsrituale kennzeichneten die manifeste Phase der Anorexie.

„Eine Anorexie ist oft qualvoll anzuschauen. Da ist es schwer, geduldig zu bleiben und die Nerven zu behalten.“

Elisabeth Hahn

Wichtig für die Überwindung der Krankheit sei eine multimodale Therapie, bei der erfahrene Fachärztinnen, Psychotherapeuten und der Hausarzt eng zusammenarbeiteten und die Familie einbezogen werde. „Die Patientin braucht klare Ziele und Regeln für ihre äußere Sicherheit und eine gute Beziehung zu den Behandlern für ihre innere Sicherheit.“

Eine Essstörung kann durch eine Vielzahl von Risikofaktoren ausgelöst werden. Genetische, soziokulturelle und individuelle Faktoren spielen ebenso eine Rolle wie familiäre Belastungen und Lernerfahrungen. Mit Blick auf diese komplexe Problematik warnte Hahn vor Schuldzuschreibungen und Pauschalisierungen. „Jede Erkrankung ist individuell zu betrachten.“

„Wir sollten uns hüten vor Vorurteilen“, sagte auch die zweite Referentin der Konferenz, Wiebke Heins, systemische Psychotherapeutin bei dem Hamburger Fachzentrum für Essstörungen Waage e. V. Gemeinsam mit ihren drei Kolleginnen berät sie Betroffene und vor allem auch deren Angehörige. Der Bedarf an dem niedrigschwelligen Angebot des Fachzentrums sei groß. 700 Beratungen pro Jahr führen die Beraterinnen vor Ort durch, darüber hinaus beraten sie telefonisch. „Eltern kommen in großer Sorge, da ist viel Aufregung, Angst und Hilflosigkeit“, sagte Heins. „Die meisten wünschen sich von uns Orientierung, einen Plan, den sie Punkt für Punkt abhaken können.“

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